Marbach

Das Selbst im Anderen

Für Georg Wilhelm Friedrich Hegel war Billard ein Vergnügen: Stoß und Gegenstoß bilden ein zutiefst dialektisches Spiel. In Marbach hat sich US-Philosophin Judith Butler mit Hegels Denken auseinandergesetzt.

US-Philosophin Judith Butler bei ihrem Hegel-Vortrag in Marbach
Die US-Philosophin Judith Butler bei ihrem Hegel-Vortrag in Marbach. Foto: Jens Tremmel

Von Hegel stammt der Gedanke, das Denken beginne, wenn die Wirklichkeit Erinnerung wird. So fand er sein Bild der Eule der Minerva für seine „Philosophie des Rechts“ (1821), die ihren Flug erst bei einbrechender Dunkelheit beginnt. Leben wir heute in ähnlicher Situation, wenn das Ende der Demokratie befürchtet wird und sie gerade deshalb erst erkannt wird, oder wenn vom Ende der Welt gesprochen wird oder der Sprache in der Fake-Kultur, wodurch die Wahrheit der Sprache erst deutlich wird? Solche Fragen stellte die amerikanische Feministin Judith Butler zu Beginn ihres Vortrags am Sonntag zur Eröffnung der Schau „Hegel und seine Freunde – Eine WG-Ausstellung“ im Literaturarchiv in der Schiller-Stadt Marbach. Hegel und Hölderlin werden im nächsten Jahr vor 250 Jahren geboren sein.

Judith Butler, die in Heidelberg bei Hans-Georg Gadamers studierte, über Hegel promoviert wurde und jetzt an der kalifornischen Eliteuniversität Berkeley Rhetorik und Vergleichende Literaturwissenschaft lehrt, wollte der häufig geäußerten Meinung entgegentreten, dass Hegel mit seiner Philosophie immer in der Wirklichkeit zu spät komme.

Gibt es Auswege aus dem Kampf um Leben und Tod?

In Butlers Lesart habe uns der Philosoph auch heute noch viel zu sagen, auch für die Zukunft. In ihrem Vortrag ging sie vornehmlich auf das Kapitel „Herrschaft und Knechtschaft” in der „Phänomenologie des Geistes“ (1807) ein, in dem der Kampf um Leben und Tod die Hauptrolle spielt. In der Entwicklung des Buchs ist es letztlich der Kampf um das Selbstbewusstsein, das der Knecht gegenüber seinem Herrn zu erringen versucht; denn der Knecht, der an den Dingen arbeitet und sie genau kennt, wird selbst wie ein Ding behandelt, während der Herr bei Hegel die Dinge nicht genau kennen muss, aber sie und die Wertschöpfung genießen kann. Der zentrale Begriff, bei dem es hier seit Hegel über Marx bis zur heutigen linken Philosophie geht, ist der der Anerkennung. Der Knecht, oder moderner gesprochen der Arbeiter, ringt um Anerkennung – eigentlich um den normalen Status gegenseitiger Anerkennung zu erhalten.

Und hier kam Butlers eigene Auslegung des Problems ins Spiel. Sie sieht in der Forderung, den Anderen anzuerkennen und nicht zu zerstören ein Argument für Gewaltfreiheit, das sie aber nicht näher erklärte. Wie auch in ihren letzten Büchern „Raster des Krieges“ oder „Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung“, in denen sie sich von der Gender-Theorie ( „Gender Trouble“, „Das Unbehagen der Geschlechter“) verabschiedet hat, geht es ihr um das „gefährdete Leben“. Sie meint nämlich, dass wir nicht nur kulturellen Regeln folgen, sondern uns immer schon in einer Matrix befinden, die wir uns nicht ausgesucht haben; in dieser Matrix des gesellschaftlichen Miteinander ist das Bedrohen oder Töten des Anderen keine Option, weil es den Täter zugleich selbst bedroht.

Die Anerkennung des Anderen besteht also für Butler in einer tragischen Verflechtung – der Einzelne hat eine Begierde nach Anerkennung, ist seinem Willen zum Person-werden unterworfen, womit Subjekt-Werdung und Unterwerfung Hand in Hand gehen – bei Hegel mit der Gefahr des tödlichen Ausgangs. Menschen seien abhängig von denen, die sie ablehnten. In diesem Sinne kritisierte sie auch den kanadischen Philosophen Charles Taylor, der in seinem „Hegel“-Buch Anerkennung mit Achtung verbunden hat. Achtung sei aber viel zu positiv besetzt und eher ein Begriff aus der Philosophie des Sittengesetzes bei Kant.

