Würzburg

Plädoyer gegen die nivellierende Globalisierung

Es ist ein Meisterwerk des Altmeisters: Hayao Miyazaki gilt als einer der größten Regisseure des Animationsfilms. Mit "Chihiros Reise ins Zauberland" schuf er 2001 eine Märchengeschichte für die ganze Familie.

Filmtipp "Chihiros Reise ins Zauberland"  - Filmszene
Durch einen mysteriösen Tunnel gelangt die zehnjährige Chihiro (links) in ein Land, das von allerlei seltsamen Wesen und Geistern bewohnt wird. Dort lernt Chihiro aber auch den Jungen Haku kennen, der ihr im Kampf gegen die Hexe Yubaba hilft. Foto: EMP

Der 1941 geborene japanische Regisseur Hayao Miyazaki gilt als Pionier in Sachen Animationsfilm. Miyazaki wurde im Jahre 2005 beim Filmfestival Venedig als erster Animationsfilm-Regisseur überhaupt mit dem Goldenen Löwen für sein Gesamtwerk ausgezeichnet. Drei Jahre zuvor gelang ihm eine ähnliche Sensation: Mit „Chihiros Reise ins Zauberland“ wurde zum ersten Mal bei einer Berlinale (2002) der Goldene Bär an einen Animationsfilm verliehen. Außerdem setzte sich der Film gegen große Hollywood-Produktionen bei der Vergabe des Oscars als Bester Animationsfilm 2003 durch. Galt der europäische und amerikanische Zeichentrick- und Animationsfilm in erster Linie als Kinderfilm, so sprengte der japanische Zeichentrickfilm bereits in den sechziger Jahren das Kinder-Genre. An der Entwicklung komplexer Handlungen und Szenarien für alle Altersstufen war Hayao Miyazaki maßgeblich beteiligt.

Miyazakis Animations-Meisterwerke üben darüber hinaus auf die Animationsschmiede Pixar einen nachhaltigen Einfluss aus: „Filme wie ,Unser Nachbar Totoro‘ oder ,Kikis kleiner Lieferservice‘ sind für mich eine Quelle permanenter Inspiration. Ich bewundere Miyazaki dermaßen, dass ich die Struktur seines Studio Ghibli als Modell für den Aufbau von Pixar übernommen habe“, erklärte John Lasseter, der spiritus rector des Pixar-Studios. Über Pixar trugen sie wesentlich dazu bei, dass sich auch die amerikanische Animation in den letzten 25 Jahren einem erwachsenen Publikum öffnete.

Ein Tunnel führt in die Geschichte

„Chihiros Reise ins Zauberland“ beginnt bei einem Umzug: Unterwegs treffen die zehnjährige Chihiro und ihre Eltern auf einen verlassenen Tunnel. Sie durchqueren ihn und finden sich in einer Stadt wieder, die vollkommen verlassen wirkt. Nachdem sich Chihiros Eltern, angezogen vom Duft leckerer Speisen, ins Restaurant stürzen, werden sie in Schweine verwandelt. In dieser fremden Welt auf der anderen Seite des Tunnels, die von allerlei seltsamen Wesen und Geistern bewohnt wird, lernt Chihiro den Jungen Haku kennen, der sie in das von der Hexe Yubaba geführte Götter-Badehaus einschmuggelt.

In der Hoffnung, Hinweise darauf zu finden, wie sie ihre Eltern retten und wieder nach Hause zurückkehren kann, ersucht sie die Hexe um eine Anstellung. Yubaba lässt sich davon überzeugen, mit Chihiro einen Arbeitsvertrag zu schließen. Doch zu dessen Bedingungen gehört, dass die Hexe Chihiros Namen einzieht und ihr einen neuen verleiht. Wer seinen eigentlichen Namen allerdings vergisst, kann der Schattenwelt niemals mehr entkommen. Haku, der Junge, der sich in einen Drachen verwandeln kann, bleibt Chihiro ein Rätsel: einerseits versucht er ihr zu helfen, ihre Eltern wiederzufinden, andererseits steht er hoch in Yubabas Diensten.

In „Chihiros Reise ins Zauberland“ spielt Ökologie eine überaus wichtige Rolle, so etwa in der Figur des „verschmutzten Flussgottes“: Ein schlammverschmierter und übel riechender Geist verbreitet Ekel und Abscheu im Badehaus. Erst als Chihiro einen Dorn aus seinem Körper entfernt, an dem zahllose Gegenstände hingen, die sich tief in der Gottheit Körper eingefressen hatten, erweist sich der so abstoßende Faulgott als mächtiger Flussgott, der Zuflucht vor der Welt der Menschen sucht.

Plädoyer gegen den Werteverfall

Doch die Metapher geht tiefer: In dieser Figur prallen die moderne kapitalistische Welt mit ihren Maschinen und sonstigen Artefakten, die aus dem schleimig-unförmigen Körper des Flussgottes herauskommen, und das traditionelle Japan mit seinen Legenden und Märchen aufeinander. So erweist sich „Chihiros Reise ins Zauberland“ als ein Plädoyer gegen den Werteverfall, gegen den Verlust von Traditionen und die alles nivellierende Globalisierung.

Neben dem großen Detailreichtum in der Zeichnung besticht der Film durch eine gelungene Charakterzeichnung: der mysteriösen Haku, die mit allen Wassern gewaschene Lin, die im Badehaus Chihiro unter ihre Fittiche nimmt, oder auch der vielarmige Heizer Kamajii, sind überaus komplexe Figuren, die dazu beitragen, aus „Chihiros Reise ins Zauberland“ ein Meisterwerk für alle Generationen zu machen.

„Chihiros Reise ins Zauberland“ („Sen To Chihiro No Kamikakushi“/„ Spirited Away”). Japan 2001, Regie: Hayao Miyazaki, 125 Minuten, EAN: 828-765328-999, EUR 8,99