Berlin

Sehnsucht nach dem Vater

Wohlgemeinte Lügen: Die Briefe, die Frankie regelmäßig von seinem unbekannten Vater bekommt, hat eigentlich seine Mutter geschrieben.Teil 7 der Serie Familienfilme:„Lieber Frankie“ (2004).

Lieber Frankie
Der neunjährige Frankie (Jack McElhone) lebt mit seiner Mutter Lizzie (Emily Mortimer) und glaubt, dass sein Vater Matrose auf der HMS Accra ist. Die Briefe, die er ihm schreibt, werden heimlich von seiner Mutter beantwortet, die aber ein Problem bekommt, als die HMS Accra eines ... Foto: dpa

Nicht alle Spielfilme, in denen Kinder im Mittelpunkt stehen, sind schon deshalb Kinderfilme. Häufig geht es in solchen, eindeutig auf ein Erwachsenenpublikum abzielenden Filmen mit Kindern eher um die Frage, wie alleinstehende Erwachsene plötzlich für Kinder Verantwortung übernehmen sollen oder müssen. In „Lieber Frankie“ (2004) von Shona Auerbach stehen dennoch nicht die Erwachsenen, sondern der titelgebende Frankie tatsächlich im Mittelpunkt.

Ohne viele Worte, aber mit großer visueller Kraft

„Lieber Frankie“ beginnt mit einem Umzug im schottischen Glasgow. Denn der fast zehnjährige, gehörlose Frankie (Jack McElhone) zieht mit seiner Mutter Lizzie (Emily Mortimer) ständig von einer schottischen Stadt in die nächste. Wegen der Unstetigkeit kann der kleine Frankie kaum Freunde finden. Seine einzige Hoffnung: Die Briefe, die er von seinem Vater, den er nie kennengelernt hat, aus der ganzen Welt bekommt. Denn Frankies Vater arbeitet als Matrose auf dem Frachtschiff HMS Accra – so hat es ihm seine Mutter erzählt. Allerdings weiß Frankie nicht, dass diese mit exotischen Briefmarken versehenen Briefe von der Mutter geschrieben werden, die damit mit ihrer eigenen traumatischen Vergangenheit brechen will. Als aber Frankie erfährt, dass das Schiff, mit dem angeblich sein Vater um den Erdball reist, im Hafen von Glasgow vor Anker gehen soll, will der Junge ihn natürlich endlich kennenlernen. Die Mutter sieht sich mit der Entscheidung konfrontiert, dem Lügengebilde ein Ende zu bereiten, oder aber jemand zu finden, der für einen Tag die Stelle von Frankies Vater übernimmt.

Ohne viele Worte, dafür aber mit großer visueller Kraft erzählt die britische Fotografin Shona Auerbach in ihrem Spielfilmdebüt von einer traumatisierten Mutter und einem möglichen Neuanfang. In der Tradition des britischen Sozialfilmes mit seiner typischen blassen braun-grünen Farbgebung schafft die Regisseurin einen zeitlosen Rahmen: Die Einrichtung des Hauses erinnert eher an die sechziger oder siebziger Jahre als an die Gegenwart, erst die spärlich ins Bild kommenden Autos vergewissern den Zuschauer, dass die Geschichte in der Gegenwart angesiedelt ist. Lediglich in der manchmal etwas bemühten Kameraführung oder dem bisweilen zusammenhanglosen Schnitt erkennt man das Erstlingswerk. In der Erzählung dagegen beweist Shona Auerbach eine außergewöhnliche Sicherheit und ein feines Gespür für emotionale Themen, ohne in Sentimentalitäten abzugleiten.

„Frankie braucht keine Briefe
voller Lügen, sondern einen Vater
aus Fleisch und Blut“

Dabei lässt das Sujet von „Lieber Frankie“ den Zuschauer nicht unberührt. Er selbst muss entscheiden, ob Lizzie mit ihren wohlgemeinten Lügen richtig handelt, oder eher Lizzies Mutter mit ihrer Einstellung Recht hat: „Frankie braucht keine Briefe voller Lügen, sondern einen Vater aus Fleisch und Blut.“ Obwohl im Mittelpunkt von „Lieber Frankie“ ein zehnjähriger Junge steht, der viel mehr versteht, als Erwachsene meinen, erweist sich das Spielfilmdebüt von Shona Auerbach als ein Film über die Sehnsucht nach einer normalen Familie.