Bad Salzdetfurth

Was wir über Engel wissen

Weihnachten haben die himmlischen Begleiter ihren großen Auftritt, doch sie sind stets präsent. Mal sind sie Wegbegleiter, mal himmlischer Chor, dann wieder Kämpfer für die himmlische Ordnung. Engel gehen auch die schweren Wege und stehen für den Willen Gottes da ein, wo wir Menschen dann lieber doch den leichteren Weg vorziehen.

Corona Symbolfoto Eine barocke Sandsteinfigur im Dresdner Zwinger mit Atemschutzmaske *** Corona symbol photo A baroque
Eigentlich gelten Engel als Meister der Kommunikation. Ob sie in Zeiten der Pandemie auch etwas Sicherheitsabstand halten müssen? Foto: imago-images

Ein Weihnachtsfest ohne Engel ist undenkbar. Zu tief sind die himmlischen Wegbegleiter mit Liedern, Gebräuchen und Geschichten von der Geburt Jesu verbunden. Damit folgen Kirche und Brauchtum der schönsten aller biblischen Geburtsgeschichten. Alle Jahre wieder wird am Heiligen Abend aus dem Evangelium des Lukas vorgelesen. Es bewegt noch immer die Seele, wie damals die Worte der Besucher das Herz der Muttergottes. Doch gehören Engel nicht nur zur Weihnachtszeit. Gloria, Sanctus und der Engel des Herrn sind in Liturgie und Gebet während des gesamten Kirchenjahres gegenwärtig.

Alle Engelnamen der Bibel sprechen vom Wirken Gottes: Raphael bezeugt „Gott heilt“. Gabriel bedeutet „Mann Gottes“. „Wer ist gleich Gott!“ ist die Bedeutung von Michaels Namen. Gerade zur Weihnachtszeit ist der Blick auf den Engel Michael hilfreich, um das Wesen der biblischen Engel zu verstehen. Sie sind Wegbegleiter, aber dulden nicht alle Wege. Engel sagen nicht zu allem „Ja und Amen!“ Sie widersprechen, mahnen zur Besinnung und zur Umkehr. Engel segnen nicht alles ab. Sie wissen von der heiligen Ordnung im Himmel und auf Erden. Kein Mehrheitsbeschluss kann diese Hierarchie ändern. So lehrte es Dionysios von Areopagita und nach ihm Hildegard von Bingen.

Engel werden als Werbefiguren missbraucht

Engel bewahren das Erbe. Nur in der sogenannten Esoterik gibt es Engel, die alle Wünsche erfüllen. Sie gelten als das höhere Selbst oder als Stimme des Unbewussten. Medien versprechen, den Kontakt zu Schutzengeln herzustellen. Diese Engelindustrie bedient sich einer Mixtur von Vorstellungen aus unterschiedlichen Kulturkreisen. Gleiches gilt für die Engelwerbung. Sie macht auch vor den Masken nicht Halt. Raffaels weltberühmte Putten von der Sixtinischen Madonna schmücken inzwischen auch den Mund-Nasen-Schutz.

Mit der Wiederkehr des Engelthemas um das Jahr des Mauerfalls erschienen auch die ersten Engelwerbungen. Dass sich der Gedanke des Schutzengels in eine gewisse Analogie zu den Angeboten der DEVK-Versicherung („Der Schutzengel ihres Kindes“) setzen lässt, leuchtet dem Kulturwissenschaftler vielleicht ein. Schmunzeln mag der Betrachter großformatiger Plakate, auf denen Niveau-Creme als „Schutzengel für die Haut“ beworben wird. Fettarmer Käse („Philadelphia“) und magenschonender Kaffee („Idee-Kaffe“) lassen ahnen, dass wir auch in Nahrungsdingen des Schutzes bedürfen. Doch inzwischen gibt es nichts, wofür Engel nicht mehr Werbung machen: Alkohol („Ich trinke Jägermeister, weil er der Himmel auf Erden ist“) und Zigaretten, Tampons („Schutzengel hatten schon immer Flügel – o.b. Flexia für besseren Schutz“) und Parfüm („Angel – So sanft kann Stärke sein“). Dergleichen Beliebigkeit des Engelbildes lässt sich beim besten Willen nicht mehr in das Christentum integrieren. Engel sind Experten für Kommunikation, aber nicht um jeden Preis.

„Er verwischt nicht die Unterschiede
zwischen den Kulturen, Mentalitäten und Religionen“

Wer die Wahrheit sucht und dem Zeitgeist nicht nach dem Mund redet, wie es auch in der Kirche immer wieder geschieht, der findet bei dem Engel Michael Orientierung. Sein Attribut ist das Schwert der Unterscheidung der Geister. Er integriert nicht, was sich nicht einfügen lässt oder lassen will, er betreibt keine Inklusion, wo sie reine Augenwischerei ist, er verwischt nicht die Unterschiede zwischen den Kulturen, Mentalitäten und Religionen, er duldet keine Ökumene des kleinsten gemeinsamen Nenners.

