Berlin

Auf dem Weg zum modernen Grafik-Design

"László Moholy-Nagy und die Neue Typografie" rekonstruiert in Berlin eine Ausstellung von 1929 - Zur Modernität des Bauhaus-Meisters.

Tafel aus der Ausstellung "Wohin geht die typographische Entwicklung" von László Moholy-Nagy aus dem Jahr 1929.
Tafel aus der Ausstellung "Wohin geht die typographische Entwicklung" von László Moholy-Nagy aus dem Jahr 1929. Foto: Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“: Kommunikation besteht also nicht allein aus Texten. Setzte die Werbung zunächst einmal auf Textbotschaften – „Persil und sonst nichts“, „Darauf einen Dujardin“ –, so entdeckten die Werbefachleute früh die Kraft eines Schriftbildes – das Unternehmen für ein braunes Brausegetränk lässt grüßen. Nach und nach ersetzten Logos den Text bei der Wiedererkennbarkeit eines Markennamens. Konsumenten verbinden die Eigenschaften einer „Marke“ im Sinne der Abgrenzung von konkurrierenden Produkten inzwischen eher mit einem Logo als mit irgendeiner Beschreibung. Wobei die Anpassung eines Logos an die Marke unterschiedlich verlaufen kann: Hat Adidas im Laufe der Zeit 16 verschiedene Logos eingesetzt, so genügte Nike das 1971 entworfene „Swoosch“-Symbol, um als Marke wiedererkannt zu werden. Anfangs noch mit dem Schriftzug „Nike“ versehen, steht heute allein das Symbol als Firmenlogo.

Mit der Einführung des Internets und insbesondere auch des iPhones im Jahr 2007 gewann der Ausdruck „Nonverbale Kommunikation“ eine ganz neue Bedeutung: Wir verschicken heute Audionachrichten per WhatsApp, posten Fotos auf Instagram, teilen Videos auf Facebook oder schreiben Kurznachrichten bis zu 280 Unicode-Zeichen auf Twitter. Die Entwicklung schreitet so schnell voran, dass Bildungsexperten davor warnen, dass Schülern Mit-der-Hand-Schreiben bald so fremd sein könnte wie ein Scheibentelefon. Warum einen Zettel mit einer handgeschriebenen Botschaft von Bank zu Bank bis zum Empfänger weitergeben lassen, wenn ein paar Emojis per Handy in Sekundenschnelle es auch tun?

Über die Verknüpfung verschiedener Kommunikationsmöglichkeiten und insbesondere von Wort und Bild, aber auch von Audio setzte sich bereits vor 90 Jahren László Moholy-Nagy auseinander. Diese „Simultaneität“ lasse ihn gar als „Vorreiter des Internet“ erscheinen, sagte Isabel Naegele, Institut Designlabor Gutenberg an der Hochschule Mainz, bei der Präsentation der Ausstellung „László Moholy-Nagy und die Neue Typografie. Rekonstruktion einer Ausstellung Berlin 1929“ in der Kunstbibliothek, Kulturforum Berlin.

Vorreiter einer neuen Art der Kommunikation

László Moholy-Nagy war ein Multitalent: Zu seinen Werken gehören nicht nur Plastiken, Gemälde, Fotografien und Grafiken. Darüber hinaus drehte er als Regisseur Stummfilme. Sein Interesse galt aber auch der Verknüpfung verschiedener grafischer und anderer gestalterischer Elemente mit fotografischen Arbeiten. Moholy-Nagy gehört ebenfalls zu den wichtigsten Meistern des Bauhauses: 1923 folgte er auf Johannes Itten noch in Weimar als Leiter des Vorkurses. Nach dem Umzug nach Dessau blieb er bis 1928 beim Bauhaus unter anderem als Herausgeber der Bauhausbücher in Zusammenarbeit mit Walter Gropius. In Dessau beschäftigte er sich insbesondere mit typografischen Entwürfen und mit Fotografie.

Nach seinem Ausscheiden aus dem Bauhaus machte sich Moholy-Nagy in Berlin einen Namen als Gestalter von Bühnenbildern und Ausstellungen. Insbesondere die „Film und Foto“ (FiFo) in Stuttgart und „Wohin geht die typografische Entwicklung“ im Martin-Gropius-Bau – beide im Jahr 1929 – gelten heute als „Meilensteine des modernen Ausstellungsdesigns“, so Michael Lailach, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kunstbibliothek Berlin und Kurator der Ausstellung „László Moholy-Nagy und die Neue Typografie“.

Mit dem funktionalen Grafikdesign der „Neuen Typografie“ hatte sich in den 1920er Jahren eine künstlerische Reklamegestaltung durchgesetzt, die mit der Gestaltungstradition des Druckgewerbes brach. Die zeitgemäße Gestaltung sollte die Standardisierung der Schrifttypen und die industriellen DIN-Normen mit den Prinzipien der Lesbarkeit, Klarheit und Direktheit miteinander verbinden.

Die neue Druckgrafik kam aus dem „Denklabor“

Mit „konzeptionellem Denken“ (Isabel Naegele) griff Moholy-Nagy diese Entwicklung auf: Er habe „einen Blick zurück und einen Blick nach vorne“ getan. Der ehemalige Bauhaus-Meister gestaltete 78 Schautafeln zur Entwicklung der „Neuen Typografie“ seit der Jahrhundertwende und zur Zukunft der Typografie im Zeitalter der Fotografie. Der Raum, den der gebürtige Ungar entwarf und 1930 der Kunstbibliothek schenkte, wird nun erneut gezeigt, ergänzt durch eine Auswahl berühmter Plakate und Reklamedrucke des „Rings neuer Werbegestalter“.

Moholy-Nagy habe diese Arbeit als „Denklabor“ aufgefasst, so Michael Lailach. Denn nicht nur was, sondern wie es vermittelt wird, spielt dabei eine Rolle. Die auf den 78 Tafeln zu sehenden Textbilder wirkten heute vertraut, damals aber nicht, sagte Lailach. Mit der Frage „Wie werden Mitteilungen vermittelt?“ kann László Moholy-Nagy als Vorreiter nicht nur einer neuen Typografie, sondern auch einer neuen Art der Kommunikation bezeichnet werden, die bis in unsere Tage hineinwirkt. Darin liegt seine Modernität.

„László Moholy-Nagy und die Neue Typografie. Rekonstruktion einer Ausstellung Berlin 1929“. Kunstbibliothek Berlin, Kulturforum, Matthäikirchplatz 6, 29. August – 15. September. Katalog (Kettler Verlag), 256 Seiten, 45,- Euro