Würzburg

Unfehlbar ist das Komitee nicht

Olga Tokarczuk und Peter Handke bekommen den Literaturnobelpreis. Bei allem Jubel in Polen und Österreich stößt die Entscheidung auch auf massive Kritik.

Die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk
Die polnische Autorin Olga Tokarczuk erhielt den Literaturnobelpreis rückwirkend für 2018. Im letzten jahr war die Verleihung der Auszeichnung der Schwedischen Akademie nach einem Skandal mit Belästigungs- und Korruptionsvorwürfen ausgefallen. Foto: dpa

Das Gute vorweg: Olga Tokarczuk, die Gewinnerin des Nobelpreises 2018, ist eine Frau, eine Schriftstellerin und insofern geeignet, den Sexismus-Skandal, der die Schwedische Akademie vor einem Jahr erschütterte, als aufgearbeitet und bewältigt darzustellen. Dabei reüssierte die schriftstellernde Amazone mit dem ostentativ zur Schau getragenen Dreadlock-Haarteil in der Vergangenheit eher durch arabeske Phantasmagorien, als durch metaphysische Poesie, wie ihre Vorgängerin und Landfrau Wislawa Szymborska, die den Preis 1996 verliehen bekam.

Bevor sie zu schreiben begann, studierte Tokarczuk in Warschau Psychologie. Aus „dem romantischen Antrieb heraus, Menschen zu helfen“, arbeitete sie mit verhaltensauffälligen Jugendlichen. Währenddessen entwickelte sie Sympathien für C. G. Jungs Archetypen und versuchte ihre Erfahrungen literarisch zu fixieren. Zunächst wenig erfolgreich. 1989 erschien ihr Gedichtband „Städte in Spiegeln“. Mit ihrem Debütroman, „Reise der Buchmenschen“ (1993) erreichte sie, wie von Zauberhand geführt, große Popularität. Das Numinose und Changierende blieb fortan ihr Thema. In ihrem Buch „Unrast“ (2009) geht es um das Nomadentum des postmodernen Citoyen. Tokarczuk versucht, „die Hektik des modernen Lebens in einen feinverwobenen erzählerischen Kosmos“ zu bannen. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, es handelt sich um ein Sammelsurium von Skizzen, Notizen und Kurzgeschichten. Tokarczuks virulente schriftstellerische Potenz bleibt im literarischen Niemandsland hängen. Man ist geneigt zu sagen, sie hätte es weiter mit Gedichten versuchen sollen. Vielleicht auch, weil ihre wüsten Assoziationsketten sich eher in der Tradition expressiver Lyrik wiederfinden als in der Epik.

Tokarczuk vertritt einen esoterischen Feminismus

Im Interview mit dem „Guardian“ offenbart sie: „Wir vertrauen der Realität nicht so sehr wie ihr. Wir haben nicht die Geduld für lineare Erzählungen. Wir glauben, in jedem Augenblick muss etwas schiefgehen, weil unsere eigene Geschichte nicht linear war. Außerdem wurzelt ihr in der Psychoanalyse, während wir immer noch in mythischen, religiösen Kategorien denken“. Der chamäleonartige Separatismus, der ihrer Meinung nach symptomatisch für Polen sein soll, trifft wohl eher auf sie zu. In ihrem Schreibzimmer steht ein koreanischer Buddha. An dessen Seite thront die vielarmige Hindugöttin Durga, die „Große Mutter“, die Gut und Böse in sich vereint. Das ist kein Zufall. Als Vertreterin eines esoterischen Feminismus ist Tokarczuk im synkretistischen Mutterkult verwurzelt. Der beinhaltet die Anrufung paganer Gottheiten wie Pan, Isis, Astarte oder eben Inanna, wie in ihrem Roman „Anna in den Katakomben. Der Mythos der Mondgöttin Inanna“ (2007). Auch in diesem Werk schweift alles dem Anschein nach ins Nirwana neuheidnischer Nichtigkeiten. Doch ganz so beliebig ist es nicht, alles sind „gnostische und astrologische Spekulationen“.

