Middletown, Ohio

Feste Disziplin lässt reifen

In Ron Howards „Hillbilly-Elegie“ muss eine Arbeiterfamilie etliche Krisen meistern.

Szenenbild Netflixserie "Hillbilly-Elegie"
Mutter (Amy Adams, rechts) und Großmutter (Glenn Close) sind die wichtigsten Bezugspersonen in J.D.s Leben. Die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander sind allerdings ziemlich vertrackt. Foto: Lacey Terell/Netflix

Etwas außergewöhnlich ist es zwar, dass ein 32-Jähriger seine Memoiren veröffentlicht. James David „J.D.“ Vance hatte jedoch nicht nur etwas zu erzählen. Mit dem 2016 beim renommierten New Yorker Harper-Verlag erschienenen „Hillbilly elegy: a memoir of a family and culture in crisis“ („Hillbilly Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise“) traf er offensichtlich darüber hinaus den Nerv einer US-amerikanischen Gesellschaft, in der die archetypische Geschichte „vom Tellerwäscher zum Millionär“ in den letzten Jahrzehnten desto mehr in den Hintergrund getreten ist, je größer die Schere zwischen dem Establishment an den beiden Küsten und den „Hillbilly“ („Hinterwäldlern“) beispielsweise im krisengeschüttelten „Rust Belt“ wurde.

Mit dem Willen der Großmutter zum Erfolg

J.D. Vances Familie stammt zwar aus Kentucky, zog aber nach Middletown, Ohio im Rust Belt, der einst florierenden Industrieregion der Vereinigten Staaten. J.D. wuchs in einer Familie auf, die durch Arbeitslosigkeit, Scheidung sowie Alkohol- und Drogenkonsum gekennzeichnet war. Dem drohenden Abgleiten an den Rand der Gesellschaft entkam der Junge dank des festen Willens seiner mütterlichen Großmutter. Ihr ist zu verdanken, dass J.D. Vance nicht nur die Schule abschließen, sondern auch zunächst an der öffentlichen Universität Ohio studieren und dann 2013 an der Elite-Jurafakultät in Yale den Doktorgrad erwerben konnte.

„Hillbilly elegy: a memoir of a family and culture in crisis“ führte im August 2016 die Bestseller-Liste der New York Times. Zu dessen Erfolg trug laut Kritikern bei, dass es erklären hilft, wie die weiße Unterschicht 2016 Donald Trump gegen Hilary Clinton durchsetzte.

Nun hat Netflix Vances Buch unter dem Titel „Hillbilly-Elegie“ verfilmt. Die Drehbuchadaption verantwortet Vanessa Taylor, die 2018 für „Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“ (DT vom 08.03.2018) für den Oscar nominiert wurde. Regie führt Ron Howard, der mit „A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn“ (DT vom 28.2.2002) vier Oscars – darunter Bester Film und Beste Regie – gewann.

„ Die Großmutter wurde mit 13 schwanger
und floh mit ihrem Geliebten
und späteren Ehemann nach Ohio“

„Wir schreiben das Jahr des Herrn 1997 in einer Epoche des Wohlstands“, sagt eine Stimme noch auf schwarzem Bildschirm. Sie gehört einem Prediger, und kommt aus dem Autoradio. Dann die Aufschrift „Jackson, Kentucky 1997“. Ort und Zeit mögen stimmen, aber für den 13-jährigen J.D. (Owes Asztalos) ist dies alles andere als eine „Epoche des Wohlstands“. Die Großmutter wurde mit 13 schwanger und floh mit ihrem Geliebten und späteren Ehemann nach Ohio. Familienfotos reichen zurück ins beginnende 20. Jahrhundert oder noch früher, als die schwere Industrie die Gegend prägte.

 

Ein Zeitsprung ins Jahr 2011 zeigt J.D. (nun von Gabriel Basso dargestellt) in Yale. Etwas plakativ setzt Ron Howard den Unterschied zwischen dem „Hillbilly“ und der feinen Yale-Gesellschaft in Szene: Bei einem Diner mit den Vertretern wichtiger Anwaltskanzleien kommt J.D. mit der Besteckordnung nicht zurecht – und muss deswegen seine Freundin Usha (Freia Pinto) anrufen. Noch schlimmer wird es, als sich ein arroganter Anwalt über die Herkunft des jungen Mannes lustig macht. Das kann er nicht auf sich beruhen lassen, auch wenn es ihn den Job kosten könnte.

Zwischen Hieben und Liebe - eine komplexe Beziehung

Von seiner Schwester Lindsay (Haley Bennet) erfährt J.D., dass Mutter Bev (Amy Adams) im Krankenhaus liegt, nachdem sie an einer Überdosis Heroin beinahe gestorben wäre. Er muss zurück nach Hause, was auch eine Reise in die Vergangenheit bedeutet, denn der Film erzählt auf den zwei Ebenen 1997 und 2011. So lernt der Zuschauer die vertrackte Beziehung von J.D. zu seiner Mutter kennen, die in einem Augenblick ihren Sohn verhätschelt, und im nächsten auf ihn einprügelt, weil er ihr ihre Selbstzerstörung vorwirft. Nicht minder komplexer ist die Beziehung zwischen Mutter und Oma, genannt Mamaw (Glenn Close). Die Großmutter wird in J.D.s Leben eine entscheidende Rolle spielen.

Ron Howard konzentriert sich insbesondere auf die Familienverhältnisse, wodurch die sozialkritische Komponente an den Rand tritt, etwa beim erwähnten Yale-Dinner oder als J.D. das Wort „Sirup“ nicht auszusprechen schafft, und eher „Serub“ sagt.

Oscar-Nominierungen sind so gut wie sicher

In „Hillbilly-Elegie“ brillieren vor allem zwei Schauspielerinnen: Mit wüster Frisur und aufgedunsenem Gesicht spielt Amy Adams gekonnt auf der Klaviatur entgegengesetzter Gefühle und der unterschiedlichen Stimmungslagen. Die Verwandlung der inzwischen 73-jährigen Glenn Close verblüfft noch mehr: Oscar-Nominierungen sind ihnen damit ziemlich sicher. Für Amy Adams wäre es die siebte, für Glenn Close die achte Kandidatur – wobei weder die eine noch die andere je den Preis gewinnen konnte.Was der Film allerdings nicht erzählt: J.D. Vance konvertierte letztes Jahr zum Katholizismus. Er wurde am 11. August 2019 von Dominikaner-Pater Henry Stephan getauft und in die katholische Kirche aufgenommen (DT vom 25.8.2019).


„Hillbilly Elegie“, USA 2020. Regie: Ron Howard, 116 Minuten. Auf Netflix

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