Würzburg

Heavy Metal Musik für die Heilige

Mit seinen beiden Filmen „Jeannette – Die Kindheit der Jeanne d'Arc“ und „Jeanne d'Arc“ bietet Bruno Dumont eine Neuinterpretation der französischen Nationalheldin.

Filmszene aus „Jeannette – Die Kindheit der Jeanne d'Arc“
Im Jahre 1431 soll die jugendliche Jeanne (Lise Leplat Prudhomme) vor einem kirchlichen Gericht erscheinen, das sie schließlich als Häretikerin zum Tode verurteilte. Foto: Bruno Dumont/ Grandfilm

Als Nationalheldin Frankreichs, aber auch als 1920 von Benedikt XV. heiliggesprochene Märtyrin gehört Jeanne d'Arc oder Johanna von Orléans (1412–1431) zu den bekanntesten und am meisten inspirierenden Persönlichkeiten des europäischen Mittelalters. Ihr sind nicht nur Kirchen in mehreren französischsprachigen Ländern geweiht. Über sie verfassten außerdem Friedrich Schiller, Charles Péguy, Paul Claudel, George Bernard Shaw und Mark Twain sowie Voltaire und Bertolt Brecht eigene Werke. Über sie wurden darüber hinaus mehrere Spielfilme gedreht: Von den Kurzfilmen der Brüder Lumiere (1899) und Georges Mélies (1900) über die Stummfilme von Cecil B. DeMille (1916) und Carl Theodor Dreyer (1928) – dessen „La Passion de Jeanne d'Arc“ als ein Meilenstein der Filmgeschichte gilt – bis zu den Filmen von Victor Fleming (1948) und Roberto Rossellini (1954) – beide mit Ingrid Bergman in der Hauptrolle. In jüngerer Zeit gesellten sich dazu die Spielfilme von Jacques Rivette (1994) und Luc Besson (1999).

Nun hat der französische Drehbuchautor und Regisseur Bruno Dumont, der letztes Jahr in Locarno für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, zwei Filme über Johanna von Orléans gedreht, die auf dem dreiteiligen Theaterstück „Jeanne d'Arc (Domrémy, les Batailles, Rouen)“ von Charles Péguy aus dem Jahre 1897 sowie auf dem Drama „Le Mystere de la charité de Jeanne d'Arc“ (1910) desselben französischen Autors basieren: „Jeannette – Die Kindheit der Jeanne d'Arc“ (2017) und „Jeanne d'Arc“ (2019). Dumonts beide Filme sind zurzeit in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

Aufbauen auf Charles Péguys Trilogie

„Jeannette – Die Kindheit der Jeanne d'Arc“ beginnt im Hochsommer des Jahres 1425 mit einer etwa achtjährigen Jeannette, die in einer idyllisch anmutenden Gegend am Ufer der Maas nahe ihrem Geburtsort Domrémy in Lothringen (im heutigen französischen Département Vosges) Schafe hütet. Die tiefgläubige Jeannette (Lise Leplat Prudhomme) empfindet großen Kummer wegen der misslichen Lage, in der sich Frankreich im Hundertjährigen Krieg befindet. Sie wendet sich an die kürzlich Nonne gewordene Madame Gervaise (Aline und Élise Charles), aber ihre Antworten überzeugen Jeannette nicht, die den Krieg und die englische Besatzung nicht einfach hinnehmen will. Eine Erscheinung des Erzengels Michael sowie der heiligen Katharina und Margarete enthüllt ihr zwar ihre Berufung. Aber erst „ein paar Jahre später“, als aus Jeannette Jeanne geworden ist (nun von Jeanne Voisin dargestellt), und sie vom Resignieren der französischen Bevölkerung gegenüber den Engländern hört, fasst sie einen Entschluss: „Mein Gott, vergib mir, dass ich so lange gewartet habe.“ Sie will sich dem Dauphin de France anschließen, um die Belagerung von Orléans zu durchbrechen. Um ihren Plan durchzuführen, bittet Jeanne ihren Onkel Durand Lassois (Nicolas Leclaire) um Hilfe.

„Die Kindheit der Jeanne d'Arc“ lebt insbesondere von den Gegensätzen: Die friedvolle Landschaft kontrastiert mit dem Kriegszustand; die von Péguy stammenden, in gehobener Sprache verfassten Texte stehen den Kindern entgegen, die sie sprechen. Und vor allem: Zur klassischen Handlung bildet die Musik samt Tanzeinlagen den größtmöglichen Gegensatz. Denn Dumont inszeniert den Film als Heavy-Metal-Musical (Soundtrack vom französischen Metal-Musiker Igorrr, Choreographien von Philippe Decouflé). Bruno Dumont führt dazu aus: „Wenn das, was Péguy sagt, manchmal sehr tief und dunkel ist, wird es hier durch das kinematographische Spiel von Action, Liedern und Musik ausgeglichen, die alles einfach und leicht zugänglich machen.“ Dennoch: Die Gegensätze könnten manch einen Zuschauer irritieren, ja verstören.

Kindheitsszenen mit Metal-Musik untermalt

Der zweite Dumont-Film „Jeanne d'Arc“ beginnt 1430, als Jeanne (erneut Lise Leplat Prudhomme) in Ungnade gefallen ist, nachdem sie als Retterin Frankreichs gefeiert worden war. Militärischen Erfolgen gegen die Engländer folgt ihre Niederlage mit der französischen Armee in der Schlacht von Compiegne. Sie muss sich vor einem Kirchengericht verantworten, das sie als Ketzerin zum Tode verurteilt. Wurde „Jeannette – Die Kindheit der Jeanne d'Arc“ mit Metal-Musik untermalt, so singt in „Jeanne d'Arc“ die französische Chanson-Legende Christophe den Originaltext von Charles Péguy ein. Dazu hat Christophe eine getragene, fast sakrale Musik komponiert.

Die beiden Filme wecken darüber hinaus den Eindruck, gefilmtes Theater zu sein. Der expressionistische Gestus eines Dreyer weicht einer ausdrucksstarken, bei einigen Darstellern manchmal ins Chargieren kippenden Deklamation, die zusammen mit den beinahe abstrakten Bildern in den Kirchenräumen dem Text von Charles Péguy passend erscheint, von dem Regisseur Dumont sagt, er „bietet uns beides: das Geistige und das Zeitliche. Es ist sogar eine poetische Welt, in der das Geistige nur durch das Zeitliche möglich wird. Alles ist miteinander verbunden und auf mysteriöse Weise vereint. Sogar Humor ist in dieser sehr menschlichen Malerei vorhanden. Er findet einen Weg, tiefe Dinge zu sagen, ohne zu predigen, ohne Idealismus, Spiritualismus oder Engelskunde, und gleichzeitig sagt er einfache Dinge. ,Jeanne d'Arc‘ ist genau das: Wir sind am Boden und sprechen über den Himmel.“

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