München

Der Tod des alten, weißen Mannes

Katie Mitchell inszeniert Béla Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ an der Bayerischen Staatsoper als feministisches Rachespektakel.

„Herzog Blaubarts Burg“
Herzog Blaubart (John Lundgren) ist vor den Frauen gedemütigt. Auf der Bühne der bayerischen Staatsoper ist der Mann der Verlierer. Foto: Wilfried Hösl

Es ist ein weit verbreiteter Mythos, dass die abendländische Kunst aus der Sicht des Mannes inszeniert ist. Dieser Mythos will, dass Don Giovanni, Falstaff, Hamlet und alle anderen großen Figuren der Kulturgeschichte eine männliche Hegemonie zum Ausdruck bringen. Dem weiblichen Geschlecht wird in dieser Deutung die Opferrolle zugesprochen. Die Propagierung dieser Ansicht soll dazu beitragen, die vermeintliche Ungerechtigkeit, die den Frauen im Laufe der Jahrhunderte angetan wurde, zurechtzurücken – ganz ähnlich verläuft ja die Diskussion in der Kirche.

Veränderte Machtstrukturen sind nicht gleich gerechter

Dieses Ansinnen mag nobel sein, ist jedoch in dieser Umsetzung nicht nur zum Scheitern verurteilt, sondern auch grundfalsch. Denn erstens missachten die Vertreterinnen dieser Bewegung, dass die Frauenfiguren in der Kunst (und in der Religion) der letzten 200 Jahre nur oberflächlich Opfer sind. Ihre Bedeutung liegt vielmehr oft darin, in der vermeintlichen Schwäche eine Wahrheit zum Ausdruck zu bringen, die jenseits von sichtbaren Herrschaftsstrukturen liegt. Donna Elvira und Donna Anna aus Mozarts „Don Giovanni“ sind dafür ebenso gute Beispiele wie die vielen weiblichen Heiligen: In ihnen verkörpern sich Anmut und Würde, während der Bösewicht Don Giovanni zur Hölle fährt und mit Pauken und Trompeten verdammt wird. Und zweitens bedeutet eine bloße Umkehr der Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen noch lange nicht „Gerechtigkeit“ – weder auf der Bühne, noch in der Kirche.

Die neueste Inszenierung der Münchner Staatsoper machte dies alles anschaulich. Sie folgte einem konsequent vereinfachenden Gedankengang, den sie aber mit hoher Suggestivität umsetzte. Die feministisch bewegte britische Regisseurin Katie Mitchell verkündete in einem Interview vor der Premiere, dass sie eine Oper wie „Don Giovanni“, in der sich ein männlicher Unterdrückerwahn ausspreche, nicht mehr inszenieren könne. Vielleicht ist das auch besser so, denn wer in dieser Oper nur männliche Gewalt erkennen kann, der hat von ihr wirklich nichts verstanden. Sie nahm sich stattdessen lieber Bartóks 1918 uraufgeführte einaktige Oper „Herzog Blaubarts Burg“ vor, die in der Tat von einem blutrünstigen, frauenmordenden Monster erzählt, dies aber auf märchenhafte und symbolische Weise. Blaubart ist, rein moralisch betrachtet, nicht viel besser als die Schneekönigin, doch beide sind Archetypen, Märchenfiguren, in denen sich das Unterbewusste ebenso manifestiert wie kollektive kulturelle Erfahrungen. Bartóks Oper oder Andersens Märchen auf den Geschlechterkampf zu reduzieren, ist einfallslos und banal. Die Idee des Unerlöstseins bleibt dabei ebenso auf der Strecke wie die Macht der Traumbilder.

Dramaturgisch und visuell von großer Brillanz

Und doch hat Katie Mitchell Bartóks wuchtigen Einakter, in dem nur zwei Personen – Blaubart und seine „Gefangene“ Judith – auftreten, auf diese eine Idee reduziert. Judith ist in Mitchells Deutung eine Polizistin, die in Blaubarts Burg eindringt, um den Massenmörder zu stellen und die ihn am Ende auch durch einen Pistolenschuss zur Strecke bringt. Dabei wählt die Regisseurin einen Kunstgriff, der beeindruckend ist und formal brillant umgesetzt wird: Im ersten Teil des Abends erklingt als Prolog Bartóks 1944 komponiertes „Konzert für Orchester“, das einem eigens für diese Aufführung und mit den Schauspielern des Abends gedrehtem Film von Grant Gee unterlegt wird.

Dieser Film erzählt die Vorgeschichte der Oper, sein letztes Bild ist mit dem ersten der Oper identisch. Die Oper selbst entwickelt sich in einer Abfolge von sieben Guckkasten-Bildern, die wie ein Film am Betrachter von rechts nach links vorbeiziehen. Dramaturgisch und visuell ist das von großer Brillanz, und die Stärke der Aufführung ist, dass man ihren vereinfachenden Zugriff staunend vergisst.

Sänger halten die Tür zum Märchen offen

Allerdings hat die kinematographisch-reißerische Aufmachung auch zur Folge, dass der Text des Librettos seine Wirkung kaum entfalten kann, weil die symbolischen Verweise ins Leere greifen. Die Netflix-artige Präsentation der Oper kann so formal zwar überzeugen, ihre Botschaft – der alte, weiße Mann muss sterben, damit alles besser wird – ist eines intelligenten Menschen allerdings nicht würdig, nicht im Theater und erst recht nicht in Gesellschaft und Kirche.

Außer Frage steht die musikalische Leistung des Bayerischen Staatsorchesters unter Leitung der wie unter Strom agierenden Dirigentin Oksana Lyniv. Im einleitenden Konzert für Orchester ließ sie vielleicht noch die eine oder andere Schärfe vermissen. Im „Blaubart“ war jede musikalische Schärfe der Bartókschen Partitur messerscharf geschliffen. Die Schwedin Nina Stemme – ohnehin Expertin für schwierige Partien – überzeugte durch dramatische Präsenz, John Lundgrens versuchte seinem Blaubart trotz der negativen Konnotationen der Interpretation immer wieder so etwas wie rührende Sanftmut und zarte Verzweiflung mitzugeben. So hielten die beiden Sänger die Tür zum Märchen offen, die die verbissene Regisseurin verriegeln wollte wie die sieben Türen in Herzog Blaubarts Burg.

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