Berlin

Kinder gegen Gleichmacherei

Die Netflix-Serie „The Unlisted“ zielt insbesondere auf Kinder und Jugendliche. Der Kontrollwahn der Regierung macht die Serie aber auch für Erwachsene sehenswert.

The Unlisted
Die zwölfjährigen Zwillingsbrüder Dru (Vrun Dao, links) und Kal (Ved Rao) kommen einer Verschwörung auf die Spur: Eine mysteriöse Organisation will Gedanken von Kindern kontrollieren. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Foto: Netflix

In der rasanten Eröffnungsszene der australischen Netflix-Serie „The Unlisted“ fliehen vier Jugendliche aus einem Van. Obwohl sie verfolgt und von Überwachungskameras gesichtet werden, gelingt es ihnen zu entkommen. Das berühmte Opernhaus Sydney, das kurz ins Bild kommt, gibt Auskunft darüber, in welcher Stadt „The Unlisted“ angesiedelt ist.

Nach einem Schnitt werden nun die eigentlichen Hauptfiguren der Serie mit der primären Zielgruppe Kinder und Jugendliche vorgestellt. Es handelt sich um die 12-jährigen Zwillingsbrüder Dru (Vrun Dao) und Kal (Ved Rao), die sich zum Verwechseln ähnlich sehen. Allerdings mit einem Unterschied: Die Brille, die Dru trägt, spielt auch dramaturgisch eine bedeutende Rolle. Denn als in der Schule ein Zahnarztbesuch obligatorisch wird, bittet Dru seinen Bruder Kal, für ihn ein zweites Mal hinzugehen. Dafür braucht Kal lediglich Drus Brille aufzusetzen – die Mogelei fällt niemandem auf.

Die Großmutter hat für die Kinder eine zentrale Rolle

Nach dem Zahnarztbesuch geschieht Erstaunliches: Eine Dame von der „Global Child Initiative“ erscheint in der Klasse mit einer Art iPad – mit dem sie das Verhalten der Schüler kontrollieren kann. Plötzlich fallen alle in eine Art Trance ... alle bis auf Dru, der sich ja vor dem Zahnarztbesuch gedrückt hatte. Darüber hinaus hat Kal auf einmal riesige Kräfte, denn er war ja zweimal beim Zahnarzt. Der Zusammenhang ist offensichtlich. Aber: Was genau passierte während der Behandlung? Was für ein Ziel steckt dahinter?

Auf der Suche nach Antworten erfahren Dru und Kal, dass ihr Mitschüler Tim (Otis Dhanji), der sich der Zahnarztbehandlung widersetzt hatte, nun verschwunden ist und gesucht wird. Und dann treten sie in Kontakt mit den Jugendlichen, die zu Beginn den Verfolgern entkommen waren, und sich seitdem im Untergrund aufhalten. Von denen erfahren die Zwillingsbrüder, dass sie „unlisted“ sind: Sie werden in dem von der Global Child Initiative entwickelten Programm „Infinite Group“ deshalb nicht geführt, weil sie sich der Behandlung entzogen. Bald entdecken sie, dass sie nicht die einzigen „Nichtgelisteten“ sind. Sucht die mit der Regierung zusammenarbeitende Global Child Initiative nach ihnen mit allen Überwachungs- und sonstigen Mitteln, so versuchen die Ungelisteten, mit Gleichgesinnten im ganzen Land, ja auf der ganzen Welt in Verbindung zu treten. Denn das Child-Programm betrifft ebenfalls Schüler in anderen Ländern, etwa in China.

Die 15 Folgen umfassende australische Netflix-Serie „The Unlisted“ kann als Dystopie für Jugendliche bezeichnet werden. Wohl deshalb gibt es diesen für Jugendfilme typischen Kampf zwischen Kindern und Erwachsenen, bei dem die Jugendlichen die Erwachsenen alt aussehen lassen. Einerseits sind die Eltern von Dru und Kal, Rahul (Nicholas Brown) und Bua (Zenia Starr), völlig ahnungslos.

Andererseits schafft es nicht einmal eine ganze Armee aus der Global Child Initiative, sie zu fassen. Dass die Oberböse Emma Ainsworth (Kate Box) auf der einen Seite furchteinflößend wirkt, auf der anderen Seite aber ziemlich leicht zu überlisten ist, passt ebenfalls ins Bild.

Zu bemängeln wäre freilich etwas, was etlichen Streamingsserien eigen ist: Hin und wieder hat der Zuschauer den Eindruck, dass sich die Serie im Kreis dreht, dass die Handlung nur schleppend vorankommt. Und dies, obwohl die 15 Folgen netto kaum 20 Minuten betragen. Eine besondere Rolle spielt in der Serie die Großmutter der Zwillinge, die „Dadi“ (Saba Zaidi Abdi) genannt wird. Sie beharrt auf ihrer indischen Herkunft, und kocht für ihre Wombats, wie sie ihre Enkel stets nennt.

Die gut gezeichnete Figur sorgt für gewisse Auflockerungen und witzige Momente, die zum düster-dystopischen Szenario kontrastieren.

Das düstere Szenario spielt auf die Gegenwart an

Bei aller Schwarz-Weiß-Malerei, die einer „Kinder-Serie“ nun eigen ist, verändert sich insbesondere das Verhältnis zwischen den Zwillingen im Laufe der Zeit beachtlich. Dies hat auch mit einem Phänomen zu tun, das in dystopischen, von totalitären Systemen handelnden Werken immer wieder vorkommt: Die Global Child Initiative spielt die Schüler gegeneinander aus, indem sie die Jugendliche in verschiedene Gruppen einteilt. Diejenigen, die eine größere Verantwortung, aber auch Privilegien bekommen, fühlen sich den anderen überlegen – so auch Kal, den Emma Ainsworth für sich und das System zu gewinnen sucht. Das führt natürlich auch zu einem Gegensatz zu seinem Bruder Dru sowie dazu, dass sich Kal irgendwann einmal entscheiden muss, auf welcher Seite er steht.

Dies gehört zusammen mit der Frage nach der Gleichmacherei, die die Global Child Initiative von den Schülern einfordert, zu den interessanten Fragen einer Serie, die trotz einiger Schwächen ziemlich gelungen ist.

Dass das dystopische Szenario trotz einiger Abschwächungen schon beklemmend wirkt, hängt damit zusammen, dass die Zeiten, in denen der Staat eine größere Kontrolle über Kinder (Stichwort „Kinderrechte“) zu erlangen versucht, durchaus zeitgemäße Parallelen zu ziehen erlauben. Dies macht darüber hinaus eine solche „Kinderserie“ ebenfalls für Erwachsene interessant.

„The Unlisted“. 15-teilige Serie mit insgesamt 330 Minuten. Netflix