Starnberg

Marcuse probt den Aufstand gegen den Tod

Mit einer programmatischen Schrift für die Studentenbewegung hat Herbert Marcuse auch die Antike gegen das Christentum ausgespielt.

Herbert Marcuse,  1971
Mit den Gesängen des Orpheus wollte Herbert Marcuse den Strukturen von Staat, Religion und Familie entkommen. Foto: imago images

Die Philosophie der 68er Studentenbewegung ist angetreten, Normen der bürgerlichen Gesellschaft aufzulösen. Das gilt für die französische Philosophie, die Postmoderne um Foucault und Derrida genauso wie für die Frankfurter Schule mit ihrem Institut für Sozialforschung seit den dreißiger Jahren. Aus dieser Schule war ein Buch besonders wirkungsreich für die gesellschaftlichen Veränderungen – „Triebstruktur und Gesellschaft“ (1957) von Herbert Marcuse (1898–1979), in Amerika unter dem Titel „Eros and Culture“ 1955 erschienen. Das Buch plädiert neomarxistisch dafür, mit einer gegenüber Marx aktualisierten Kapitalismuskritik die „Unterdrückung“ des Menschen zu beenden.

Denn die Soziologen und Philosophen der Frankfurter Schule hielten die Versprechen der Aufklärung und die Möglichkeiten der bürgerlichen Gesellschaft für gescheitert, wozu auch die Wissenschaft gehöre – Marcuse geht insbesondere auf Freuds Psychoanalyse ein. Denn Marcuse bringt einen besonderen Dreh in die Gesellschaftskritik der Frankfurter Schule – er will die Triebstruktur des Menschen befreien. Das Buch hat den Untertitel „Ein philosophischer Beitrag zu Sigmund Freud“ und beginnt mit den Worten: „Dieser Essay verwendet psychologische Kategorien, da sie zu politischen Kategorien geworden sind.“ Mit Freud glaubt Marcuse ein Argument für den Wunsch nach Durchsetzung der Triebbefreiung der damals jungen Generation gefunden zu haben.

Der neurotische Charakter des Freud'schen Bürgers

Marcuse geht aufs Ganze. Er geht nämlich von Freuds These aus, dass Kultur und Zivilisation „auf der permanenten Unterjochung der menschlichen Triebe“ beruhen, ohne dass die Kultur das Problem zu lösen vermag. Also sei unsere Kultur die falsche, folgert Marcuse: „Das Glück muss der Disziplin der Arbeit als Volltagsbeschäftigung untergeordnet werden, der Disziplin der monogamen Fortpflanzung, dem geltenden System von Recht und Ordnung. Die methodische Aufopferung der Libido, ihre strikt erzwungene Ablenkung auf sozial nutzbringende Tätigkeiten und Ausdrucksformen ist Kultur“, schreibt Marcuse. Vor dem neurotischen Charakter des Freud'schen Bürgers, der die Unterdrückung verinnerlicht und sich in einen manipulativen Wohlfahrtskapitalismus begeben habe, versagt nach Marcuse der orthodoxe Marxismus wie auch die bewusstseinsaufklärende Funktion der Psychoanalyse. Was aber ist sein Gegenmittel?

Die Gedanken Marcuses kreisen in Anlehnung an Freud um die Spannung zwischen zwei Prinzipien. Da ist einmal das Realitätsprinzip, das als Leistungsprinzip den ganzen Menschen etwa in der Arbeitswelt fordert. Das Realitätsprinzip steht nach Marcuse aber auch für alles, was im Über-Ich das Bestimmende ist und was zum Triebverzicht führt: staatliche Ordnung, Religion, Familie – schlicht das ganze „System von Institutionen“ als das, was kulturschaffend ist. Dem steht das Lustprinzip gegenüber, anarchisch und subversiv, das die Lust des Einzelnen gegen das Realitätsprinzip fordert gegen das Gesetz, die Figur des Vaters und gegen die Religion, wie Marcuse schreibt. Gegen diese drei „Realitäten“ versucht Marcuse auch vorzugehen.

Typischer Affront gegen Religion

Mit Freud sieht er Leben und Leiden Jesu als Kampf gegen den Vater: „Die Botschaft des Sohnes war eine Botschaft der Befreiung: der Sturz des Gesetzes (das Herrschaft ist) durch Agape (die Eros ist).“ Doch „das Christentum hätte dann das Evangelium von Agape-Eros wieder dem Gesetz unterworfen, die Vaterschaft wäre wieder aufgerichtet und verstärkt… Leiden und Unterdrückung wurden verewigt“. Dieser typische Affront der Vordenker von '68 gegen die Religion schlägt dann aber selbst in die Dialektik der Aufklärung um. Was Marcuse hier aufklärerisch zu denken versucht, endet selber im Mythos. Denn er versperrt sich den Weg zu Christus und empfiehlt Orpheus: „In seiner Person sind Kunst, Freiheit und Kultur auf ewig vereint. Er ist der Dichter der Erlösung, der Gott, der Frieden und Rettung bringt, indem er Mensch und Natur nicht durch Gewalt, sondern durch den Gesang befriedigt.“

