Würzburg

Die Rückkehr des Erzählers

Werden Romane noch der Wirklichkeit gerecht? Literaturkritik erschwert diesen Zugang.

Uwe Tellkamp
Der im Jahr 2008 gefeierte Uwe Tellkamp nach Erscheinen seines Romans "Der Turm". Inzwischen warnen manche Feuilletons vor ihm. Foto: dpa

Eine Geschichte zu erzählen, erinnert an die Suche nach dem wirklichen Blau. In der gleichnamigen Erzählung von Anna Seghers gerät der Töpfer Benito in Bedrängnis, weil er sein Geschirr nicht mehr mit dem beliebten und charakteristischen Blau herzustellen vermag, von dem es heißt: „Solch Blau gibt es nicht noch einmal“, denn der Krieg und das damit verbundene Handelsembargo schnitten den Töpfer von seinen Bezugsquellen in Deutschland ab. Wurde das, was gemeinhin deutsche Literatur genannt wird, von den Bezugsquellen der Geschichten, nämlich der Wirklichkeit getrennt? Hat sich die Belletristik in ihrer Gesamtheit womöglich als Teil des politisch-medial-kulturellen Komplexes in den modus irrealis begeben?

Georg Wilhelm Friedrich Hegel bemerkte einmal, dass „das wahrhaft Wirkliche“ die „Notwendigkeit“ ist, „was wirklich ist, ist in sich notwendig“. Der Philosoph sah in der Einheit von Allgemeinheit und Besonderheit die Wirklichkeit definiert. „Ein schlechter Staat ist ein solcher, der bloß existiert“, in dem sich das „Interesse des Ganzen“ nicht mehr in den „besonderen Zwecken“ realisiert, doch ein „kranker Körper existiert auch, aber er hat keine wahrhafte Realität“. Notwendig ist, was die Not wendet, die aus der Unfähigkeit oder der Unwilligkeit der Eliten erwächst, einen Interessenausgleich vorzunehmen, das „Interesse des Ganzen“ in den „besonderen Zwecken“ zu realisieren.

„Literatur entsteht nur aus
weltanschaulicher Rücksichtslosigkeit“

Literatur lebt aus der Spannung zur Gesellschaft, unterlässt sie das, schaukelt sie in die Affirmation, unwirklich, weil nicht notwendig. Zuweilen brachten Zeiten gesellschaftlicher Dekadenz auch eine faszinierende Literatur hervor. Aber das setzt eine weitgehend unabhängige Literatur voraus.

Wenn man auf die DDR-Diktatur zurückblickt, entdeckt man eine Gegenwartsliteratur, die als Gesamtheit, die als Literatur funktionierte, weil die Gesellschaft literarische Kommunikation benötigte. Doch auch in der Bundesrepublik entwickelte sich eine facettenreiche Literatur. Mit dem Jahr 1990 endeten beide deutschen Literaturen, die eine, weil der Staat verschwand, dessen spezielle Bedingungen, die der Diktatur und der zensierten Öffentlichkeit eine besondere literarische Kommunikation geschaffen hatte; und die andere, weil die 68er und ihre Zöglinge den langen Marsch durch die Institutionen nicht nur erfolgreich absolvierten, sondern an die Macht gekommen in den Redaktionen und Preiskommissionen, im kulturellen Bereich des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, in den Feuilletons, zunehmend aber auch in den Verlagen Texte im Grunde nur noch ideologisch verstanden und werteten. An Stelle einer offenen literarischen Kommunikation entstand ein spezieller Literaturbetrieb, der zum Feind der Literatur wurde, denn Literatur entsteht nur aus weltanschaulicher Rücksichtslosigkeit. Dem entspricht eine übersättigte Gesellschaft, die Literatur nicht mehr benötigt. Das Konzept der Nachwelt hörte mit dem Ende der Geschichte (Fukuyama) auf zu existieren. Jeder Text verschwindet bereits im Vorgang des Verkaufs der ersten Auflage. Wozu benötigt eine Gesellschaft, eine Kultur, die sich selbst abschafft, noch Literatur?

