Berlin

Der Zusammenbruch der DDR

Die ZDF-Serie „Preis der Freiheit“ erzählt von den Machenschaften der „Kommerziellen Koordinierung“ der DDR und vom Aufbegehren des Volkes.

„Preis der Freiheit“
Bis zuletzt halten Else Bohla (Angela Winkler, rechts) und ihre Tochter Margot Spindler (Barbara Auer) am DDR-System fest. Foto: ZDF/ Morten Søborg

Der DDR-Geschichte in den Achtzigerjahren widmen sich seit einiger Zeit manche Filme und Serien. Das Interesse daran ist verständlich, vollzog sich in diesem Jahrzehnt, zunächst für die meisten Menschen verborgen, der Niedergang eines ganzen sozioökonomischen Systems. Fernsehserien bieten mit ihrer komplexeren, mehrere Handlungen umfassenden Dramaturgie einen stimmigen Ansatz, um der Vielschichtigkeit des Themas gerecht zu werden.

Zu den bekanntesten TV-Serien, die sich mit den 1980er Jahren in der DDR befassen, gehört „Weissensee“ (2010–2018, DT vom 03.05.2018), die sich in bisher vier Staffeln der DDR-Geschichte von 1980 bis Herbst 1990 aus der Sicht zweier Familien annähert. Konzentriert sich „Weissensee“ auf die Stasi-Welt, so legt die Serie „Deutschland 83“ beziehungsweise „Deutschland 86“ (DT vom 08.11.2018) – die dritte Staffel „ Deutschland 89 “ wurde gerade abgedreht – den Akzent auf die Stasi-Auslandsaufklärung sowie auf die Wege, nach denen die Hauptverwaltung Aufklärung HVA und die Kommerzielle Koordination KoKo der DDR suchen, um der drohenden Staatspleite zu entgehen.

Im Mittelpunkt des Dreiteilers „Preis der Freiheit“, den das ZDF ab dem 28. Oktober in die Mediathek einstellt und ab dem 4. November linear sendet, steht die Kommerzielle Koordination KoKo im DDR-Ministerium für Außenhandel. Ihr Leiter Alexander Schalck-Golodkowski (1932–2015) ist zwar die eigentliche Hauptfigur. Sein Darsteller Thomas Thieme wird aber „als Gast“ aufgeführt. Denn „Preis der Freiheit“ erzählt aus der Sicht von drei Schwestern. Wie „Weissensee“ und „Deutschland 83/86“ verknüpft auch der ZDF-Dreiteiler die große Politik mit einer Familiengeschichte.

Das Todesröcheln eines ganzen Systems

„Preis der Freiheit“ beginnt mit einem Paukenschlag: Am 8. Dezember 1989 wird die Kommerzielle Koordinierung von wütenden DDR-Bürgern gestürmt. Die „Tagesschau“ meldet, Schalck-Golodkowski habe sich den bundesdeutschen Behörden gestellt. Eine Rückblende führt in den Sommer 1987 zurück, als Glasnost und Perestroika die Sowjetunion als keinen verlässlichen „großen Bruder“ mehr erscheinen lässt. „Wir sichern unser System nicht mehr mit Moskau, sondern mit Bonn“, heißt es in Anspielung auf Schalck-Golodkowskis Kontakte zur Bundesrepublik sowie darauf, dass das Häftlings-Freikaufen durch die Bundesrepublik zur hauptsächlichen Devisenbeschaffungsmaßnahme der DDR wird. Das Todesröcheln eines ganzen Systems ist geradezu hörbar.

Doch Schalcks Stellvertreterin Margot Spindler (Barbara Auer) will es (noch) nicht wahrhaben. Ganz anders ihre Schwester Lotte Bohla (Nadja Uhl), die sich nun in der DDR-Umweltbewegung engagiert. Von der jüngsten Schwester Silvia heißt es, sie sei vor langer Zeit gestorben. Weder Margot noch Lotte ahnen aber, dass sie unter dem Namen Ina Winter (Nicolette Krebitz) im Westen daran arbeitet, das DDR-Regime zu zerschlagen und ihre damals zurückgelassenen Kinder wieder für sich zu gewinnen.

Auf den ersten Blick mögen diese drei Charaktere klischeehaft erscheinen. Die drei Darstellerinnen hauchen ihnen aber so viel Leben ein, dass sie genauso glaubwürdig wirken wie auch weitere Darsteller, von Angela Winkler als Else Bohla – die Mutter der drei Schwestern – und Joachim Król als Margots Mann Paul Spindler über Oliver Masucci als Margots Kollege Ilja Schneider bis hin zu Godehard Giese als Margots Gegenspieler und Stasi-Offizier Norbert Krimling.

„Der Film zeigt, wie die Gesellschaft und das
einst so politisch feste System aus den Fugen geraten“
Ilko-Sascha Kowalczuk

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, der den Drehbuchautoren beratend zur Seite stand: „Der Film zeigt, wie die Gesellschaft und das einst so politisch feste System aus den Fugen geraten. Selbst einige bisherige Hardliner bekommen immer mehr Zweifel und versuchen nur noch, ihre Schäflein ins Trockene zu bringen.“ Trotz der erfundenen Handlung sei der Dreiteiler „in vielerlei Hinsicht ein Lehrstück darüber, wie die DDR am Ende ihrer Geschichte funktionierte beziehungsweise eben nicht mehr funktionierte und wie immer mehr Menschen ihre Angst überwanden, aufstanden und für ein selbstbestimmtes Leben eintraten.“

„Preis der Freiheit“ beantwortet nicht alle offene Fragen des DDR-Zusammenbruchs. Indem aber der Dreiteiler das Augenmerk auf den Schwanengesang der DDR-Diktatur („Ohne uns, ohne Schalck wären wir Anfang der Achtziger bankrott gewesen“, sagt etwa Margot Spindler) legt, eröffnet er neue Perspektiven in der Beurteilung des Endes der DDR.

„Preis der Freiheit“. Regie: Michael Krummenacher. 3 Teile mit je 90 Minuten.
Montag, 4. November, Dienstag, 5. November, Mittwoch, 6. November, jeweils um 20.15 Uhr. ZDFmediathek: ab Montag, 28. Oktober 2019.