Trumau

Glaube überwindet die Sintflut aus Angst

Von Chaos, Fleischlichkeit und Unfreiheit: Die Trumauer Literaturtagung verweist angesichts der Pandemie auf das „Vertrauen in einen heilen Kern“.

Sintflut
Sintflut: Die erste apokalyptische Erzählung der Bibel zeigt, dass die Welt in ihrem Bestand nicht gesichert ist. Foto: IN

Tief haben sich in unser aller Bewusstsein die Bilder von Sintflut und Arche eingegraben. Vielleicht, weil sie „etwas über den Menschen sagen – wenn nicht alles“, wie die Schriftstellerin und Philologin Christine Wiesmüller am Samstag bei der Eröffnung der von ihr organisierten Literaturtagung auf Schloss Trumau meinte. „Die Urgeschichte gibt Auskunft über den Menschen“, ist sie überzeugt.

Also komponierte sie am „Internationalen Theologischen Institut“ (ITI) in Trumau, südlich von Wien, einen Tagungs-Zyklus, der die großen Bilder des Buches Genesis theologisch, philosophisch und literarisch auszudeuten versucht: als Erzählungen über den Menschen.

Stand im Vorjahr der Turmbau zu Babel („Die Tagespost“ berichtete) im Fokus, so ging es nun unter dem Motto „Sie sind ja nur mehr Fleisch. Die Flut!“ um die Sintflut und ihre Aussage über den Menschen, sein Verderben und Vergehen. Bereits die „Schlangengeschichte“ in Genesis 3 zeige die „Irritation“, die in Gottes gute Schöpfung gekommen war, dass es schon gefallene Wesen gab, deren Ziel es war, den Menschen von Gott zu trennen, so der Theologe und Judaist Bernhard Dolna, der nicht nur Dekan der Hochschule Trumau ist, sondern auch in Jerusalem und Heiligenkreuz lehrt. Anti-göttliche Kräfte bauten auf Lüge, Knechtung und Vernichtung, darum bezeichne Jesus im Johannesevangelium den Bösen als „Vater der Lüge“, „Fürst der Welt“ und „Menschenmörder von Anbeginn“. Das kenne man aus dem 20. Jahrhundert in rassistischer, nationalistischer, marxistischer und mamonistischer Spielart, merkte Dolna an.

Die Sintflut-Erzählung zeige, dass die Verfehlungen des Menschen Einfluss auf die Welt haben. „Der Mensch hat gesündigt, und die Erde ist verflucht. Das Erdreich trägt den Fluch der Menschentat.“ Die Vernichtung zielt auf „Fleisch“, wie Genesis 6 die von Gott abgefallene Menschheit nennt. In der Diskussion deutete Dolna die im Johannes-Prolog betonte „Fleisch“-Werdung des göttlichen Logos so: „Er hat alles angenommen. Die Welt-Schuld aus der Fleisch-Haltung wird von Ihm hinweggetragen. Er erlöst das Fleisch.“ Was der Mensch verdorben habe, mache Jesus wieder gut.

„Der Mensch wird die Angst nicht los,
am Anfang der finalen Epoche zu stehen“

Als erste apokalyptische Erzählung der Heiligen Schrift vom Ende der Zeit und des Menschen legte der Zisterzienserpater und Philosoph Dominicus Trojahn die Sintfluterzählung dar. „Die Welt ist in ihrem Bestand nicht gesichert“, sei der eine Grundton; die Hoffnung, die drohende Katastrophe zu überleben, der andere. „Der Mensch wird die Angst nicht los, am Anfang der finalen Epoche zu stehen“, so der Zisterziener, der versicherte: „Das anbrechende Gericht ist kein Problem: Der schlimmste Fall des Gerichts ist immer noch Ausdruck der Liebe Gottes.“

Dem Chaos gegenüber verhalte sich der Mensch voll Angst, die ihn unfrei mache. Umgekehrt sei Freiheit ein Produkt der Erkenntnis von Wirklichkeit: Durch die wesensgemäße Erkenntnis der Welt gelange der Mensch zur Freiheit. In diesem Sinn deutete Trojahn Erkennen als Mitwissen mit Gott, Sünde aber als intellektuelles Versagen und Weg in die Unfreiheit.

Vernunft bedarf des Erkennens der Realität

Alle Wirklichkeit habe eine logische (Logos-gemäße) Struktur, weshalb sie sich auch im Wort spiegeln könne. „Die Dinge sind nicht absurd. In ihnen liegt bereits die Möglichkeit der menschlichen Erkenntnis.“ Die Vernunft sei ihrer Natur nach auf die Erkenntnis von Wirklichkeit gerichtet.

Nicht nur technisch und formal war die Literaturtagung von der Corona-Pandemie geprägt, sondern auch inhaltlich: Von einer „Sintflut der Angst“ sprach der Rektor des „Internationalen Theologischen Instituts“ (ITI), Christiaan Alting von Geusau. Die „Existenzängste des Ichs“ würden wachsen, die Würde des Menschen werde „im Eiltempo untergraben“ und der Rechtsstaat durch den „Gefühlsstaat“ ersetzt. Alting von Geusau warnte vor einem Expertentum, das mehr und mehr die Verantwortung der Politiker verdränge.

Schaden Corona-Maßnahmen mehr, als sie nutzen?

Der Rektor der Hochschule Trumau zitierte Wissenschaftler, die darauf hinweisen, dass wirtschaftliches Chaos, Krankheit und Tod in Folge der Corona-Maßnahmen größeren Schaden anrichten würden als der Virus selbst. Aufgrund einer sich zum Rausch steigernden Angst werde das nicht beachtet. Auch intelligente Menschen seien zunehmend unfähig, Fakten zur Kenntnis zu nehmen, die den gängigen Corona-Maßnahmen widersprechen. Durch die Fokussierung auf Covid-19 werde nicht mehr zur Kenntnis genommen, was rundherum passiere. Alting von Geusau warnte vor einem weltweiten Scheitern der Freiheit. „Wir haben die Freiheit, auf den Angstzustand der Welt mit selbstständigem Denken zu reagieren, und mit einer Hoffnung, die das Ich übersteigt.“

Anspielungsreich präsentierte die österreichische Philologin und Publizistin Gudrun Trausmuth bei der Literaturtagung Werner Bergengruens 1940 veröffentlichten Roman „Am Himmel wie auf Erden“: Sie nannte den Roman eine „geniale psychologische Studie“ über eine „Epidemie der Angst“ im Jahre 1524, und zwar angesichts einer drohenden apokalyptischen Flut. Während der in diesem „Pandemie-Roman“ geschilderte Erzbischof vom „Verlangen der Leute nach Sintflut“ sprach, mahnte ein Kapuzinerpater in seiner Predigt: „Ihr seid nicht nur Fleisch.“ In ihrer „haltlosen Angst vor dem physischen Tod“ seien die Menschen „nur noch Fleisch“ und damit unfrei gewesen. Der Glaube an ein letztes, ewiges Gehaltensein überwinde die Angst. Bergengruen habe der „Erfahrung des Menschen, dass wir nicht souverän sind“ das Gottvertrauen entgegengestellt, das „Vertrauen in einen heilen Kern“.

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