Erstickt in Finanzialisierung und Moralisierung

Finanzialisierung und Moralisierung nahmen der Literatur die Luft zum Atmen. Der Literaturbetrieb hat mit seinen totalitären und effizienten Mechanismen Autoren domestiziert und die Literatur damit verödet. Während Jean Raspails Roman „Das Heerlager der Heiligen“ 2007 noch von Lorenz Jäger in der FAZ hymnisch besprochen wurde, druckt der „Tagesspiegel“ 2015 in Heiligsprechung der Masseneinwanderung eine „Lesewarnung“, die nicht ein einziges ästhetisches Kriterium anführt. Freilich, die Rezension von Jäger würde heute in der mit der taz wetteifernden FAZ auch kaum mehr erscheinen. Der „Tagesspiegel“-Rezensent Dotzauer versah sogar den erneuten Abdruck seiner Rezension von Tellkamps „Eisvogel“ aus dem Jahr 2005 im Jahr 2018 mit einem „Warnhinweis“. Was hat sich geändert? Der Roman wohl nicht? Ist es nicht Aufgabe von Literaturkritik, sich auf den Text zu konzentrieren? Ebenfalls im „Tagesspiegel“ denunzierte Katrin Hillgruber den Schriftsteller Tellkamp, indem sie behauptete, dass der Erzähler „eins zu eins in die Figur des Wiggo Ritter geschlüpft“ wäre. Die Verwechslung von Autoren- und Figurensprache stellte übrigens eine Konstituante stalinistischer Literaturkritik dar.

So wundert es nicht, wenn 150- bis 250-Seiten-Romane en masse produziert werden, von den Angehörigen der drei Geschlechter fabriziert, die ergriffen um das eigene Seelchen herumtanzen und es, sobald sie es in ihrem Vorgärtchen liebevoll eingepflanzt haben, beständig mit einem Sud übergießen, der seine Herkunft aus der intellektuellen Bedeutungslosigkeit nicht zu verhehlen vermag. Diese von der Schönheit ihrer eigenen Seele ergriffenen Autoren teilen in ihrem Krähwinkel, das sie mit der Welt verwechseln, das biedermeierliche Leben der Lektoren, Rezensenten, Redakteure und Preisrichter. Krähwinkel ist ein ewig grünes Bullerbü. Die Art von Büchern hat es indes schon immer gegeben, nur veredelt sie inzwischen der emanzipatorische Anspruch.

„Gesinnung ersetzt Literatur, statt
Schriftsteller sind Kulturschaffende am Werke“

Eine zweite Gruppe von Romanen, die der Kulturbetrieb hervorbringt, erinnert an das Gedicht „Die Wahrheit“ des Dichters Pablo Neruda: „Gräuel und Entsetzen! Ich las Romane,/ unendlich rechtschaffene,/ und so viele Verse über/ den Ersten Mai,/ dass ich jetzt nur noch über den 2. dieses Monats schreibe.“ Darunter fallen figurenfreie Texte, die vom Genre her auf dem weiten Feld ideologischer Konstrukte wachsen. Statt mit literarischen Figuren bevölkern diese Autoren ihre Romane mit Gliederpuppen ihrer Weltanschauung. Da die Wirklichkeit den Stoff für die eigene Ideologie verweigert, müssen selbst Zitate historischer Persönlichkeiten erfunden werden. Gesinnung ersetzt Literatur, statt Schriftsteller sind Kulturschaffende am Werke.

