Würzburg

Absichtlich die Bibel verzerrt

Voltaire galt als Ikone der Aufklärung. Er wurde schon von den Zeitgenossen wie dem Braunschweiger Gelehrten Eschenburg scharf kritisiert.

Voltaire
Voltaire (1694-1778) habe bei seiner Bibelauslegung auf eine selektive Zitiertechnik zurückgegriffen und positive Deutungsmöglichkeiten zugunsten der Negativkritik ausgeblendet. Foto: Adobe Stock

Vor 250 Jahren, im April 1770, lancierten berühmte französische Intellektuelle etwas schon damals Unerhörtes: Sie beschlossen, dem Schriftsteller und Philosophen Voltaire zu Ehren, der damals noch lebte, eine Statue in Auftrag zu geben und dafür prominente Unterstützung zu suchen. Und es war kein Geringerer als der Preußenkönig Friedrich, genannt der Große, der die beträchtliche Summe von 200 Friedrichsdor stiftete. Die Skulptur des Bildhauers Pigalle sollte den weitgehend nackten Voltaire zeigen – eine neue Ästhetik war das Mittel, dem entschiedenen Gegner der christlichen Kirche ein Denkmal zu Lebzeiten zu errichten.

Goethe spricht im Rückblick gegenüber Johann Peter Eckermann von der „Beherrschung der sittlichen Welt durch Voltaire und seine großen Zeitgenossen“ im 18. Jahrhundert. Voltaire hatte so auch seine Verteidiger in Deutschland. Der Schriftsteller Johann Karl Wezel (1747–1819) gehörte zu den Verteidigern Voltaires als einer kulturellen Ikone in der Aufklärung; jede Kritik an Voltaire kanzelte er als Polemik von „Orakelgeistern“ ab, die den Franzosen nicht einmal gelesen hätten. Voltaire richtete nun aber seine Kritik nicht nur gegen die Kirche; auch als Kritiker des Dramatikers Shakespeare tat er sich hervor.

Und eben hier formulierten schon seine deutschen Zeitgenossen eine scharfe Kritik an Voltaire, die von bleibender Bedeutung ist. Goethe selbst griff Voltaire scharf an. Aber auch der damals weithin bekannte Braunschweiger Gelehrte und Übersetzer Johann Joachim Eschenburg (1743–1820) hat damals „Shakespeare wider neue voltärische Schmähungen verteidigt“ (Deutsches Museum 1777). Er tat dies auf eine Weise, die exemplarischen Charakter hat, weil sie nicht nur die Kritik an Shakespeare zurückweist, sondern in einem damit auch einen Grundpfeiler von Voltaires Religionskritik attackiert.

Positive Deutungen einfach ausgeblendet

Eschenburg vergleicht Voltaires kritische Shakespeare-Lektüre mit dessen Bibelhermeneutik. Beide hält er für gleichermaßen problematisch: „Gründlichkeit und einsichtsvolle Prüfung wird man in diesem Briefe [an die Französische Akademie] vergebens suchen. Fast durchgehend ist alles von der Oberfläche abgeschöpft, und mit Absicht schief und in falschem Lichte vorgestellt.“ Voltaire verfahre mit Shakespeare wie mit der Bibel, indem er Stellen aus dem Zusammenhang reiße und stets die missgünstigere Deutung wähle.

Eschenburg aber fordert Sorgfalt bei der Würdigung eines Textes, also sorgfältige Lektüre und das Vermeiden rascher Urteile. Das oberflächliche Lesen und Abschöpfen muss zweitens notwendig ein mangelhaftes Verständnis der Gesamtstruktur eines Textes oder Werkes bedeuten – ob es sich um Shakespeare oder die Bibel handelt. Die korrekte Deutung eines Textes erfordert ein Verständnis seiner Tiefenstruktur, die man durch das Stehenbleiben an der Text-Oberfläche nicht erfassen kann. Eschenburg fordert drittens vom Ausleger zu zeigen, was Voltaire aber gerade nicht leiste, dass nämlich die von ihm gewählten Passagen repräsentativ für das Ganze sind.

