Warschau

Lange Schatten der Vergangenheit

Ein Ferienlager endet mit Schrecken: Die polnische Netflix-Serie „Das Grab im Wald“.

„Das Grab im Wald“
Im Herbst 2019 holt die Vergangenheit Laura (Agnieszka Grochowska) und Pawel (Grzegorz Damiecki) ein: Im Sommer 1994 ereignete sich eine Tragödie bei einem Sommerlager, die das Leben des jungen Liebespaares veränderte. Foto: Netflix

Es war 1994, der Sommer ging zu Ende, genauso wie meine Kindheit“. Die Off-Stimme zu Beginn der Netflix-Serie „Das Grab im Wald“ verrät deren literarischen Ursprung. Für die Serie wurde der 2007 erschienene, gleichnamige Roman (Originaltitel: „The Woods“) des Krimi-Autors Harlan Coben adaptiert. Dabei handelt es sich nach „Safe“ (2018) und „Ich schweige für dich“ (2020) um die dritte Adaption eines Coben-Thrillers für eine Serie. Dem Vernehmen nach sollen in den kommenden Jahren 14 Romane des 1962 in New Jersey geborenen US-Schriftstellers für den Streamingdienst Netflix verfilmt werden.

Bei „Das Grab im Wald“ wurde allerdings der Handlungsort von den Vereinigten Staaten nach Polen verlegt. Denn bei der Serie handelt es sich um die zweite polnische Produktion für den Streamingdienst Netflix, der auf die Internationalität seines Angebots großen Wert legt.

Ein Sommerlager, zwei Tote, zwei Vermisste

Dazu spielt die Serie auf zwei verschiedenen Zeitebenen: Im August 1994 kommt es beim in einem Wald gelegenen Sommerlager einer Warschauer Schule zu einem grausigen Fund: Zwei Jugendliche werden brutal ermordet im Gehölz aufgefunden. Von zwei anderen – Artur (Adam Wietrzynski) und Kamila (Martyna Byczkowska) – fehlt jede Spur. Sie sind einfach verschwunden. Kamilas Bruder Pawel (Hubert Milkowski), der auch mit Artur befreundet ist, stellt sich als die Hauptfigur der Serie heraus. Ihm gehört die anfangs erwähnte Off-Stimme, die vom „Ende der Unschuld“ erzählt – so der Titel der ersten Folge. Das jähe Ende eines Sommerlagers bedeutet aber auch das Aus für die junge Liebe Pawels zur gleichaltrigen Laura (Wiktoria Filus). Bei den vielen Jugendlichen könnte der Zuschauer leicht den Überblick verlieren. Dafür wenden aber die Regisseure einen Kunstgriff an: Sie lassen Laura die anderen Jugendlichen interviewen, so dass sie frontal von der Kamera aufgenommen werden.

Zu dem im August 1994 angesiedelten Handlungsstrang kommt eine zweite Zeitebene, die im September 2019 spielt. Pawel Kopinski (nun von Grzegorz Damiecki dargestellt) hat es ein Vierteljahrhundert später zum Staatsanwalt gebracht. Das Verschwinden seiner Schwester beschäftigt ihn jedoch immer noch.

Was hat sich vor 25 Jahren im Wald wirklich zugetragen?

Als ihn zwei Ermittler darum bitten, eine Leiche zu identifizieren, ist der lange Schatten seiner Vergangenheit auf einmal wieder ganz lebendig. Nun beginnt der Staatsanwalt parallel zur Polizei auf eigene Faust zu recherchieren. In einem Nebenstrang muss er sich um einen Vergewaltigungsfall kümmern, bei dem eine junge Frau felsenfest behauptet, von zwei Gleichaltrigen wohlhabender Familien auf einer Party vergewaltigt worden zu sein. Der Vater eines der Jungen, der einflussreiche Fernsehreporter Krzysztof Dunaj-Szafranski (Cezary Pazura), wühlt nun in Pawels Vergangenheit, um den Staatsanwalt unter Druck zu setzen, damit er die Anklage fallen lässt. Obwohl dadurch mehrere Nebenschauplätze aufgemacht werden, bleibt im Mittelpunkt die Frage, was sich vor 25 Jahren im Wald wirklich zugetragen hat.

Visuell unterscheiden sich die zwei Zeitebenen nicht nur durch Kleidung und Haarschnitt, sondern auch durch die Farbgebung. Die warmen Sommerfarben des im Jahr 1994 angesiedelten Handlungsstrangs kontrastieren mit bläulich-gräulichen Farbtönen in der Gegenwart. Zwar fällt die Filmmusik häufig eine Spur zu aufdringlich aus, aber durch die teils düstere Farbgebung und die sich langsam entwickelnde Dramaturgie, in der das ständige Hin- und Herwechseln zwischen den beiden Zeitebenen im Gegensatz zu manchen Serien keineswegs willkürlich, sondern klug eingesetzt wird, zeigt „Das Grab im Wald“ deutliche Parallelen zu den zurzeit hochaktuellen skandinavischen Thrillern.

Zerstörende Kraft eines unaufgeklärten Verbrechens

Auch wenn manchmal die Serie etwas zu verschlungen daherkommt und sich die eine oder andere Wendung als allzu offensichtlich herausstellt, legen die beiden Regisseure Leszek Dawid und Bartosz Konopka sowie ihre Drehbuchautoren besonderen Wert darauf, die Charaktere zu entwickeln. Dazu tragen nicht nur die geschickt eingesetzten Dialoge, sondern auch die für deutsche Zuschauer wenig verbrauchten Gesichter der Darsteller – allen voran Grzegorz Damiecki – wesentlich bei.

„Eltern tun Vieles, um ihre Kinder zu schützen“, heißt es in der Serie. Dies könnte als roter Faden durch die sechs Folgen von „Das Grab im Wald“ bezeichnet werden. Eine solche Haltung findet sich nicht nur in der in der Vergangenheit spielenden „Haupthandlung“, sondern sozusagen spiegelbildlich auch in der Gegenwart. Neben dem aktuellen Thema der Manipulation von Informationen durch die Medien, weist die Romanadaption des Coben-Thrillers ebenfalls auf die zersetzende Kraft über die Zeit hinweg eines Verbrechens hin, das ein Vierteljahrhundert danach immer noch unaufgeklärt bleibt, und deshalb für die Protagonisten umso zerstörerisch wirkt.

„Das Grab im Wald“, Polen 2020, sechsteilige Serie mit insgesamt 306 Minuten. Regie: Leszek Dawid, Bartosz Konopka. Auf Netflix.

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