Jüngst bereicherte Ingo Schulze mit dem Buch „Die rechtschaffenen Mörder“ dieses Genre. Im Mittelpunkt des Buches steht anscheinend ein leidenschaftlicher Antiquar namens Nobert Paulini, doch nach wenigen Seiten bereits entpuppt sich Paulini als das klapprige Konstrukt eines Autors, der im Fach Erzählen scheitert. Wird der Antiquar als hochgebildeter Bücherliebhaber eingeführt, endet das Buch mit einer Karikatur, die nur noch von Bordellbesuchen spricht. Abhilfe aus erzählerischer Not soll das Etikett Rechter, das behauptet, aber nirgends erzählt wird, schaffen. Der Gauklertrick besteht in dem Zirkelschluss, dass Rechte natürlich in dem Moment, wo sie rechts werden, jegliche Kultur verlieren und nur noch von Bordellbesuchen sprechen. Paulini wurde rechts, weil er rechts wurde, und weil er rechts wurde, wurde er rechts ... Die Konstruktion des Buches dekonstruiert den Erzähler. Ein Autor, mit dem Schulze kokettiert, denn im Text heißt er Schultze, beginnt im ersten Teil, einen Roman über den Antiquar, über dessen Kindheit, Jugend und Berufsleben in der DDR und in der Wende zu schreiben. Im zweiten Teil, der nach der Wende bis in die Gegenwart reicht, berichtet Autor Schultze mit großem Wohlgefallen von sich, von dem Manuskript, das er nicht zu beenden vermag, und von Paulini, der sich inzwischen in einen rechten Wüterich verwandelt habe. Außer einer mitleiderregenden Eigenliebesgeschichte Schultzes begegnet der Leser im zweiten Teil Duplikaten des ersten. Der Riss zwischen den beiden Paulinis im ersten und im zweiten kittet im dritten Teil auch nicht die westdeutsche Lektorin des ostdeutschen Autors. Tricksereien ersetzen kein Handwerk. Wie heißt es doch weiter bei Pablo Neruda: „Man sollte es zulassen, dass die Schönheit/ mit den unmöglichsten Galanen tanzt,/ bei Tag und bei Nacht.“ Bei Schulze tanzt niemand.

Dass die Situation kritisch, aber nicht hoffnungslos ist, belegt eine Gruppe von Romanen, bei denen, würde der Leser öfter mit ihnen konfrontiert, man von der Rückkehr der Erzählers sprechen dürfte. Diesen durch und durch literarischen Zugriff auf die Wirklichkeit, das Gespür für Figuren, für Situationen, die mehr sind als bloße Begebenheiten, sondern eine innere, dabei unangestrengte und eben nicht aufgesetzte Notwendigkeit und Unaustauschbarkeit besitzen, finden sich in den Romanen von Uwe Tellkamp, von Lutz Seiler und Christoph Hein.

Ratgeber und Experten sind mehr gefragt als Autoren

Unsere Gesellschaft scheint den Erzähler nicht mehr zu benötigen. Sie benötigt den Ratgeber, den Experten – und der Literaturbetrieb das Angepasste, das Uninteressante, das Nichterzählte, das Konstrukt aus Gesinnung, denn der Erzähler mit seiner Leidenschaft für die Authentizität von Figuren wirkt als Störenfried. Wohin Dekadenz und Dekonstruktivismus führen, erlebt man in diesen Tagen, in denen unsere Kultur entsorgt werden soll, die Kultur der „Weißen“, die allein schon deshalb, weil sie weiß sind, unter Rassismusverdacht fallen – und ganz gleich, was sie unternehmen, nur rassistisch sein können.

Besitzt die Literatur noch die Kraft, sich von den Ideologien freizumachen und sich nur der Erzählung der Wirklichkeit zu verpflichten?

Das Hoffen auf Änderung, das Hoffen auf Literatur ist ein Hoffen auf die Rückkehr des Erzählers im großen Stil und im signifikanten Maße, es ist die Hoffnung, dass Geschichten Teil der Geschichte werden, dass sie rücksichtslos die Gesellschaft erkunden. Hoffen wir also auf die Rückkehr der Erzähler, hoffen wir auf die Rückkehr der Literatur.

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