Berlin

Einer widerstand den Mullahs

Die Berlinale: Über Preisträger und solche, die auch würdig gewesen wären.

Berlinale 2020
Der Film „Sheytan vojud nadarad“ aus dem Iran zeigt die Konflikte, in die Menschen wegen der Todesstrafe kommen können. Die einen werden Henker, andere bringen sich in existenzielle Gefahr. Foto: dpa/Cosmopol Film/ Berlinale

Jede Kulturerscheinung ist ein Spiegelbild ihrer Epoche. Was zur Anschauung gelangt, ist stets das, was heute der Zeitgeist genannt wird. Ein Blick zurück ins christliche Mittelalter soll verdeutlichen, was wir verloren haben. Für die Menschen jener Jahrhunderte stand zweifelsfrei fest, die Kunst darf nicht wüst und wirr sein, sondern muss sich dem Wahren, Guten und Schönen verpflichtet wissen. Ausnahmen von dieser ehernen Regel gestatteten sie nur, wenn es um die Darstellung des Bösen geht. Bonaventura, der große Theologe im hochgotischen Paris, sagte gelegentlich, die künstlerische Darstellung des Teufels sei umso vollendeter, je scheußlicher sie ihn zeige. Und bekanntlich ist es gerade das Hochmittelalter gewesen, das nicht allein Satan und den Höllenrachen eindringlich dargestellt hat, sondern damit begann, das Naturstudium in den Künsten zu betreiben. Mit dem Siegeszug des atheistischen Säkularismus, der heute zur alles beherrschenden Denkweise geworden ist, ging die Entwertung des Wahren, Guten und Schönen einher. Was seitdem triumphiert, sind die Lüge und das Böse und Hässliche.

Womit wir beim Wettbewerb, der Königsdisziplin der 70. Berlinale, und bei dem Film „Dau. Natasha“ angelangt wären. Das monströse Projekt des russischen Regisseurs Ilja Khrzhanovskiy gibt vor, die Schrecken des sowjetischen Totalitarismus der Stalin-Ära zu kritisieren. Allerdings hat sich Khrzhanovskiy drei lange Jahre selbst zum Herrn über Laien aufgeschwungen und sie mit der in jeder Diktatur üblichen Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche dazu gebracht, vor laufender Kamera zu saufen, kotzen, zu kopulieren und sich mittels einer in eine Vagina eingeführte Flasche foltern zu lassen. Der deutsche Kameramann Jürgen Jürges hat diese widerlichen Exzesse gefilmt, ist jedoch nicht für Beihilfe bei einem totalitären Machwerk geschmäht worden, sondern dafür von der Berlinale-Jury mit einem Silbernen Bären „für eine herausragende künstlerische Leistung“ belohnt worden.

Todesstrafe und Abreibung: verzerrte Maßstäbe des Guten

Wie sehr die Maßstäbe in Bezug auf das Gute verzerrt sind, zeigen auch die Preise für den iranischen Film „Sheytan vojud nadarad“ (There Is No Evil/ Es gibt kein Böses) von Mohammad Rasoulof, der den Goldenen Bären für den „Besten Film“ erhielt, und für die Amerikanerin Eliza Hittman, die für „Never Rarely Sometimes Always“ den Silbernen Bären „Großer Preis der Jury“ bekam. Der im Iran politisch verfolgte Rasoulof hat eindringlich und cinematographisch überzeugend in vier Episoden ein Plädoyer gegen die Todesstrafe auf die Leinwand gebracht. „Sheytan vojud nadarad“ porträtiert zwei Männer, die für das Mullah-Regime zum Henker werden und stellt ihnen einen Dritten gegenüber, der sich dieser „Arbeit“ verweigert und bereit war, dafür alle gesellschaftlichen Sanktionen, die bis zum Berufsverbot als Arzt reichen, in Kauf zu nehmen.

Ganz anders Eliza Hittman. Denn „Never Rarely Sometimes Always“ ist ein radikales Loblied auf das angebliche Recht einer hier erst siebzehnjährigen Frau, ihr ungeborenes Kind auch noch im fünften Monat töten zu lassen. Auch von Kritikern wurde dieser Film als „Abtreibungsdrama“ gefeiert. Offenbar sind Jury und Kritik nicht mehr in der Lage, den fundamentalen Widerspruch auch nur erkennen, einerseits gegen die Todesstrafe zu sein und sie im Falle einer Schwangerschaft für ein elementares Menschenrecht zu halten.

Der deutsche Wettbewerbsbeitrag „Berlin Alexanderplatz“ von Burhan Qurbani ging leider leer aus. Qurbanis kongeniale zeitgenössische Adaption des gleichnamigen Romans des Schriftstellers Alfred Döblin hätte zumindest dem Silbernen Bären für die „Beste Regie“ erhalten müssen. Doch den vergab die Jury ausgerechnet an den Südkoreaner Hong Sangsoo für „Domangchin yeoja“ (The Woman Who Ran/ Die Frau, die rannte). Diese Wahl ist deshalb fragwürdig, weil Sangsoos Film nichts weiter zeigt als Frauengespräche über banale Alltagsdinge in einem banalen Ambiente. Diese „Regieleistung“ hätte auch ein einigermaßen begabter Filmstudent im ersten Semester zuwege gebracht.

Im Fahrwasser des ethisch-moralischen Relativismus

Aus deutscher Perspektive erfreulich ist der Silberne Bär für Paula Beer als „Beste Darstellerin“ in Christian Petzolds „Undine“. Ein Film, der den alten Mythos von der geheimnisvollen Wassernixe glaubwürdig in die Gegenwart transponiert hat. Der Silberne Bär für den „Besten Darsteller“ ging an Elio Germano in Volevo nascondermi von Giorgio Diritti, Germano verkörpert dort den „avantgardistischen“ Künstler Antonio Ligubue, und der für das „Beste Drehbuch“ an „D'Innocenzo Brothers“ für den auch von beiden inszenierten Film „Favolacce“, der mit dem Selbstmord zweier Kinder endet, die das mediokre Leben ihrer Eltern nicht mehr ertragen können.

So fragwürdig wie die Vergabe der Mehrzahl der Berlinale-Bären, so fragwürdig ist der 70. Wettbewerb insgesamt ausgefallen. Der neue Künstlerische Leiter Carlo Chatrian scheint nicht willens zu sein, mit dem auch in Welt des Kinos allgegenwärtigen ethisch-moralischen Relativismus zu brechen und ihm etwas Substanzielles im Sinne des Wahren, Guten und Schönen entgegenzusetzen.

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