Toni Kroos: Der Zurückhaltende

Der Dokumentarfilm "Kroos" zeichnet den Werdegang des deutschen Nationalspielers nach und bietet einen Einblick in sein gut behütetes Privatleben. Von José García

Toni Kroos bei einem der seltenen öffentlichen Auftritte jenseits des Fußballrasens – bei einer Wohltätigkeitsgala zugunsten seiner Stiftung für kranke Kinder im Jahre 2017. Foto: Broadview Pictures
Toni Kroos bei einem der seltenen öffentlichen Auftritte jenseits des Fußballrasens – bei einer Wohltätigkeitsgala zugun... Foto: Broadview Pictures

Ein Bild aus dem Dokumentarfilm „Kroos“ mag für die eigentliche Aussage des Films von Manfred Oldenburg stehen. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist am Abend des 13. Juli 2014 nach dem 1 : 0-Sieg gegen Argentinien Weltmeister geworden. Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel lassen sich mit dem Trainer- und Betreuerstab sowie mit der gesamten Mannschaft in der deutschen Kabine in Rio de Janeiro ablichten. Mit der gesamten Mannschaft? Nein: Im Hintergrund kann man Toni Kroos erkennen, der sich in eine Ecke zurückgezogen hat, und sich seelenruhig seinem „Arbeitsgerät“, den Fußballschuhen widmet. Toni Kroos, der Spielmacher auf dem Rasen, übt sich außerhalb des Fußballfeldes in Zurückhaltung, als ginge ihn der ganze Rummel um die wohl beliebteste Sportart der Welt gar nichts an.

Warum Toni Kroos trotzdem zustimmte, dass über ihn ein Dokumentarfilm gedreht wird, erklärt er in einem Interview mit dem „Kölner Stadtanzeiger“: „Mein Privatleben soll grundsätzlich auch privat bleiben. Trotzdem habe ich der Anfrage zu einem Kinodokumentarfilm gerne zugestimmt, da ich sie als eine große Ehre und Bestätigung sehe.“ Gerade die Diskretion in seinem Privatleben macht einen Dokumentarfilm über den erfolgreichsten deutschen Fußballspieler aller Zeiten besonders interessant. Für dieses Interesse sprechen etwa seine mehr als 20 Millionen Instagram-Follower: Toni Kroos hat mehr Fans als jeder andere Deutsche. Die sportlichen Erfolge sprechen für sich: Toni Kroos ist Weltmeister 2014, vierfacher Champions-League-Sieger und Deutschlands Fußballer des Jahres 2018. Er ist der einzige deutsche Fußballspieler, der zur gleichen Zeit mit der Nationalmannschaft und mit dem Verein Weltmeister war. Und er ist ebenfalls der einzige Fußball-Weltmeister, der in der DDR geboren ist.

In „Kroos“ zeichnet Manfred Oldenburg, der für seine Dokumentarfilme, etwa für „Das Wunder von Bern – Die wahre Geschichte“ (2004) mit dem Deutschen Fernsehpreis sowie für „Das verflixte dritte Tor – Wembley ?66“ (2007) mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde, die Karriere des Mittelfeldspielers von Greifswald, wo Toni Kroos am 4. Januar 1990 geboren wurde, über München und Leverkusen bis nach Madrid nach.

Der Beginn seiner Fußballkarriere ist mit der eigenen Familiengeschichte aufs Engste verwoben. Denn sowohl Toni als auch sein vierzehn Monate jüngerer Bruder Felix – der seit 2016 beim 1. FC Union Berlin unter Vertrag steht und deshalb ab dem Beginn der neuen Saison erstmals in der ersten Bundesliga spielen wird – erlernten das Fußballhandwerk bei Vater Roland Kroos, der als Jugendtrainer beim Greifswalder SC arbeitete. Toni und Felix Kroos spielten dann bei den Junioren von Hansa Rostock, als 2002 der Vater eine Anstellung als Jugendtrainer bei Hansa Rostock bekam, und die Familie in die Hansestadt zog. Für diese Zeit äußern sich vor der Kamera Eltern und Bruder, aber auch die Großeltern des Fußballers.

Für Toni Kroos' Zeiten als Profifußballer stehen dem Regisseur als Gesprächspartner etwa die Fußballtrainer Zinédine Zidane und Jupp Heynckes sowie die Präsidenten von Bayern München beziehungsweise Real Madrid Uli Hoeneß und Florentino Pérez zur Verfügung. Den roten Faden, sozusagen den Handlungsrahmen bestimmen jedoch prominente Fans wie Robbie Williams oder auch Experten wie Publizist und Philosoph Wolfram Eilenberger sowie die Sportjournalisten Marcel Reif und Ronald Reng, die eine Erklärung für das „Phänomen Kroos“ zu finden versuchen: Als Mittelfeldspieler sieht er das Spiel voraus wie kaum jemand sonst. Toni Kroos ist wie ein Dirigent, der mit Leichtigkeit und Logik Ordnung ins fußballerische Chaos bringt, weshalb er sich seit seinem Wechsel zu Real Madrid (2014) sofort in die Herzen der Fans spielte. Zusammen mit dem kroatischen Weltfußballer des Jahres 2018, Luka Modric, bildet Kroos das Rückgrat der Mannschaft, die die Champions League dreimal in Folge (2016–2018) gewann.

„Kroos“ gewährt allerdings nur wenige Einblicke in die außersportlichen Aktivitäten eines Fußballprofis, so etwa bei einer Gala in London, wo der Spieler von einem Interview zum nächsten hastet und dabei Fototermine absolvieren muss. Einige wenige Szenen werden im Haus, in dem Toni mit Frau Jessica und ihren drei Kindern in der Nähe von Madrid wohnen, gedreht. Ehefrau Jessica erzählt, seit vier Jahren sei sie nicht mehr in der Madrider Innenstadt gewesen. Für die Fußballstars ist ein normales Leben in der Stadt kaum möglich – was aber die Kroos' nicht schlimm finden, denn am liebsten sind sie zu Hause.

Zu den wenigen Szenen im Film, die Toni Kroos bei öffentlichen Auftritten zeigt, gehört ein Fundraising-Abend für die Stiftung, die der erfolgreiche Fußballspieler zugunsten kranker Kinder und Jugendlicher vor ein paar Jahren gründete. Toni Kroos hat viel Glück im Leben gehabt – das wird aus dem Dokumentarfilm deutlich. Einiges davon möchte er auch weitergeben.