Würzburg

Literarischer Humanismus

Der Literatur-Kanon bleibt in der Diskussion. Aber eine Liste der Bücher, die das Schicksal der abendländischen Geschichte im Blick hat, fehlte bisher.

Wolfram von Eschenbach
Der mittelalterliche Dichter Wolfram von Eschenbach, Autor des Versromans "Parzival". Die Statue in der heutigen Ortschaft Wolframs-Eschenbach wurde 1860 von König Maximilian II. von Bayern gestiftet. Foto: Adobe Stock

Die Debatten über Sinn und Unsinn von Kanones in den letzten Jahrzehnten sind wechselhaft. Im Zuge allgemeiner Umbrüche vor fünfzig Jahren war man weithin bestrebt, angeblich verstaubte Literaturlisten auszusondern. Jeder Kanon kann nur eine Auswahl bieten. Welches Buch gehört in den Kanon, welches nicht? Kriterien sind anzugeben. Was ist das Besondere an Büchern, die man in die Sammlung aufnehmen will?

Um 2000 kann man eine Wende registrieren: Der Megabestseller des Anglisten und Romanautors Dietrich Schwanitz „Bildung – alles, was man wissen muss“ rief die Notwendigkeit einer tieferen Begründung von Wissen in Erinnerung. Nicht jede Information ist Bildung. Schwanitz betont das Wissen über kulturelle Traditionen als Richtmaß für Bildung. Etliche Kanon-Versuche folgten, etwa von Ernst P. Fischer, Marcel Reich-Ranicki und Joachim Kaiser, zuletzt der des ARD-Literaturkritikers Denis Scheck („Die 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur“): Von Ovid bis Tolkien, von Shakespeare bis Simone de Beauvoir, von W. G. Sebald bis J.K. Rowling wird eine Liste von sehr unterschiedlichen Autoren präsentiert, die dem Leser eine neue Welt erschließen sollen.

Werke, die den Geist des Abendlandes atmen

Ist eine (überschaubare) Bibliothek des Abendlandes weiterführend? Zu warnen ist vor einer Instrumentalisierung dieses Begriffs bei gleichzeitiger Entleerung seines Inhalts: Zu erkennen ist eine Strömung, die von Oswald Spenglers Untergangsszenario bis zu Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ reicht. Zu den Werken, die den Geist des Abendlandes atmen, zählt der Parzival. Weiter ist von den bedeutenden Texten Novalis' „Die Christenheit oder Europa“ von 1802 zu erwähnen. Der Trauergestus ist unüberhörbar. Die „ächtkatholischen oder ächt christlichen Zeiten“ sind seinerzeit in der Literatur schon vorbei. Die Folgen der Reformation sind und waren gravierend.

Nach dem Ersten Weltkrieg kam es zu einer spürbaren Abendland-Renaissance. Der Aufstieg der USA und des bolschewistischen Russlands forderte Gegengewichte, ein Europa, dessen Länder zusammenarbeiten. Es bildeten sich Zirkel um die Zeitschriften „Abendland“ und „Hochland“. Der Romanist Hermann Platz darf als einer der Protagonisten gelten. Im katholischen Deutschland war die Ablehnung des Spengler'schen Werkes fast einhellig. Mit Biologismus und Faust'schen Typus konnte man nichts anfangen.

Im Kontext diverser Debatten gedachte man 1930 des 2000. Geburtstages des römischen Nationaldichters Vergil, den nicht nur Theodor Haecker als „Vater des Abendlandes“ exponiert, wie der Titel einer seiner Schriften lautet. Vergil könne dem katholischen Schriftsteller zufolge Markstein sein „in dem großen geheimnisvollen Prozess der Selbstbestimmung des Abendlandes, einer Restauration des Okzidents, wie sie dem tiefahnenden Geist“ eines Hofmannsthals vorgeschwebt sei. Die Schrift will keine Vergil-Exegese betreiben, sondern stellt dessen Rezeption heraus, die von Augustinus über Dante bis T.S. Eliot reicht.