Abschied vom konservativen Denker

Problematisch an den Ausführungen Butlers war jedoch ihre Uminterpretation der rein apriorischen Theorie Hegels in eine sozialpolitische Philosophie. Für Hegel, der dem absoluten Idealismus innerhalb des Deutschen Idealismus zugerechnet wird, spielt sich das historische Geschehen vor dem Hintergrund reiner Begriffe ab, er hat dabei nicht an eine Philosophie politischer Normen gedacht, wie es heute üblich ist und Hegel in den Mund gelegt wird. Vielmehr wollte Hegel zeigen, wie sich das reine Bewusstsein – ein Vorgriff auf Husserl – aus reinen Begriffen bis zur freien Erkenntnis seiner selbst entwickelt.

Hegel, und darauf hat auch Butler hingewiesen, war selbst ein konservativer Denker, der in Kategorien der Institutionen, des Rechts und der gelebten Sittlichkeit dachte. Auch meinte sie wohl ganz richtig, dass Hegel ihrer Auffassung deshalb so nicht zugestimmt hätte. Am Ende ihrer Rede verabschiedete sich Butler von Hegel, um ihm gegenüber die Selbstständigkeit ihres Denkens zu wahren. Insbesondere aber mit den Gedanken des Gewaltverbots und der gegenseitigen Abhängigkeit der Menschen habe er jedoch gezeigt, dass er nicht nur nicht zu spät, sondern höchst präsent sei.

Für Butler bedeutet dies auch, dass sich die deutsche Sprache ruhig ändern könne, um weltläufiger zu werden. Ein Mittel dazu sei die Migration, nicht nur um die Anerkennung der Anderen durchzuführen, sondern die Subjektwerdung der Deutschen. Mit Blick auf den neuen Nationalismus in vielen Ländern und den Rassismus begrüßte sie eine stärkere Heterogenität in der Gesellschaft. Volkserziehung? Ja, Butler konzedierte, dass Begriffe wie Volk und Nation für Hegel wichtig gewesen seien – sie wolle da aber eine andere Position vertreten.

Für Hegel war das Billardspiel ein besonderes Vergnügen
Für Hegel war das Billardspiel ein besonderes Vergnügen: Stoß und Gegenstoß sowie das Spielen über die Bande mussten dem... Foto: ar

Die Geister, die sich auf Hegel bezogen

Im Rahmen einer neuen Sicht auf Hegel bewegte sich auch die „WG-Ausstellung“. Denn das Thema ist eine Wohngemeinschaft Hegels und seiner Freunde über die Epochen hinweg. Seine unmittelbare Wohngemeinschaft war die mit Hölderlin und Schelling – die drei teilten sich im Studium ein Zimmer im Tübinger Stift. Doch schon bald verließen sie die ursprünglich theologischen Wege. Wie die neue Direktorin des Literaturarchivs, Sandra Richter, hervorhob, geht es in der Ausstellung auch um so etwas wie das Werden der Bedeutung Hegels durch andere Geister, die sich auf ihn bezogen.

So ist ein Hinweis auf den „Brief an den Vater“ Kafkas zu finden, in den wörtlich Textstellen von Hegel übernommen sind. Ein gefärbtes Glas kann bestaunt werden, das Goethe 1821 Hegel schenkte mit der Hoffnung, der Philosoph sollte mehr naturwissenschaftliche Methoden in sein Denken aufnehmen. Hegel sollte an dem Glas sehen, wie sich in ihm das Licht bricht und wie „dasselbe in gegenteilige Effekte kippen kann“ – eine Dialektik der Natur, die Hegel durchaus bewusst war. Auch war Hegel begeisterter Billard-Spieler – Stoß und Gegenstoß sowie das Spiel über die Bande faszinierten ihn. Eine Ausstellung, die Spaß macht und Philosophie lebendig werden lässt.

„Hegel und seine Freunde – Eine WG-Ausstellung“, Literaturarchiv Marbach, geöffnet bis 16. Februar 2020. Marbach, Schillerhöhe 8, Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr.