Berlin

Mit Mittelmaß weit gekommen

Mutter- und Vaterliebe: Regisseur Jan-Ole Gerster über seinen Kinofilm „Lara“.

LARA
An ihrem 60. Geburtstag feiert Laras (Corinna Harfouch) Sohn Viktor (Tom Schilling) ein wichtiges Konzert. Die Mutter-Sohn-Beziehung hat darunter gelitten, dass sie seine Karriere eine Spur zu ehrgeizig gefördert hat. Foto: Studiocanal / Frederic Batier

Herr Gerster: Für Ihren ersten Film „Oh Boy“ schrieben Sie das Drehbuch. Hier verfilmen Sie ein Drehbuch von Blaž Kutin. Wie ist das Verhältnis von Drehbuch- und Regiearbeit in „Lara“?

Blaž Kutin ist vor zehn Jahren von Ljubljana nach Berlin gezogen. Das Drehbuch zu „Lara“ hatte er schon früher, vor zwölf Jahren geschrieben. Er hatte zwar bei Drehbuch-Wettbewerben Preise gewonnen, aber aus einem mir nicht erklärlichen Grund blieb es unverfilmt. Nach „Oh Boy“ habe ich viele Drehbücher gelesen, aber Lara war das erste Drehbuch, das sich nach einem filmischen Zuhause anfühlte: die Sprache, der Humor, die Tonalität, die Sicht auf die Welt und ihre Figuren – das alles kam mir sehr vertraut vor. Nach den Jahren der Suche nach einem Stoff merkte ich, wie sich in mir ein Krampf löste. Ich fragte also Blaž (Kutin), ob er mir wirklich sein Drehbuch anvertrauen wollte. Er glaubte, ihm widerfahre ein Wunder, weil er dachte, dieses Buch verschwinde für immer in seinem Schreibtisch.

Konnten Sie das Drehbuch eins zu eins übernehmen?

Zunächst musste eine Übersetzung erstellt und einige Anpassungen vorgenommen werden. Beispielsweise war es anfangs nicht klar, ob der Film in Berlin spielen würde – das hatte auch finanzierungstechnische Gründe. Als unsere Freunde und Förderer aus Berlin sagten: „Wir machen das mit Dir“, war es klar, dass wir in Berlin drehen. Im alten Westen der Stadt hat die Geschichte dann ihr neues Zuhause gefunden. Die bürgerliche Atmosphäre und der bundesrepublikanische Flair erschienen mir ideal. Orte wie Rogacki, KaDeWe, Theater des Westens, Savigny-Platz und das Hansa-Viertel, an denen die Zeit etwas stehengeblieben scheint.

Im Film gibt es einige pointiert-witzige Dialoge, zum Beispiel als Viktors Vater von seiner Bauingenieursprüfung erzählt. Standen sie schon so im Drehbuch oder kommen Sie von Ihnen?

Teils, teils. Das Drehbuch hat schon viele solche Elemente gehabt. Ich bin sehr respektvoll mit dem Buch umgegangen. Aber wenn sich die Möglichkeit bot, mich einzubringen, habe ich es auch getan. Die Idee, dass der Vater von all den Dingen, die Lara wichtig sind, gar nichts versteht, dass er aber im Gegensatz zu ihr ein unterstützender Vater ist, war schon im Drehbuch angelegt. Dennoch: In den Szenen mit Rainer Bock habe ich ein wenig am Drehbuch gearbeitet.

Erkennt Lara zu spät, dass sie entgegen ihrer Meinung doch Talent hatte? Ist dies das Fazit dieser tragischen Geschichte?

Ich glaube nicht, dass der Film ein eindeutiges Fazit zieht. Für mich handelt es sich um die tragische Geschichte über ein falsch gelebtes Leben sowie um die Frage, wovon man die Dinge, die im Leben Bedeutung haben, abhängig macht. Am Ende geht es wahrscheinlich immer darum, dass keiner ihr dabei helfen kann. Was Lara erfährt, ist nicht, dass sie Talent hatte, sondern dass sie hätte weitermachen sollen, egal was die Leute sagen. An diesem Tag versucht sie, um die Deutung ihres Lebens zu kämpfen.

Obwohl dem Professor der erste Teil des Konzerts besser gefallen hat, in dem Viktor als Interpret auftritt, als der zweite, in dem er seine eigene Komposition vorstellt ...

