Heroldsbach

Mit der Leuchtkraft der Wahrheit

Eine Philosophin, die ihre geistige Kraft aus unbegrenztem Gottvertrauen schöpfte: Ein Nachruf auf Alma von Stockhausen.

Philosophin Alma von Stockhausen (1927-2020)
Sie war analysestark, entschieden und furchtlos: die Philosophin Alma von Stockhausen (1927-2020). Foto: Hesemann

Wer sie erlebte, begegnete einer hellwachen, wissensdurstigen und der Wahrheitssuche verschriebenen Persönlichkeit, deren Augen die Schönheit der gefundenen Klarheit im festen Glauben an den lebendigen Gott durchblitzend vermittelten. Sie selbst war fasziniert von der Leuchtkraft des Schöpfers und konnte andere faszinieren. Mit analytischer Präzision und Furchtlosigkeit gegenüber jeder Irrlehre. Mit intellektuell scharfer Liebenswürdigkeit. Mit einer unbestechlichen Geradlinigkeit. Alma von Stockhausen schöpfte ihre geistige Prägnanz aus der weiten Fülle eines unbegrenzten Gottvertrauens. Am 4. Mai hat sie, die große Philosophin und Lehrerin, im Mariengebetsort Heroldsbach in den frühen Morgenstunden nach einer schweren Krebserkrankung im Alter von 92 Jahren ihre letzte Reise ins himmlische Vaterhaus angetreten. Dort endete die irdische Lebensreise, die am 30. September 1927 im westfälischen Münster begonnen hatte und über Göttingen und Freiburg, wo die schon als Kind an der Philosophie Interessierte Schülerin von Martin Heidegger wurde und wo sie bei Max Müller promovierte und ihren Meister Gustav Siewerth fand. Dessen christliche Metaphysik in der Verankerung der Lehre von Thomas von Aquin wurde zeitlebens ihre Leidenschaft.

Es ist ein beredtes Zeugnis ihrer Geistesstärke, dass sie, die Schülerin, sich nicht scheute, ihren Lehrer Heidegger im direkten wissenschaftlichen Disput zu widerlegen. Mit Sorge betrachtete sie schon früh, dass die neuzeitliche Philosophie entscheidend auf dem Deutschen Idealismus und dem Existenzialismus basiere, der nicht zuletzt durch Heidegger und seinen Schüler Karl Rahner Eingang in die Theologie gefunden habe. Der Deutsche Idealismus, so sagte sie 1990 einmal in einem Gespräch mit dem Verleger Bernhard Müller, sei „wohl die Grundlage für den Neomarxismus unserer Tage beziehungsweise den Neodarwinismus oder auch die Existenzialphilosophie“. Und „zwischen Heidegger und Thomas“ gebe es „Abgründe“. Weil sie eine kritische Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist und seinen verführerischen Irrwegen suchte, fand sie in Gustav Siewerth und dessen Weiterentwicklung der thomasischen Philosophie jenen gedanklichen Meister, nach dem sie dann mit der „kleinsten Hochschule Deutschlands“ die im Schwarzwald gelegene und von ihr gegründete Akademie benannte. Hier wollte sie eine Begegnungsstätte von klassischer Metaphysik und moderner Natur- und Sozialwissenschaft schaffen und der christlichen Metaphysik eine notwendige „naturphilosophische Erweiterung“ ermöglichen.

Das Wichtigste für die Professorin war, Karl Marx zu widerlegen

Alma von Stockhausen war beseelt davon, den abendländischen Wertvorstellungen eine strahlende Zukunft in die neue Zeit zu erarbeiten. Wenn man sie nach ihren wichtigsten Lehrern fragte, nannte sie ihre Eltern – sowie ihren drei Jahre jüngeren Bruder Armin, der wie zwei weitere ihrer fünf Geschwister ein überzeugender und beeindruckender Priester wurde. Den philosophischen Tiefgang legte ihr wohl die Mutter, eine geborene Gräfin von Bernstorff und zum katholischen Glauben konvertierte studierte Philosophin, mit in die Wiege. Den Kampfgeist und die Unerschrockenheit eines in gläubiger Anbetung verankerten Christen lebte ihr der Vater, ein promovierter Jurist und Historiker, vor. Hitlers „Mein Kampf“ konterte er mit dem Werk „Europas Kampf um Christus“, so wie er jedem „Heil Hitler!“ ein entschiedenes „Grüß Gott!“ erwiderte. Mit dankbarer Ehrfurcht vor dem Vater verstand Alma es, auch noch im hohen Alter zu erzählen, wie dieser seine Tochter unterstützte, als sie vom Rektor der Schule erfahren hatte, sie könne kein Abitur machen, weil sie sich weigerte, in die Partei einzutreten. Der Vater besuchte daraufhin am nächsten Tag zusammen mit der 16-jährigen Alma den obersten Nazi in Aschendorf und machte dem Kreisleiter – nicht ganz ungefährlich, denn das hätte auch eine Verhaftung durch die Gestapo zur Folge haben können – eine klare Ansage. Mit Erfolg. Denn dieser rief den Rektor an – und Alma konnte das Abitur machen.

