Rom

Auf der Mutter aller Straßen wandeln

Eine Ausstellung führt auf die Spuren der Appia Antica. Viele haben diese Straße schon genutzt.

Via Appia
Bereits Francesco Petrarca spielte in einem Brief an den Kardinal Colonna auf die „Fußabdrücke Christie in hartem Stein“ an, die im Innern der Kirche Santa Maria in Palmis verehrt werden. Foto: Wolf

Während wir Nachrichten von syrischen und afghanischen Heeren auf der Reise ins reiche Europa haben, beginnen wir uns ein bisschen ähnlich zu fühlen, weil wir liefen und die Leute uns auf die gleiche Weise betrachten. Nur etwas machte uns sofort anders. Wir marschierten in die entgegengesetzte Richtung. Wir waren auf dem Weg nach Süd-Osten. Wir waren auf der Suche nach den Welten, die Europa von sich wies: Griechenland, Nord-Afrika, den Nahen Osten. Dieselben, die Rom mit dem Gesetz und den Legionen vereint hatte. Auf dem Vorgebirge eines Europas, das im Begriff war, seine Seele zu verlieren, landete jeder unserer Schritte auf den Trümmern eines exzellenten Gleichgewichtes, das heute gebrochen ist, auf einer verlorenen Koiné.“ 

 In Zukunft ein großer europäischer Wanderweg   

Diese bewegenden Worte schreibt Paolo Rumiz in seinem Buch „Via Appia. Auf der Suche nach einer verlorenen Straße“, das 2019 im Folio-Verlag in deutscher Sprache erschienen ist. Er ist auch mitbeteiligt an der Entstehung der Ausstellung „L'Appia ritrovata. In cammino da Roma a Brindisi“, das heißt „Die wiedergefundene Appia. Auf dem Weg von Rom nach Brindisi“. Sie wurde schon Anfang März eröffnet, einige Tage vor dem radikalen Lock-Down in Italien, der auch die Schließung aller Museen zur Folge hatte und deshalb wurde sie nun erneut eröffnet. An einem besonderen Ort erzählt sie über einen äußerst langen Weg. 

Der Ort ist das Landhaus Santa Maria Nova, das sich mit seinem Aussichtsturm um einen Hof aus dem Mittelalter und aus einer altrömischen Zisterne entwickelte, es ist von circa drei Hektar herrlicher römischer Campagna umgeben und gehört heute zu der Villa dei Quintili, der größten altrömischen Residenz im Umkreis der Stadt Rom, die es lohnt zu besichtigen. Diese archäologische Ausgrabungsstätte liegt direkt an der Appia Antica, das Thema dieser wirkungsvollen und poetischen Foto-Ausstellung: die erste Autobahn der Welt wird erzählt, die Wiederentdeckung ihres Verlaufs, verbunden mit der Idee, sie in einer heute zeitlich undefinierbaren Zukunft wieder benutzen zu können. Ein großes Projekt, was hoffentlich seinen Weg finden wird. Hier wird in Bildern das erzählt, was Paolo Rumiz in seinem Buch Appia in Worte fasst: Die Straße verliert sich im Nichts und ist schon wieder die regina viarum.., nicht der Stein macht die Straße aus, sondern der wiederholte Akt des Gehens. Das Gedächtnis ist an den Weg gebunden, denn nur wer geht, kann die Zeichen deuten, die das Leben dir sendet. Der Titel dieser Ausstellung ist schon bezeichnend, denn die Straße wird wortwörtlich wiedergefunden, das heißt ihr Verlauf muss erst einmal wieder geklärt werden, ans Licht kommen, entdeckt werden und in diesem Sinne ist diese Wanderung ein Pionierswerk. 

Petrus auf der Via Appia

Es ist ein Weg, den die vier Protagonisten, oder besser Wanderer, am 13. Juni 2015 – 2 327 Jahre nach dem Baubeginn der Appia Antica (im Jahre 312 vor Christus), nach 29 Tagen, 611 Kilometern und circa einer Million zurückgelegten Schritten abgeschlossen haben; die ursprüngliche Straßenlinie misst 533 Kilometer, aber der begehbare Weg hat sich um 78 Kilometer verlängert, bedingt durch die Umwege um die vielen Hindernisse, die mit der Zeit direkt auf ihrem Verlauf entstanden. Der bedeutende Beiname regina viarum wurde der Königin der Straßen schon im Altertum von dem Dichter Publius Papinius Statius gegeben. Die Wanderer sind Riccardo Carnovalini, Touristenführer und Fotograf, der Journalist Paolo Rumiz, der Filmemacher Alessandro Scillitani und die Kartografin Irene Zambon. Der Weg erinnert Paolo Rumiz vage an den Jakobsweg, der jährlich von circa 270 000 Menschen begangen wird, oder auch an die Via Egnatia, die Fortsetzung der Appia im Osten, die bis nach Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, führt und von Konstantin dem Großen angelegt wurde. Paolo Rumiz spricht von einer neu zu entdeckenden Identität des Südens, einer Identität, die auch ein spirituelles Potenzial in sich birgt. Er schreibt: Als die Menschen sich noch zu Fuß bewegten, bestand eine starke religiöse Beziehung zwischen den Orten und den heiligen Bildnissen. Die Mutter aller Straßen hatte zunächst eine rein militärische Funktion, als die Römer eine gute Straße brauchten, um in den Süden des Stiefels vorzudringen. Schon bald wurde die Appia Antica zu einer vitalen Ader zwischen Okzident und Orient, und aus dem Orient kam auch das Christentum nach Rom. Petrus ist der erste, der hier Zeugnis ablegt, als er über die Via Appia wieder nach Hause wollte, nachdem er in Rom schon für seinen Glauben zum Tode verurteilt worden war. Auf dem Weg Richtung Süden erschien im Christus plötzlich in einer Vision: 

