Von Engeln umsorgt

Der beste Maler Venedigs: Stuttgart präsentiert einen Gesamtüberblick über das Werk von Tiepolo
Stuttgart präsentiert Venedigs Meister
Hier treffen irdische Hilflosigkeit und himmlische Gnade zusammen: Die letzte Kommunion des heiligen Hieronymus, von Tiepolo um 1732/33. Foto: Thiede

In Deutschland ist der Venezianer Giovanni Battista Tiepolo (1696–1770) für sein monumentales Deckengemälde in der Würzburger Residenz berühmt. Im Auftrag des Fürstbischofs Carl Philipp von Greiffenclau schuf er im Kaisersaal das Fresko „Apoll führt dem Genius Imperii die kaiserliche Braut“ (1751) und im Treppenhaus gar das größte einteilige Deckengemälde der Welt. Das 1753 vollendete Monumentalfresko „Apoll und die vier Erdteile“ breitet sich auf 608 Quadratmetern aus.

In deutschen Museumssammlungen sind seine Werke jedoch nur spärlich vertreten. Der um internationale Leihgaben bereicherte Besitz der Staatsgalerie Stuttgart bietet erstmals in Deutschland einen Gesamtüberblick über sein Schaffen. Der mit Giovanni Battista Tiepolo befreundete Schriftsteller und Kunstkritiker Francesco Algarotti nannte ihn den „besten Maler Venedigs“.

„Nicht nur in der allgemeinen Wahrnehmung,

sondern ebenso in der kunsthistorischen Forschung

sind Tiepolos Leistungen als Maler religiöser Darstellungen

bis in das späte 20. Jahrhundert fast kaum berücksichtigt

oder sogar ausdrücklich geringgeschätzt worden.“

Die Schau präsentiert Motive aus der antiken Mythologie, der Historie des alten Roms, allegorische Darstellungen und christliche Stoffe. Letztere machen ein Drittel seines Schaffens aus. Aber sie wurden lange kaum beachtet und erhalten erst allmählich die ihnen gebührende Wertschätzung, wie Andreas Schumacher in seinem Katalogbeitrag darlegt: „Nicht nur in der allgemeinen Wahrnehmung, sondern ebenso in der kunsthistorischen Forschung sind Tiepolos Leistungen als Maler religiöser Darstellungen bis in das späte 20. Jahrhundert fast kaum berücksichtigt oder sogar ausdrücklich geringgeschätzt worden.“

Ausgestellt sind eindrucksvolle religiöse Werke. Sie erregen mit außergewöhnlichen Motiven unsere Aufmerksamkeit und zeichnen sich zuweilen durch irritierende Mehrdeutigkeit aus. So fragt man sich etwa, was der von Tiepolo gemalte „Heilige Jakobus der Ältere“ (1749/50) vorhat. Der spanische Nationalheilige erschien der Überlieferung zufolge in der Schlacht von Clavijo, um den Christen zum Sieg über die Sarazenen zu verhelfen. Jakobus sitzt in der Kleidung eines Komturs des Santiago-Ritterordens auf einem Schimmel, neben dem gesenkten Hauptes der feindliche Heerführer kniet. Der Heilige aber hat den Kopf erhoben und die Augen gen Himmel gedreht. Er scheint einer göttlichen Eingebung zu lauschen, auf die uns die beiden geflügelten Engelköpfe über Jakobus hinweisen. Das Schwert des Heiligen ruht im Nacken des Sarazenen. Nimmt Jakobus Maß, um ihm den Kopf abzuschlagen – oder wird das ein Ritterschlag zum Zeichen der Bekehrung des Ungläubigen?

Die Andacht inspirierendes Kunsterlebnis

In vielen Gemälden spielen Engel eine tragende Rolle. Wiederholt nutzt Tiepolo dabei die Nahsicht zur so packenden wie gefühlsbetonten Ansprache der Betrachter. Sie soll „ein die Andacht inspirierendes Kunsterlebnis erzeugen“, wie Schumacher in seinem Katalogaufsatz treffend formuliert. Diesbezüglich ist das Gemälde „Hagar und Ismael“ (um 1732) eine Glanzleistung. Erzvater Abraham hat seine Zweitfrau Hagar und den gemeinsamen Sohn Ismael verstoßen. In der Wüste ist ihnen schnell das Wasser ausgegangen. Direkt vor uns liegt am unteren Bildrand der dem Verdursten nahe Junge und schaut uns aus fast geschlossenen Augen apathisch an. Seine Mutter blickt zu dem in Erscheinung getretenen Engel auf, der Ismael vor dem sicheren Tod bewahren wird. Eindrucksvoll malt Tiepolo das Zusammentreffen irdischer Hilflosigkeit und himmlischer Gnade.

Außergewöhnliche Bilderfindungen präsentiert Tiepolo in seinen um 1732/33 geschaffenen Gemälden „Die letzte Kommunion des heiligen Hieronymus“ und „Der Tod des heiligen Hieronymus“. Ausstellungskuratorin Annette Hojer erklärt: „Die kleinformatigen Gemälde weichen sowohl von der schriftlichen Überlieferung als auch von den wenigen künstlerischen Vorbildern ab, die es für dieses Thema gab.“ Seiner Legende zufolge nahm der alte Einsiedler von einem Priester zum letzten Mal die Hostie entgegen, um dann voller Gottvertrauen zu sterben. Tiepolo aber lässt dem Heiligen eine eigentümlich real wirkende Vision zuteil werden. Statt Priester und Messdienern spenden ihm Engel die letzte Kommunion und umsorgen den Sterbenden.

Das kleine Format und die skizzenhafte Malweise der Hieronymus-Gemälde lässt vermuten, dass sie vorbereitende Studien für nicht erhaltene Fresken oder Altarbilder waren. Die Schau zeigt weitere solcher Ölskizzen. Bereits im 18. Jahrhundert waren sie wegen ihrer meisterhaften Ausführung als eigenständige Kunstwerke geschätzt. Die Ölskizze „Apoll führt dem Genius Imperii die kaiserliche Braut zu“ ging dem von ihm und seinen Mitarbeitern in Würzburg ausgeführten Deckengemälde voraus. Eher unwillig, aber von der Regierung der Republik Venedig dazu angehalten, befolgte Tiepolo 1762 seinen Ruf an den spanischen Königshof. Mit einem seiner in Madrid entstandenen Deckengemälde macht uns die Ölskizze „Apotheose der spanischen Monarchie“ (um 1764) bekannt.

Giovanni Battista Tiepolo starb am 27. März 1770 in Madrid. Er ist in der dortigen Kirche San Martin bestattet.

Bis 2.2.2020 in der Staatsgalerie Stuttgart, Konrad-Adenauer-Straße 30–32. Di.-So. 10–17 Uhr, Do. 10–20 Uhr. Internet: www.staatsgalerie.de. Eintritt: 12 Euro. Der Katalog aus dem Sandstein Verlag kostet im Museum 29,90 Euro