Er unterstellt Voltaire eine absichtliche, polemisch motivierte Verzerrung des Gegenstandes. Dies macht auch der Vergleich mit der Bibelkritik deutlich. Diese beruhe bei Voltaire auf einer selektiven Zitiertechnik, die nicht auf den Gesamtzusammenhang und die Aussagestruktur schaut; zudem praktiziere sie die Ausblendung positiver Deutungsmöglichkeiten zugunsten der Negativkritik. Eschenburg beanstandet Voltaires Unterschlagung von Gesichtspunkten, die den eigenen Thesen zuwiderlaufen, doch widerspreche es der hermeneutischen Billigkeit, seinen Gegner von der schwächsten Seite zu fassen. Voltaires Hermeneutik war interessengeleitet: Für ihn kam es darauf an, die Kirche als reale Macht zu kritisieren, was zugleich auch mit einer Kritik des Judentums verbunden werden musste, weil dieses die historische Grundlage für das Christentum darstellte. Denn alles, was an Göttlichem und Wunderbarem im Alten Testament berichtet wurde und von den Christen als Glaubensgegenstand akzeptiert wurde, war den christentumskritischen Aufklärern wie Voltaire ein Dorn im Auge.

Eschenburg empfiehlt, selbst zu denken

Doch es gab sehr wohl fundierte Kritik an Voltaire wie die des gemäßigten Aufklärers Eschenburg, der in keiner Weise ein Gegner des Christentums war. Er kannte seinen Voltaire; seine Kritik an dessen hermeneutischer Praxis ist von großer Wucht und verbindet sich mit dem dreimal kurz hintereinander geäußerten Vorwurf der Seichtheit. Eschenburg geht es um eine aufklärerische Argumentationsfigur: Vorurteilskritik. Diese wendet er aber gegen ein oberflächliches und dogmatische Verständnis von Aufklärung. Das Vorurteil, das in diesem Fall bekämpft werden müsse, sei ein positives zugunsten alles dessen, „was französisch ist“. Dieses Vorurteil bewirke nämlich, dass „man sich mit dem noch so seichten Urtheile begnügt, das ein so berühmter Schriftsteller [Voltaire] gefällt hat, weil man nicht die Lust, nicht Zeit, nicht Fähigkeit besitzt, selbst zu untersuchen“. Eschenburg wendet sich gegen Voltaire als Autorität – auch ein berühmter Schriftsteller kann nicht wegen dieser Berühmtheit als Autorität gelten, wenn er in der Sache unrecht hat.

Zweitens bringt Eschenburg drei Gründe ins Spiel, die bewirken, dass ein Leser nicht das tut, was den Kern aufklärerischer Ethik ausmacht: „selbst zu untersuchen“. Die autonome Untersuchung unterbleibt, wenn einem etwa aus Bequemlichkeit nicht daran gelegen ist, sich näher mit der Sache zu befassen („Lust“); wenn man die Zeit nicht dafür erübrigen kann – oder wenn man überhaupt nicht über die zur Untersuchung nötigen Fähigkeiten verfügt, also methodisch nicht versiert genug ist. Indem Eschenburg die aufklärerische Vorurteilskritik gegen einen der berühmtesten Aufklärer seiner Zeit wendet, bringt er zum Ausdruck, dass Aufklärung, die sich nicht um ein korrektes Verständnis des Objekts ihrer Kritik bemüht, selbst dem Verdikt des Unaufgeklärten verfallen muss. Indem Eschenburg trotz seiner entschiedenen Kritik an Voltaire diesen so ausführlich wie möglich zu Wort kommen lässt, demonstriert er zudem, wie ein Kunstrichter zu lesen hat und zeigt, wie eine wahrhafte Aufklärung auszusehen hätte. Eschenburg schließt mit einem emphatischen Rundumschlag gegen die kulturelle Ikone Voltaire: „Nichts weiter also von allen denen, die auch in Deutschland vor, oder mit, oder nach Voltaire voltairisirten.“

Nietzsche sprach von Attentat aufs Christentum

Eschenburg war als Voltaire-Kritiker in seiner Zeit nicht allein. Der aus der Schweiz stammende Göttinger Wissenschaftler Albrecht von Haller (1708–1777) etwa entwarf seine Briefe über einige Einwürfe noch lebender „Freygeister wider die Offenbahrung“ von 1775 direkt als Gegenkritik zu Voltaire. In einem fortlaufenden Kommentar korrigierte er Voltaires Bemerkungen bibelkritischer Natur.

Trotz der schon in der Aufklärung selbst entwickelten Voltaire-Kritik wirkte dessen antichristlicher Ansatz weiter. Friedrich Nietzsche widmete 100 Jahre später die erste Ausgabe von „Menschliches, Allzumenschliches“, seinem „Buch für freie Geister“, dem Andenken Voltaires. Aber er legte es zugleich darauf an, Voltaire zu überbieten. Im Interesse der Philosophie wollte er eine Christentumskritik als Kritik aller Offenbarung ins Werk setzen: „Seit Voltaire“, so Nietzsche, „gab es kein solches Attentat gegen das Christentum – und, die Wahrheit zu sagen, auch Voltaire hatte keine Ahnung davon, dass man es so angreifen könne.“

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