Kein Wunder, dass die unängstliche Philosophin als Professorin in Freiburg in den Zeiten der 68er Revolte in Freiburg aneckte und „modernes“ Denken bis aufs Äußerste provozierte, zumal für die das Wichtigste war, „Karl Marx zu widerlegen“. Die Studenten brachten ihr dafür viel Hass entgegen, ihre Vorlesungen wurden gesprengt, und auf die wissenschaftliche und immer ruhig und gelassen vorgetragene Widerlegung der marxistischen Ideologie wurde mit Intoleranz, Gewalt und unbeherrschter Bosheit reagiert. Sie wurde einmal mit einem Lasso von der grölenden Menge aus dem Hörsaal abgeführt und sollte, wie sie selbst berichtete, „gebubackt“ werden. Buback war der Generalbundesanwalt, den die linke Terrorzelle „Rote Armee Fraktion“ ermordet hatte. Der Rektor der Universität, zu dem sie „geschleppt“ wurde, wollte ihr nicht helfen: „Zum Glück kam es nicht zu meiner Erschießung“, aber eine Vorlesung konnte sie fortan an der Uni nicht mehr halten. Daher gründete sie ihre eigene Akademie.

„Brückenbauerin zwischen Glaube und Vernunft“

Ihre erkenntnistheoretische Sicherheit äußerte sich übrigens auch darin, dass sie viele marxistische Studenten zu sich nach Hause einlud, um ihnen in aller Ruhe Karl Marx zu widerlegen und den christlichen Glauben mit der darin geschenkten Weite und Freiheit zu erklären. Bereits damals zeigte sie sich als begnadete „Brückenbauerin zwischen Glaube und Vernunft“ (Michael Hesemann). Als Folge dieser privaten philosophischen Seminare gab es etliche Bekehrungen zum katholische Glauben. Alma von Stockhausen verstand es immer, eine aus der Sehnsucht nach Wahrheit drängende Glaubenstiefe mit der Präzision eines hellwachen Geistes in unbestechlicher Klarheit zu verbinden. Wer dieser Gelehrten, die mit großer Achtsamkeit anderen zuzuhören vermochte, zuhörte, konnte die Frische eines geradlinigen Geistes aufgeklärter Aufklärung regelrecht verkosten. Und ihr im Alter etwas gebeugter Körper beherbergte bis zum Schluss eine faszinierende Herzens- und Geistesaufrichtigkeit.

Erklärte Lutherverehrer werden das sicher anders sehen. Denn sie wurde auch bekannt als unerbittliche Kritikerin des Reformators, den man nicht anders als dialektisch begreifen könne. Die falsche und deutsche Philosophie sei nicht nur von Luther beeinflusst, sondern habe bei ihm ihren – man möchte sie sagen hören – verheerenden Ursprung.

Papst Benedikt hingegen, mit dem sie seit Jahrzehnten einen regen geistigen Austausch pflegte, würdigte ihre visionäre philosophische Kraft, Klarheit in die Verbindung von Glaube und Vernunft zu tragen mit „der Vernunft des Glaubens als Frucht der Anstrengung des Denkens“. Alma von Stockhausen lebte mit der Luzidität des Geistes die Überzeugung, dass die Leuchtkraft der Wahrheit kein Verfallsdatum kennt. Mit ihrem Heimgang ist sie auf der letzten Wegstrecke ihrer 1990 so formulierten Botschaft, „dass die Einzigartigkeit der menschlichen Persönlichkeit nicht nur in diesem Leben, sondern auch was das zukünftige Leben, die Existenz des himmlischen Jerusalem betrifft, eine unvergleichbare Wahrheit ist“.

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