Domine Quo Vadis? 
Venio Romam Iterum Crucifigi. 
Mein Herr, wo gehst Du hin? 
Ich gehe nach Rom, um erneut gekreuzigt zu werden. 

Daraufhin kehrt Petrus um und geht seinem Märtyrertod entgegen. An der Stelle dieser Vision steht heute die kleine, bedeutende Kirche Domine Quo Vadis?, schon im 9. Jahrhundert nach Christus Chr. als Kapelle direkt auf dem benannten Ort entstanden, die im 17. Jahrhundert die Form der heutigen Kirche annimmt. Ihr offiziellerer Name ist Santa Maria in Palmis, ein Name, der auf die im Inneren verehrten Fußabdrücke Christi anspielt, die schon von Francesco Petrarca in einem Brief an den Kardinal Colonna erwähnt werden: „...in saxo durissimo aeternum gentibus adoranda vestigia“, das heißt die Spuren Christi in hartem Stein, weit von den Menschen auf ewig verehrt zu werden; es handelt sich um einen kleinen Marmorblock direkt in der Mitte der ersten Reihen Bänke (wobei es sich hier um eine Kopie handelt, das Original ist in der nicht weit entfernten Basilika des Heiligen Sebastians in einer Theke aufbewahrt). Auch die Büste des polnischen Nobelpreisträgers Henryk Sienkiewicz, der die Geschichte Petri in seinem Roman Quo Vadis erzählt, ist an diesem geschichtsträchtigen Ort zu sehen. 

Diesen Sommer finden die Gottesdienste hier im Freien statt, ein sehr beschaulicher Ort, angrenzend an die Kirche, Via Appia Antica Nummer 51. 

Ein Gräberweg

Die Mutter aller Straßen verwandelte sich dann auch bald in einen „Gräberweg“, wie ihn Rainer Maria Rilke so schön definiert hat und wurde später die Residenz vieler Menschen aller Zeiten, auch die der äußerst wohlhabenden Brüdern Quintili, die in der Villa gleichen Namens lebten, in der heute die Ausstellung L'Appia ritrovata stattfindet, und die von Kaiser Commodus ermordet wurden, um sich ebendieser Villa bemächtigen zu können. Er wurde seinerseits ermordet, wahrscheinlich, so nehmen die Archäologen Galli und Frontoni an (seit 1998 Leiter der Ausgrabungen) von einer seiner Konkubinen in einer der Badeanlagen der Villa, die allerdings heute noch den Namen ihrer legitimen Besitzer trägt. 

Der Titel dieser Ausstellung „die wiedergefunde Appia“ spielt selbst schon auf den tieferen Sinn dieser Initiative an, eben nicht nur dieses „Abenteuer der vier Wanderer“ publik zu machen, sondern es geht hier um die Wiedererweckung eines Bewusstsein in den mit der Straße verbundenen Menschen. Es soll dem Süden Italiens Spiegel sein, in den es schauen und sich wiederfinden kann, in dem es seiner Wurzeln gewahr werden kann und in dem es nach seiner Vergangenheit suchen soll, um hier die Zeichen einer möglichen Zukunft lesen zu lernen. 

Eine lange Geschichte

Der unvergleichliche Zauber dieser via maestra, die sich wie ein roter Faden durch über 2 300 Jahre Geschichte zieht, kann natürlich die Verwahrlosung und den effektiven Verfall solch eines Zeugnisses nicht ausblenden. Es geht darum, ein Stück Italien, also den schwierigen und gleichzeitig atemberaubenden Süden Italiens wieder zu entdecken und schätzen zu lernen. 

Dem Kulturministerium Italiens legte Paolo Rumiz die genaue Nachzeichnung der Straße vor und Kulturminister Franceschini hat beschlossen, für das ambitiöse Projekt 20 Millionen Euro bereitzustellen und sieht offensichtlich für die Appia Antica eine Zukunft als großer europäischer Wanderweg, nach Vorbild des Jakobswegs und des Frankenwegs. 

 


Die Ausstellung geht bis zum Jahresende, in: Casale di Santa Maria Nova – Parco Archeologico dell'Appia Antica. Via Appia Antica 251, Rom. 

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