Ein weiterer bekannter Literat, Hermann Broch, beschäftigte sich längere Zeit mit Vergil, ehe sein Roman „Der Tod des Vergil“ 1945 auf den Markt kommt. Obwohl ein langer monologisierender Rückblick auf das Leben des römischen Hofdichters kurz vor seinem Tod im Mittelpunkt steht, findet man auch Anspielungen auf die eigene Gegenwart: „Bürgertum, Diktatur und ein Absterben alter religiöser Formen“ spielen eine Rolle.

Die Konzepte der Neuzeit führen nicht zu Gott

Kurz nach 1945 diente vornehmlich in Deutschland vielen die Abendland-Vorstellung als Sprungbrett, wieder an gemeineuropäisch-kulturelle Errungenschaften anknüpfen zu können. Der vorherrschende Kulturpessimismus lud förmlich zum Rückblick auf bessere Zeiten ein.

Vor 70 Jahren erscheint Romano Guardinis fundierte Auseinandersetzung mit dem „Ende der Neuzeit“, das inhaltlich mit René Guénons „Krisis der Neuzeit“ Übereinstimmungen aufweist. Die Ressourcen des Abendlandes sieht der Religionsphilosoph Guardini erschöpft. Die prometheische Persönlichkeit der Stürmer und Dränger hat ausgedient, ebenso das Konzept der Natur und der Kultur im Sinne bloßen Menschenwerks. Diese drei Entwürfe, charakteristisch für den neuzeitlichen Aufbruch, sind sämtlich autonom ausgerichtet, führen also nicht zu Gott.

Der katholische Kunst- und Architekturhistoriker Hans Sedlmayr stellt exemplarisch die Zerstörung umfassender metaphysisch-religiöser Sinnstrukturen durch die gottesmörderische Moderne heraus. Die dadurch herbeigeführte Haltlosigkeit der ex-zentrischen Welt wird mittels künstlicher Symboliken aus Politik, Technik und Kultur versucht einzudämmen. Die Folgen dieses Substitutionsprozesses werden in den Klassikern „Verlust der Mitte“ (1948) und „Die Revolution der modernen Kunst“ (1955) erörtert. Ihn interessieren Symptome und Symbole des Abfalls, die sich in wichtigen Werken der Kunst äußern. Zusammengefasst analysiert er seit der Zäsur von 1760 folgende Tendenzen: Aussonderung „reiner“ Sphären; Auseinandertreiben der Gegensätze; Neigung zum Anorganischen; Loslösung vom Boden; Zug zum Unteren; Herabsetzung des Menschen; Aufhebung des Unterschieds von „Oben“ und „Unten“. Für die Moderne diagnostiziert er einen basalen Trend: fort von der Mitte; fort vom Humanismus; fort vom Menschen.

Der britische Historiker Christopher Dawson grenzt sich in seinem 1945 in einem Schweizer Verlag publizierten Buch „Gericht über die Völker“ bezüglich der Ursachen der geistigen und materiellen Zerstörung Europas von anderen Analytikern des Zeitgeschehens ab. Er sucht die Wurzeln des katastrophalen Geschehens nicht im Verlauf der deutschen Geschichte, sondern in der Säkularisierung und im Glaubensabfall Europas. Auch in weiteren Studien, beispielsweise in „Religion und Kultur“, stellt er vielfältige christliche Prägekräfte heraus, die Europa geformt haben. Nach den 1950er Jahren sind nur wenige für einen Abendland-Kanon relevante Abhandlungen entstanden. Zu ihnen ist die Trilogie des Publizisten Gerd-Klaus Kaltenbrunner „Vom Geist Europas“, erstmals in den 1980er Jahren vorgelegt, zu zählen. Sie beleuchtet das Erbe des Herkunftskontinents hauptsächlich anhand von Porträts großer Denker; neben vielen anderen werden Pythagoras, Vergil, Meister Eckhart und Edward Gibbon thematisiert.

Betrachtungen über das Abendland, die in letzter Zeit von christlicher Seite diskutiert ober erstmals veröffentlicht wurden, drehen sich öfters um das Megathema Zuwanderung. Jean Raspails „Das Heerlager der Heiligen“ und Jelena Tschudinowas „Die Moschee Notre-Dame: Anno 2048“ beleuchten das Thema im Abwehrmodus.

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