Immerhin nutzte Olga Tokarczuk ihren frischen Ruhm zur Entlastung des polnischen Straßennetzes. In einem Interview mit dem NDR sagte sie: „Breslau, wo ich ja lebe, schenkt allen Einwohnern, die ein Buch von mir lesen, bis Sonntag freie Fahrt in Bussen und Bahnen.“ Das zeugt vielleicht nicht von einer literarischen Glanzleistung, aber doch von Sinn für aktive Umweltpolitik. Und worauf käme es heute mehr an?

Die Nachricht vom Nobelpreis für Peter Handke machte den vor Jahrzehnten nach Paris ausgewanderten Literaten in seinem Geburtsland wieder zum Österreicher, Kärntner, Griffener. Auch die katholische Kirche, die Handke 1999 aus Ärger über den Vatikan verlassen wollte, gratulierte artig. Vergeben ist sein Urteil über Johannes Paul II., der sei „kein großer Papst, sondern ein Herrenmensch“ gewesen, vergeben sein 2005 geäußertes Ressentiment gegen Benedikt XVI., er wolle nicht „einen Hitlerjungen als Papst“ sehen. „Einer, der jetzt Papst wird, muss damals Widerstand geleistet haben“, urteilte Handke damals.

Handke leugnete die serbischen Massaker in Bosnien

Wie verhält es sich mit einem, der jetzt Nobelpreisträger wird? Darf der einem korrupten, brutalen Tyrannen und rassistischen Eroberer Loblieder gesungen haben? Südlich der Kärntner Grenze dominierte Entsetzen über die Ehrung des Literaten, der die Massaker der serbischen Freischärler in Bosnien leugnete, die Angehörigen der Opfer öffentlich verhöhnte und Kritikern seiner Parteinahme beschied, sie mögen sich ihre Betroffenheit „in den Arsch“ schieben. Dass Handke noch nach dem Genozid von Srebrenica, wo Serben-General Mladic rund 8 000 unbewaffnete Bosnier massakrieren ließ, dessen Oberbefehlshaber Radovan Karadžic zur Plauderstunde mit Schnaps traf, dass er den Architekten der Balkan-Kriege, Slobodan Miloševic, im Haager Gefängnis besuchte und dem Diktator und Kriegsverbrecher 2006 eine devote Grabrede hielt, all das ist auf dem Balkan unvergessen. Die Sprecherin der „Mütter von Srebrenica“, Munira Subasic, sagte, mit der Entscheidung für Handke würden „die Mütter von Srebrenica, die ihre Söhne, Männer und Brüder verloren haben, noch einmal verletzt und ins Herz getroffen“.

Das dreiköpfige Präsidium Bosniens reagierte so gespalten wie das Land seit dem serbischen Vernichtungskrieg ist: Der muslimische Präsident, Šefik Džaferovic, schimpfte, das Komitee habe „vollkommen den moralischen Kompass verloren“ und der kroatische Vertreter, Željko Komšic, kündigte eine Protestnote an. Nur der Serbe Milorad Dodik, der im serbischen Landesteil die Rückkehr der vertriebenen Katholiken und Muslime verhindert, zeigte sich zufrieden: Er sieht den Nobelpreis als Beleg dafür, dass „die Gerechtigkeit niemals vollkommen verloren“ ist. Entsetzt zeigten sich Repräsentanten Albaniens, des Kosovo und sogar des PEN-Club America.

Handke war bereits ein 30 Jahre gelesener, geachteter, gerühmter Schriftsteller, als er seine Prominenz 1996 in die Waagschale warf, den Kriegen in Südosteuropa eine andere Deutung zu geben. Jene, die der serbische Diktator Miloševic wider alle Fakten propagierte. Handkes „Gerechtigkeit für Serbien“ war nur eine Rechtfertigung des Tyrannen, keine Differenzierung zwischen dem serbischen Volk und der rassistischen Clique, die es verführte, ausbeutete und verwundete. Handke hielt seinem Idol noch die Treue, als eine Million Serben gegen Miloševic demonstrierten; er verneigte sich 2006 vor dem verstorbenen Kriegsverbrecher; er unterstützte im serbischen Wahlkampf 2008 den radikalen Nationalisten Nikolic gegen Amtsinhaber Tadic. Ein Unbelehrbarer, der aller Welt mit dem Gestus moralischer Überlegenheit doziert, der im Namen eines „höheren Maßes an Wahrhaftigkeit“ tiefstes Leid zur Lüge erklärte.