Berlin

„Die Nazis führten zwei Kriege“

Der Doku-Spielfilm „1944: Bomben auf Auschwitz?“ stellt nach, wie die „Auschwitz-Protokolle“ von den Alliierten aufgenommen wurden.

„1944: Bomben auf Auschwitz?“
John Pehle (Daniel Caltagirone) war der erste Direktor des War Refugee Board, einer interministeriellen US-Regierungsdienststelle, die Opfern der NS-Diktatur, insbesondere jüdischen Flüchtlingen, weltweit helfen sollte. Foto: Oxfords Films

Warum haben die Alliierten die Gaskammern und Krematorien von Auschwitz-Birkenau oder wenigstens die direkt dort hin führenden Bahnschienen nicht gesprengt, obwohl sie von den Gräueltaten wussten, die im Vernichtungslager verübt wurden? Der Frage, die sich wohl viele Menschen gestellt haben, geht das Doku-Spiel „1944: Bomben auf Auschwitz?“ nach, das ARTE am 21. Januar im Rahmen des Themenschwerpunkts „Gegen das Vergessen. Zum Gedenktag der Befreiung von Auschwitz“ (27. Januar) ausstrahlt.

Die Spielszenen stellen den Ausbruch der zwei langjährigen Auschwitz-Insassen Rudolf Vrba (David Moorst) und Alfred Wetzler (Michael Fox) aus dem Vernichtungslager nach. Als „Funktionshäftlinge“ hatten sie eine größere Bewegungsfreiheit, so dass sie sich einen guten Überblick über Auschwitz-Birkenau verschaffen konnten. Sie erstellten die 40-seitigen „Auschwitz-Protokolle“. Der Film folgt dem Weg der Protokolle beziehungsweise deren Zusammenfassung, die von Rabbi Chaim Weissmandl in Bratislava in alle Welt verschickt wird. In der Schweiz erhält sie das „War Refugee Board“ in Bern, von dem das Hauptquartier der Flüchtlingsorganisation in Washington besagte Zusammenfassung bekommt. Ihr Chef John Pehle (Daniel Caltagirone) muss sich nun die Frage stellen, ob er die amerikanische Luftwaffe zu einer Bombardierung von Auschwitz beziehungsweise der dorthin führenden Gleise bewegen soll.

„Niemand begriff wirklich, dass dies Teil eines Versuchs war,
ein ganzes Volk von einem Ende Europas zum andern auszumerzen“

Mit der Spielhandlung werden nicht nur historische Fotos und Filmaufnahmen, sondern auch Interviews mit Historikern verknüpft. Überwiegt darin die Empörung über die Untätigkeit der Alliierten, so sprechen auch einige der Interviewten sowohl die Schwierigkeiten eines solchen Unternehmens als auch das Unverständnis an: „Niemand begriff wirklich, dass dies Teil eines Versuchs war, ein ganzes Volk von einem Ende Europas zum andern auszumerzen.“

Anfang 1944 war Auschwitz noch nicht als Vernichtungslager allgemein bekannt. Allerdings änderte sich dies mit dem Ausbruch von Vrba und Wetzler. Aber: „Wir sind uns im Klaren, dass die Nazis zwei Kriege führten: den Rassenkrieg gegen die Juden und einen Weltkrieg. Wir führten aber nur den einen, den Weltkrieg.“ Der Dokumentarfilm verdeutlicht auch, dass die Alliierten eher militärische Ziele anvisierten – für sie war der Sieg im Krieg oberste Priorität.

Die Verschickung der „Auschwitz-Protokolle“ fiel mit den letzten Vorbereitungen auf den „D-Day“, auf die Landung in der Normandie zusammen. Das Doku-Spiel „1944: Bomben auf Auschwitz?“ beleuchtet die verschiedenen Seiten einer der schwierigsten moralischen Fragen im Rahmen des Zweiten Weltkriegs oder gar des 20. Jahrhunderts. Zum ARTE-Themenschwerpunkt gehört ebenfalls der 52-minütige Dokumentarfilm „Medizinversuche in Auschwitz. Clauberg und die Frauen von Block 10“, der anhand von Interviews mit Überlebenden die Sterilisationsversuche des Kieler Gynäkologen Carl Clauberg in Auschwitz thematisiert. Clauberg, der als eigentlicher Vater der Antibaby-Pille gilt, weil sie von ihm entwickelte synthetische Hormone enthält, sterilisierte im KZ laut eigener Aussage „nach meiner Methode“ 150 Frauen.

„1944: Bomben auf Auschwitz?“.
Dokumentarfilm, Regie: Mark Hayhurst, Deutschland 2019, 90 Min.,
Dienstag, 21. Januar 2020, 20.15 Uhr, ARTE Online in der ARTE-Mediathek bis 20. Februar.

„Medizinversuche in Auschwitz. Clauberg und die Frauen von Block 1o“.
Dokumentarfilm, Regie: Sonya Winterberg, Sylvia Nagel,
Dienstag, 21. Januar 2020, 21.50 Uhr, ARTE Online in der ARTE-Mediathek bis 28. Februar.

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