Berlin

„Jede Vergebungsgeschichte ist wunderbar für einen Film“

Ein Interview mit Regisseur und Produzenten Juan Manuel Cotelo zum Film „Das größte Geschenk“.

Regisseur Juan Manuel Cotelo
„Ich hoffe, dass ein guter Film jedem Zuschauer als Ansporn dienen kann, mehr zu lieben, wenn er aus dem Kino kommt. Das ist alles, was zählt“, sagt Juan Manuel Cotelo, Produzent und Regisseur des Dokumentarfilms „Das größte Geschenk“. Foto: Fundación Infinito

„Das größte Geschenk“ schildert etliche menschliche Schicksale. War das so von Anfang an geplant?

 

Jede Vergebungsgeschichte ist wunderbar für einen Film. Denn Vergebung besitzt alle Bestandteile einer großartigen Erzählung: Zuerst beleidigt ein Mensch einen anderen. Die Protagonisten fühlen sich unfähig, den verlorenen Frieden wiederherzustellen, und doch kommt das Happy End auf überraschende Weise! Wir hätten zwar nur eine Geschichte erzählen können. Ich denke jedoch, indem wir sehr unterschiedliche Geschichten erzählen, eröffnen wir jedem Zuschauer die Möglichkeit, sich mit einem der Protagonisten zu identifizieren.

Waren diese Geschichten geplant oder war es eher eine Art work in progress?

„Das größte Geschenk“ kam zu mir in Bogota auf überraschende Weise. Dort traf ich einige Menschen, die viel Schaden angerichtet hatten. Sie hatten Morde begangen, was sie zutiefst bereuten. Sie möchten ihre Bitte um Vergebung weitergeben, damit niemand mehr diese Fehler macht. Ich begleitete sie bei deren Besuchen in den Familien einiger ihrer Opfer. Was ich dann sah, war schön: Sie baten persönlich um Vergebung, und die Opfer umarmten sie. Dann lernte ich andere Geschichten in anderen Ländern kennen, und wir stellten den Film zusammen, ohne ein vorheriges Drehbuch. Da nicht alle Geschichten in einen Film hineinpassten, musste ich wählen.

Das Thema Vergebung ist ein wiederkehrendes Sujet in Spielfilmen. Warum haben Sie sich für einen Dokumentarfilm entschieden?

Aus meiner Sicht ist Vergebung viel weniger häufig als ihr Gegenteil: Rache, Hass und Spaltung. Wir sind an das falsche „glückliche“ Ende gewöhnt, das die Filme vorschlagen, dass der „Gute“ den „Bösen“ tötet. Im wirklichen Leben kann Gewalt der Gewalt kein Ende setzen, denn sie erzeugt mehr Gewalt, eine neue Tragödie. In meinem Fall habe ich den Dokumentarfilm gewählt, weil ich reale und aktuelle Geschichten kannte, deren Protagonisten bereit waren, ihre Erfahrungen vor der Kamera zu erzählen. Kein Schauspieler hätte die Glaubwürdigkeit der wahren Protagonisten erreichen können. Wir fügten ein paar kurze Spielszenen hinzu, als Rahmenerzählung, um die realen Geschichten zu präsentieren.

Nach „Der letzte Gipfel“, „Mary's Land“ und „Footprints – Der Weg Deines Lebens“ ist dies der vierte Dokumentarfilm über ein religiöses Thema. Warum haben Sie sich auf explizit religiöse Themen spezialisiert?

Ich habe 25 Jahre lang alle möglichen Geschichten erzählt, nur nicht mit religiösem Sujet. Ich wechselte zu solchen Themen, nachdem ich entdeckte, dass Gott kein „interessantes Thema“ ist, sondern eine nahe Person, die ausnahmslos im Dienste aller steht. Wenn wir akzeptieren, dass wir von Gott geliebt werden und seinen Willen erfüllen, der sich auf sehr konkrete Weise durch Jesus Christus manifestiert, ist das Leben eines jeden Menschen viel glücklicher. Das ist eine wirksame Medizin für das Herz eines jeden Menschen. In meinen Filmen setze ich immer diejenigen als Protagonisten ein, die die Wirksamkeit dieser Liebe zu Gott auf konkrete Weise erlebt haben. Ihr Leben wurde zum Besseren, weil sie sich von der Liebe Gottes berühren ließen.

Dokumentarfilmen gelingt häufig der Weg auf die große Leinwand nicht. Wie schaffen Sie es, Ihre Filme vor vollen Kinos zu zeigen?

Ich unterscheide nicht zwischen einem Dokumentarfilm und einer Komödie, zwischen einem Horror- und einem romantischen Film. Die Menschen suchen nicht nach einem bestimmten Genre, sondern nach einem guten Film, unabhängig vom Genre. Und unabhängig vom Genre wollen wir Emotionen erleben, Spaß haben, uns verlieben ... Ich wage zu behaupten, dass 90 Prozent der Zuschauer meiner Filme keine normalen Dokumentarfilm-Zuschauer sind. Ich hoffe, dass ein guter Film jedem Zuschauer als Ansporn dienen kann, mehr zu lieben, wenn er aus dem Kino kommt. Das ist alles, was zählt.

Über den Film:
Zwar gibt es wunderbare Filme über Vergebung und Versöhnung – von „The Straight Story – Eine wahre Geschichte“ (1999) über „Pieces of April – Ein Tag mit April Burns“ (2003) bis hin zu „Hotel Ruanda“ (2004) und „Shooting Dogs“ (2005). Aber Rache ist ein häufigeres Motiv in Spielfilmen – nicht nur etwa in alten Western oder im sogenannten Film-noir-Genre.
Juan Manuel Cotelo, der mit seinen vorherigen Dokumentarfilmen unter Beweis gestellt hat, dass Filme mit religiösem Inhalt ein größeres Publikum ansprechen, hat nun „Das größte Geschenk“, einen Film über Vergebung und Versöhnung, mit beeindruckenden Geschichten gedreht. In Frankreich trifft er auf Tim Guénard, der als Dreijähriger von seiner Mutter verlassen wurde. Später verprügelte ihn sein Vater so, dass Tim mehrere Jahre im Krankenhaus verbringen musste. In Spanien lebt die mehrfache Mutter, Journalistin und paralympische Skifahrerin Irene Villa. Zusammen mit ihrer Mutter wurde sie Opfer eines Terroranschlags. Irene verlor beide Beine und drei Finger. Ramón Isaza alias „Caruso“ baute eine eigene Armee gegen die Guerilla auf. Dass Menschen getötet wurden, nahm er in Kauf. Nach seiner Entlassung aus der Haft bittet er um die Angehörigen seiner Opfer persönlich um Verzeihung. Tim, Irene und Ramón haben in der Vergebung Glück gefunden. Opfer und Täter begegnen einander in Ruanda oder in Kolumbien. Menschen, deren ganze Familie ausgelöscht wurde, vergeben demjenigen, der ihre Lieben mit eigenen Händen umgebracht hat. „Das größte Geschenk“ ist ein froh machender, hoffnungsvoll stimmender Film. In den meisten Fällen wird darüber hinaus deutlich, dass Vergebung und Versöhnung vor allem möglich sind, wenn die Beteiligten auf Gott und das Gebet vertrauen.