Es ist nicht gesagt, dass Viktor ein brillantes Konzert geschrieben hat – der Film lässt das offen. Wir leben jedoch in einer Welt, in der man mit Mittelmaß sehr weit kommen kann. Lara und der Professor haben noch alte Begriffe, die heute nicht mehr gefragt sind. Heute geht es um Reize, um Events, um Show ... Irgendwie kommt man mit sehr wenig sehr weit. Der Professor und Lara stehen für eine andere Qualität, für einen anderen Anspruch.

„Lara“ ist „Oh Boy“ ähnlich ...

Als ich mich entschieden habe, dieses Drehbuch zu verfilmen, habe ich auch darüber reflektiert, ob es mich stört, dass er wieder an einem Tag spielt. Damals wusste ich noch nicht, dass er auch in Berlin spielen würde. Aber einige Zufälligkeiten habe ich in Kauf genommen, weil mir die Geschichte zu wichtig war, um sie wegen solcher Dinge nicht zu machen. Darüber hinaus mag ich es, wenn eine ganze Biografie an einem Tag erzählt wird. In „Oh Boy“ schlenderte Niko ziellos durch den Tag. Hier hat Lara eine ganz andere Entschlossenheit – sie ist zielstrebiger und entschlossen. Dies wirkt sich auf die Art und Weise aus, wie sie geht. Bei beiden hatte ich ein sehr konkretes Bild von der Art und Weise, wie sie in Bewegung aussehen. Es sind beides Filme, in denen sich die Hauptfigur in der Begegnung mit anderen immer weiter entschlüsselt, und immer deutlichere Konturen bekommt. In beiden Filmen tut es gut, Inseln zu haben, wo wir alleine mit der Figur sind, auch um aus den Dialogen ausbrechen zu können. Dann sind die Figuren ganz bei sich und für einen Augenblick wird ihr Innerstes sichtbar.

Jan-Ole Gerster
Regisseur Jan-Ole Gerster, geboren 1978 in Hagen, lässt seinen Film „Lara“ an einem einzigen Tag in Berlin spielen. Foto: Joachim Gern

Über den Film

Jan-Ole Gerster gelang mit seinem Spielfilmdebüt „Oh Boy“ (DT vom 30.10.2012) ein glänzender Erfolg. Im Mittelpunkt von „Oh Boy“ steht ein Endzwanziger, der nicht recht weiß, welche Richtung sein Leben nehmen soll. Deshalb schlendert er gerne durch das nächtliche Berlin, immer neugierig auf die Begegnung mit Menschen. Damit porträtiert Jan-Ole Gerster nicht nur einen jungen Mann, sondern das ganze Lebensgefühl einer Generation, der vor allem eins fehlt: Orientierung, einfach ein Ziel in ihrem Leben.
Sieben Jahre später hat Gerster ein Drehbuch von Blaž Kutin verfilmt: Laras (Corinna Harfouch) 60. Geburtstag fällt mit einem wichtigen Klavierkonzert ihres Sohnes Viktor (Tom Schilling) zusammen, dessen Karriere sie entworfen hat. Seit Wochen ist Viktor für seine Mutter jedoch nicht erreichbar, so dass ihr Zweifel kommen, ob sie bei Viktors Uraufführung überhaupt willkommen ist. Kurzerhand kauft sie sämtliche Restkarten und verteilt sie an jeden, dem sie an diesem Tag begegnet.
Ähnlich „Oh Boy“ spielt sich die Handlung von „Lara“ an einem Tag in Berlin ab. Die Menschen, denen sie an diesem einen Tag begegnet, führen ihr vor Augen, dass sie im Laufe ihres Lebens vielleicht falsche Entscheidungen getroffen hat. Etwa, den Traum einer gefeierten Pianistin aufzugeben, und deshalb umso verbissener den Erfolg ihres Sohnes zu forcieren. Ihr eiskalter Ehrgeiz führte dazu, dass sich ihr Ehemann Paul (Rainer Bock) von ihr trennte. Im Mittelpunkt von „Lara“ steht eine schwierige Mutter-Sohn-Beziehung. Aber Gersters Film stellt darüber hinaus eine Reihe tiefgründiger Fragen – von den Ansprüchen an die Kunst über die verpassten Chancen bis hin zur rechten Mutter- und Vaterliebe.