Engel haben Mut zur Wahrhaftigkeit. Michaels Schwert der geistlichen Unterscheidung sorgt für klare Worte, wo Abgrenzungen notwendig geworden sind. Gott ist die Liebe. Sein Evangelium gilt allen Menschen guten Willens. Aber nicht alle Menschen haben immer gute Absichten. Allen Menschen ist das Heil verkündigt. Aber nicht alle Menschen stellen sich unter diese Gnade. In der Welt gibt es einen geradezu titanischen Widerstand gegen die Botschaft vom Kreuz. Dafür steht die alte Schlange, gegen die Michael sein Schwert der Unterscheidung zückt (Apk 12). Diesem Michael sind die großen Klöster Europas in Italien, in der Normandie, in Cornwall und in Russland geweiht. In seinem Geist formierte sich einst das Reich der Ottonen und brachte romanische Bauten wie das Weltkulturerbe der Hildesheimer Michaeliskirche hervor.

Engel als Boten der Vollendung und der Hoffnung

Engel aus Watte und bunte Transparente sollen weiterhin in den Fenstern von Kindergärten und Schulen hängen. Gerade für kirchenferne Kinder gibt es keine bessere Verkündigung als das gemeinsame Singen von Weihnachtsliedern, die Anfertigung eines Adventskranzes für den Klassenraum oder das Basteln von Engeln und Sternen. Wieviel Segen liegt in dieser Pflege unserer Weihnachtstradition! Wer einmal als kleiner Engel bei einem Krippenspiel mitgewirkt hat, kennt den Nachglanz dieser festlichen Stunde. Die Frohe Botschaft leuchtet vor allen Dingen als Bild der himmlischen Liturgie im irdischen „Engeldienst“ der Messdiener hervor. Ziel und Sinn des Daseins für Engel und Mensch, so wusste Gregor der Große (34. Homilie zu Ezechiel), ist die Gotteschau.

Engel sind Boten der Vollendung. Doch wer wagt davon zu sprechen? Die Apokalyptiker zelebrieren ihre Endzeit-Rhetorik auf den Klimagipfeln. Kein Pfarrer könnte es sich erlauben, wie die selbst ernannte schwedische Unheilsprophetin in Davos auszurufen: „I don't want you to be hopeful. I want you to panic.“

Weihnachten ist nicht das Fest des Friedens um jeden Preis. Weihnachten ist Endzeit. Jetzt erschließen sich Zusammenhänge. Jetzt öffnet sich der Horizont. Jetzt erscheint der Himmel Gottes und seiner Engel über der Erde. Zur Liturgie aller christlichen Kirchen in Ost und West gehören zwei Engelgesänge, die als Lobpreis aus Engelmund wenig wahrgenommen und von den Gemeinden in ihrer spirituellen Dimension selten rein empfunden werden. Es ist das Sanctus der Seraphim, wie es der Prophet Jesaja (Jes 6.3) vernimmt und wie es beim Messopfer von der Gemeinde gesungen wird.

Wissen wir noch, dass wir mit dem Sanctus in den ewigen Lobgesang der Engel einstimmen, dass hier im gemeinsam vorgetragenen Hymnus wahrlich Himmel und Erde zusammenkommen, die gefallene Schöpfung heil und wieder eins wird? Denn die Engel als geschaffenes Licht des ersten Schöpfungstages bilden nach der Lehre des Augustin den stationären Teil des Gottesstaates, dessen pilgernder Teil die Menschen noch sind. In der Liturgie aber wird die Einheit der Schöpfung von Mensch und Engel gefeiert.

Das gilt besonders für das Prunkstück des Gloria, das die Engel bei den Hirten auf dem Feld zu Bethlehem anstimmen und das die Gemeinde in jeder Messe wiederholt. Spürt sie noch das Geheimnis der Gottesgeburt, wenn sie singt: „Ehre sei Gott in der Höhe“ (Lk 2, 14)? Angestimmt wird das Gloria von der „Menge der himmlischen Heerscharen“ (Lk 2, 13), worunter im Sinne Michaels durchaus kämpferische und zur Auseinandersetzung bereite Engel zu verstehen sind. Sie bilden eine Art Schutzmacht hier bei der Geburt Jesu, aber auch im weiteren Lebenslauf des Gottessohnes. Als Petrus bei der Gefangennahme das Schwert zückt und dem römischen Soldaten Malchus ein Ohr abschlägt, verweist Jesus auf die hier nicht genutzte Möglichkeit, den Dienst der Heerscharen in Anspruch zu nehmen: „Meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, dass er mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel (=72 000) schickte?“ (Mt 26, 53) Gott ist der „Herr der Heerscharen“ oder der „Herr Zebaoth“ – nicht nur zur Weihnachtszeit.

 

Die Geburt Jesu setzt eine Welt in Bewegung. Maria und Josef begeben sich auf den Weg nach Bethlehem. Dann kommen die Hirten. Später die Weisen aus dem Morgenland. Gottes Engel sind Teil dieser Bewegung, die im Herzen Marias meditativ nachschwingt, wenn es bei Luther heißt: „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ (Lk 2, 19) Diese Bewegung im Herzen ist etwas ganz anderes als die Nachdenklichkeit, von der die sogenannte Einheitsübersetzung an dieser Stelle spricht.

Zu dieser das Herz bewegenden Kontemplation lädt das Weihnachtsevangelium alle Menschen von Gottes Wohlgefallen ein. Ihr Ziel ist die ökumenische Anbetung und Lobpreis von Engel und Mensch – jetzt und in Ewigkeit.

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