Wo der Philosoph Marcuse nicht mehr weiter weiß, greift er zu Dichtung und Gleichnissen. „Das Paradies kann immer wieder von neuem geschaffen werden“, zitiert er André Gide und empfiehlt immer wieder, sich Orpheus und Narziss sowie dem beiden verwandten Dionysos zuzuwenden – gegen die Welt des Prometheus. Er ist der „Kulturheld der Mühsal, der Produktivität und des Fortschritts durch Unterdrückung“ und steht so für die Strukturen der Ordnung, die Marcuse beseitigen will. Gegen diese Ordnung lässt Marcuse auch nicht aus, Rilkes „Sonette an Orpheus“ zu zitieren: „Sie schlief die Welt. Singender Gott, wie hast/ du sie vollendet, dass sie nicht begehrte,/ erst wach zu sein? Sieh, sie erstand und schlief./ Wo ist ihr Tod?“ Indem Marcuse den Tod anführt, spricht er aus, worum es ihm letztlich geht. Denn der Tod ist es ja, der allem lustvollen Singen des Orpheus entgegensteht.

„Die Lust kommt durch den Tod an ihr Ende“

Marcuse muss also etwas finden, mit dem er dem Realitätsprinzip zu entkommen versucht, womit er also letztlich die Institutionen von Staat und Kirche unterlaufen zu können meint. Die Lust allein, die Ewigkeit will, wie er die Worte Nietzsches anführt, reicht hierfür nicht. Denn die Lust kommt durch den Tod an ihr Ende. Oder doch nicht? Das „Klima der Sprache“ sieht Marcuse bei Rilke und Gide als „,Tilgung der Spuren der Ursünde‘ – ist die Auflehnung gegen eine Kultur, die auf Mühsal, Herrschaft und Triebverzicht gründet. Die Urbilder des Orpheus und Narziss versöhnen Eros und Thanatos.“ Eros und Thanatos, Lebenstrieb und Todestrieb, sollen versöhnt werden, so dass der Tod in der Sicht Marcuses keine Gefahr mehr ist: „Der orphische Eros verwandelt das Dasein: Er überwindet Grausamkeit und Tod durch Befreiung. Seine Sprache ist der Gesang, sein Werk ein Spiel.“ Darum schreibt Marcuse auch viel über Schillers Spieltheorie, weil das Spiel der Wesenskern des Menschen sei, gegen alle rationale Ordnung.

Marcuse will, ohne das weiter philosophisch zu begründen, eine „libidinöse Vernünftigkeit“, die die „Kanäle monogamer Fortpflanzung zerstört“ und wo das Leben nicht mehr in „Heim und Ehebett durchtränkt ist vom Geist göttlicher und moralischer Gesetze“; eines Lebens, das durch „grausame Domestikationsprozesse“ zu Liebe, Treue und verantwortlichen Beziehungen gefunden habe, so dass Sexualität durch Liebe und nicht durch Eros geadelt worden sei. Anders als die Liebe könne der an antiken Vorbildern geschulte Eros den Tod überwinden und die „mütterlichen Urbilder“ freisetzen, womit sich Marcuse gegen die ganze christliche Tradition setzt.

Für Marcuse ist der Tod ein Moment der Unterdrückung

Er meint nämlich, dass dem Todestrieb, der sich mit seiner Absage an die Lust unter dem Realitätsprinzip realisiert, beseitigt wird, wenn wir nicht an die Beendigung des Lebens, sondern des Leidens denken. Der Tod spiele dann keine Rolle mehr und sei kein Ende der Ewigkeit wollenden Lust, wenn es kein Leiden mehr gebe: „Der Triebwert des Todes wäre ein anderer geworden.“ Das Leben wäre ein erfülltes, weil der Tod nicht mehr „sinnlos“ mit „zehn, fünfzig oder siebzig Jahren“ käme, sondern selbstbestimmt und frei gewählt. „Die stillschweigende, ärztliche Zustimmung zu der Tatsache von Tod und Krankheit ist vielleicht der verbreitetste Ausdruck des Todestriebes – oder besser, seiner sozialen Brauchbarkeit. In einer repressiven Kultur wird der Tod selbst zu einem Moment der Unterdrückung... Die Theologie und die Philosophie liegen heute in einem Wettstreit um die Verherrlichung des Todes als existenzieller Kategorie“, indem sie eine biologische in eine ontologische Tatsache verkehrten. Die Philosophie aber brauche die „Große Verweigerung“ – der Weigerung Orpheus, des Befreiers, wie Marcus meinte.

So wurde Marcuse, der vielversprechend mit dem Habilitationsversuch „Hegels Ontologie und die Theorie der Geschichtlichkeit“ (1932) bei Martin Heidegger begann, der aber die Habilitation ablehnte, zum Gesellschaftsrevolutionär. Seine Ideen zum Eros haben nicht nur auf die damaligen Studenten gewirkt, sondern scheinen mit ihrer lustbetonten Ablehnung des Todes durch ein selbstbestimmtes Lebensende gerade heute erschreckend aktuell.


Herbert Marcuse: Triebstruktur und Gesellschaft. Bibliothek Suhrkamp, dt. 1957, ISBN: 3-518-01158-2

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