Am Ende wird gebeichtet

Katholisches Epos: Martin Scorsese zeigt im Mafia-Film "The Irishman" auch lichte Momente.

Kinostart - "The Irishman"
Frank Sheeran (Robert de Niro, rechts) bricht für den Mafia-Paten Rosario „Russel“ Alberto Bufalino (Joe Pesci) ein Weißbrot und beide Männer tunken kleine Stückchen davon vor dem Verzehr in ihren Wein. Foto: dpa

Der Film heißt „The Irishman“, und wir wagen die These, dass nach „Mean Streets“, „GoodFellas“, „Casino“ und „Departed“ Martin Scoreses jüngstes Werk über real existierende Männer, die in der Welt des organisierten Verbrechens leben, morden, morden lassen und schließlich selbst ermordet werden, mehr als nur der fünfte und letzte sein wird, sondern auch seine ganz persönliche Quintessenz in diesem Genre.

„The Irishman“ eine veritable, dreieinhalbstündige Lebensbeichte

Weil „The Irishman“ eine veritable, dreieinhalbstündige Lebensbeichte ist, hätte Scorsese ihn auch „The Confession“ nennen können. Zwar verzichtet der 1942 im New Yorker Bezirk Queens geborene und vielfach preisgekrönte Regisseur italoamerikanischer Eltern auf die zu einer katholischen Beichte gehörenden obligatorischen Eingangsworte „Segnen Sie mich, hochwürdigster Vater, denn ich habe gesündigt“. Gleichwohl lässt sich die lange, langsame Kamerafahrt, die den Film eröffnet und bei Frank Sheeran (1920–2003) (gespielt von Robert de Niro) endet, als den Weg eines Menschen deuten, der am Ende seines Lebens vor Gott seine Schuld bekennen will.

Wie er das tut, wie er sich mühsam an den Wortlaut des „Sancta Maria, Mater Dei, ora pro nobis peccatoribus nun et in hora mortis nostrae. Amen“ erinnern muss, das erfahren wir in der letzten Filmviertelstunde. Erst dann zeigt uns Scorsese den jungen Pater, dem der in einem Altersheim lebende und an den Rollstuhl gefesselte Sheeran sein übervolles Sündenregister bekennt. Und obwohl Scorsese, vielleicht weil es ihm zu intim ist, auf den Moment der Lossprechung verzichtet, spricht alles dafür, dass der Priester ihm das „Deinde ego te absolvo a peccatis tuis“ erteilt hat. Was, wie die eine, heilige, römisch-katholische Kirche stets gelehrt hat, auch einen vielfachen Mörder wie Frank Sheeran vor der ewigen Höllenstrafe bewahren wird.

Katholische Zeichen hat es in Scorseses Mafia-Filmen immer gegeben

Katholische Zeichen hat es in Scorseses Mafia-Filmen immer gegeben, und auch im „Irishman“ wird getauft und geheiratet. Schließlich kommen die Vorfahren der Kriminellen, von denen Scorsese erzählt, ursprünglich aus Italien oder Irland. Doch nur der „Irishman“ endet buchstäblich mit einer Beichte, auf die der Abspann folgt. Ohne Vorbild in Scorseses reichem Bilderkosmos ist auch eine Szene, in der Frank Sheeran am Beginn seines Aufstiegs für den Mafia-Paten Rosario „Russel“ Alberto Bufalino (1903–1994) (ihn verkörpert Joe Pesci), ein Weißbrot bricht und beide Männer kleine Stückchen davon vor dem Verzehr in ihren Rotwein tunken.

Dieser mit Sicherheit auf die heilige Eucharistie und Wandlung von Brot und Wein in den Leib Christi verweisende Moment wiederholt sich, wenn in der letzten Filmstunde Sheeran und Bufalino im Zuchthaus sitzen, und der zitternde und auch im Wortsinne zahnlos gewordene Gangsterboss, sich von Sheeran bedienen lassen muss. Bald danach wird er die Zuchthaus-Kapelle aufsuchen und sterben.

Warum genau Frank Sheeran ohne Nachlass, Vergebung und Verzeihung seiner Sünden durch den als Stellvertreter Gottes handelnden Priester der ewigen Verdammnis anheimgefallen wäre, entfaltet Martin Scorsese opulent. Aufwendig erleben wir Sheerans Aufstieg vom einfachen Lastwagenfahrer zum wichtigsten Auftragsmörder für einen Mafia-Clan und parallel dazu den vom Leibwächter zum besten Freund von James Riddle „Jimmy“ Hoffa (1913–1975), der als machtbewusster Präsident der Teamsters-Gewerkschaft die Versorgungslogistik der USA kontrollierte und dessen Ermordung bis heute unaufgeklärt ist. Ihn erweckt Al Pacino wieder zum Leben.

Scorsese selbst ging auf eine katholische Schule

Wie schon in seinen früheren Mafia-Filmen erzählt auch „The Irishman“ eine Geschichte aus einem Land, in dem Verbrechen und Politik unentwirrbar miteinander verquickt sind, und Scorseses düstere Botschaft scheint zu sein, dass es in den USA immer so war und auch immer so sein wird. Diesmal liegt der Schwerpunkt auf den Präsidentenjahren John F. Kennedys.

Martin Scorsese selbst ist bald nach dem Umzug seiner Eltern von Queens nach Little Italy in Manhattan als jetzt Achtjähriger auf eine katholische Schule gegangen und hatte, so sagen es jedenfalls seine Biographen, den Wunsch, Priester zu werden. Weil ihn Gott aber offensichtlich doch nicht zu einem seiner Diener machen möchte, führt Martin Scorseses Lebensweg ins Filmgeschäft und ist dort als Regisseur zu einem Meister seines Fachs geworden.

Weltklasseschauspieler, denen man stundenlang zusehen kann

„The Irishman“, dessen Grundlage das Buch „I Heard You Paint Houses“ von Charles Brandt ist, (was im Mafia-Slang der Hinweis auf einen Profikiller ist, weil das Blut seiner Opfer nach einem Kopfschuss auf die Wände spritzt) und der dort die Lebensgeschichte von Frank Sheeran erzählt, ist ungewöhnlich lang.

Doch langweilig wird er der Film nie. Oder nur für jene Zuschauer, deren Sehgewohnheiten durch den rund um die Uhr häppchengerecht servierten filmischen Fast-Food unserer Zeit verdorben worden sind und die darum nicht zu würdigen wissen, dass Robert de Niro, Joe Pesci und Al Pacino, die alle drei ihren siebzigsten Geburtstag längst hinter sich haben, immer noch Weltklasseschauspieler sind, denen man stundenlang zusehen kann. Seit dem 14. November wird „The Irishman“ in deutschen Kinos gezeigt. Allerdings nur in einigen wenigen ausgewählten und für kurze Zeit. Denn „The Irishman“ ist von Netflix produziert worden und kann dort vom 27.11. an gestreamt werden.

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