Köln

„So können wir nicht arbeiten“

Die Corona-Krise bringt den Kölner Domchor in Probleme. Ein Gespräch mit Domkapellmeister Eberhard Metternich und dem Domkantor Oliver Sperling.

Chorprobe auf der Domplatte
Das wäre der Idealzustand, der Chor dicht beieinander. Doch in Corona-Zeiten ist das nicht möglich, die Sicherheitsabstände müssen eingehalten werden. Foto: C. Graf Hoensbroech

Das ist ein Teil der Musik, die wir wohl nicht singen werden“, sagt Eberhard Metternich und weist auf einen Tisch. Dort stapeln sich sieben prall gefüllte Dokumentenordner, auf denen noch rund ein Dutzend weitere Notenbücher liegen. Eine ähnlich große Menge bildet außerdem noch diejenige Chorliteratur, die in den vergangenen sechs Monaten gar nicht erst gesungen werden konnte. „Wenn es so bleibt, können wir nicht weiterarbeiten“, stellt Metternich mit Blick auf die derzeit geltenden Corona-Bestimmungen in Nordrhein-Westfalen fest. Sein Kollege Oliver Sperling ergänzt: „Dann können wir in einem Jahr dicht machen.“

Noch sehen die beiden Kirchenmusiker den Bestand ihrer Chöre nicht gefährdet. Der vom Kölner Domkantor Oliver Sperling im Jahr 1989 mitbegründete und seitdem geleitete „Mädchenchor am Kölner Dom“ besteht aktuell aus rund 140 jungen Sängerinnen. Auch der Nachwuchs ist – noch – für die kommenden Monate gesichert, denn 23 Mädchen singen im Vorchor, dem sogenannten B-Chor. Auch Professor Eberhard Metternich, der als Domkapellmeister das musikalische Leben an der Kölner Kathedrale insgesamt verantwortet und den dortigen „Kölner Domchor“ leitet, ist beim Blick auf die nackten Zahlen noch entspannt: Rund 70 Jungen und 50 Männer gehören zum Kölner Domchor, 26 Nachwuchssänger singen im B-Chor. Aber wie lange geht das noch? Die Anmeldezahlen für die musische Vorschule an der Musikschule des Kölner Domchores im Kardinal-Höffner-Haus sind dramatisch eingebrochen. Werbungsmöglichkeiten wie beispielsweise ein „Tag der offenen Tür“ finden nicht statt.

„Je länger diese Perspektivlosigkeit andauert, umso mehr orientieren sich die Kinder um“, stellt Sperling nüchtern fest. Eine Reihe von Abmeldungen hat es schon gegeben. Für die Chorleiter geht es neben der ohnehin schon erschwerten musikalischen Ausbildung eben immer mehr darum, jede Sängerin und jeden Sänger zu motivieren. Es fehlen Ziele wie beispielsweise eine Chorfahrt, ein Konzertauftritt, eine mehrtägige Reise, ein Probenwochenende, Teilnahme an Wettbewerben – und vor allem die Erfüllung des eigentlichen Auftrags, nämlich die musikalische Gestaltung der Liturgie in der Kathedrale. Da wird mitunter auch mal die Frage von einem Chormitglied aufgeworfen, für wen oder was denn das alles in diesen Zeiten gut sein soll. „Wir regeln zwar vieles in Kleingruppen, aber es wird immer schwieriger, das Gefühl und das Bewusstsein für die Zugehörigkeit zu einer Chorgemeinschaft zu leben“, sagt Metternich. Er weist aber auch auf die andere Seite der Medaille hin: Die durch die Pandemie geprägte Situation stärkt auch den Zusammenhalt innerhalb der Chorgemeinschaft. So der Blick zurück auf die vergangenen Monate.

Vor drei Wochen hat sich Eberhard Metternich dann mit seinen Kollegen von den Kathedralkirchen in Münster, Paderborn, Essen und Aachen an den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) persönlich gewandt. Ihre Botschaft gegenüber dem Landesvater, der im Rahmen der Vortragsreihe „Domgedanken“ im St.-Paulus-Dom zu Münster vorgetragen hatte: Durch die Corona-Auflagen kommt den Chören der Nachwuchs abhanden.

Das gilt insbesondere für die geltende Abstandsregelung beim Singen – drei Meter zur Seite, vier Meter nach vorne. In der Probenpraxis sieht das beispielsweise dann so aus, dass Oliver Sperling seinen Mädchenchor auf 13 Gruppen mit maximal 13 Mädchen aufgeteilt hat. Jede Gruppe trifft sich einmal in der Woche für eine 45-minütige Probe. Beim 1863 wiederbegründeten Domchor sind es elf Gruppen. Vor der Pandemie kamen Jungen und Mädchen jeweils dreimal in der Woche zu ihren Proben, insgesamt rund viereinhalb Stunden.

Proben mit Distanz sind schwierig durchzuführen

Ob es am Appell der Kirchenmusiker gelegen hat? Wie dem auch sei: In der vergangenen Woche hat die Landesregierung die Corona-Schutzverordnung (Corona SchVO) aktualisiert und die Abstandsauflage angepasst. Ist das nun die erhoffte Perspektive? Denn nun ist das Singen – wie bereits in Bayern, Baden-Württemberg und Berlin schon länger praktiziert – mit zwei Metern Abstand zu allen Seiten bei versetzter Aufstellung möglich. „Da sind wir zwar immer noch sehr weit weg vom Normalfall, aber es ist ein erheblicher Schritt zurück zu einer wirkungsvollen, nachhaltigen Chorarbeit“, erklärt Metternich. Hinzu kommt, dass an der Musikschule des Kölner Domchores die notwendigen räumlichen, technischen und organisatorischen Möglichkeiten alle gegeben sind, „um einen verantwortbaren Choralltag zu realisieren“, so Oliver Sperling.

„Wenn die sich nicht hören, sind sie verloren
und bekommen kein Stimmgefühl“

Eine Chorprobe mit maximal 13 jungen Personen, die weit auseinanderstehen, ist eine enorme Herausforderung. Mit erfahrenen Chorsängern lässt sich so etwas vielleicht noch durchführen, aber mit Kindern, die gerade am Anfang ihrer Integration in einen Chor, zumal mit hohen künstlerischen und professionellen Ambitionen, stehen? „Wenn die sich nicht hören, sind sie verloren und bekommen kein Stimmgefühl“, bringt es Sperling auf den Punkt und erwähnt noch einen weiteren Aspekt, nämlich die Zeit: „Wenn ich einen Einsatz gebe, sehen die Sängerinnen zwar den Schlag, aber sie sehen ihn eben nicht alle gleichzeitig und setzen somit auch nicht alle gleichzeitig ein.“ Und ein weiteres: Mehrstimmige Proben lassen sich gar nicht durchführen. „Wie soll das gehen bei solch kleinen Gruppen?“, fragt Metternich rhetorisch. Für die beiden Chorleiter und sicher auch ihre Kollegen an den anderen Kathedralen gibt es zudem noch ein ganz anderes Problem. Wenn nämlich doch irgendwo eine Messe oder eine Veranstaltung mit einer kleinen ausgewählten Gruppe von Sängerinnen und Sängern stattfindet und weitestgehend harmonisch-musikalisch abläuft, kann schnell der falsche Eindruck entstehen „Na, läuft doch.“

„Es läuft eben nicht, weil viele Zuhörer kein Bild davon haben, welche Schwierigkeiten und Herausforderungen wir alle bei der eigentlichen Arbeit, sozusagen an der Basis, bewältigen müssen“, sagt Oliver Sperling. „Was mich ärgert, ist diese Ungleichbehandlung“, so der Domkapellmeister.„Fußball mit 30 Personen eines Vereins in einem geschlossenen Raum ist möglich, aber das soll für Chöre nicht möglich sein?“ Nun wollen er, Sperling und weitere Mitarbeiter der Kölner Dommusik, rasch den Choralltag auf die neuen Regelungen hin anpassen.

Problematisch bleibe aber, was dann außerhalb des gemeinsamen Singens stattfinde. Denn zur Chorgemeinschaft gehört nun auch das soziale Leben, beispielsweise Treffen und gemeinsame Aktivitäten vor oder nach der Probe. „Diese müssen weiterhin entfallen. Wenn sie aber privat stattfinden, appellieren wir aktiv an das individuelle Verantwortungsbewusstsein und die Disziplin unserer Sängerinnen und Sänger“, erklären die Leiter der vielfach preisgekrönten Kölner Domchöre. Wie sehr der soziale Zusammenhalt den Sänger der Kölner Domchöre – und auch deren Angehörigen – gefehlt hat, zeigte sich dieser Tage. Da gab es im für die Allgemeinheit geschlossenen Dom an einem Tag eine Messe für und mit dem Mädchenchor und deren Angehörige sowie anderntags eine für und mit dem Domchor und Anhang. „Die große Teilnahme an den Messen hat uns gezeigt, wie sehr wir uns alle nach unserer Chorgemeinschaft gesehnt haben“, hebt Eberhard Metternich hervor. Oliver Sperling ergänzt: „Das gibt Hoffnung für die Zukunft und unsere weitere Arbeit.“

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