Würzburg

Unbehagen an der Ästhetik

Die Literaturkritik steckt in der Krise und stimmt verzweifelt in den Chor der Skandalgesellschaft ein – dahinter verbirgt sich eine erratische Strategie.

Brauchen wir Literaturkritik?
"Wen interessiert schon noch die Architektur eines Werkes? Wen interessieren Metaphern und Rhetorik?, müssen sich manche Redakteure, die den Verlust von Leserzahlen im Genick spüren, zunehmend fragen. Dabei ist das Design mehr als ein Blumenstrauß für Schöngeister": Braucht man h... Foto: dpa

Mindestens so alt wie die Literaturkritik selbst ist die Rede von ihrem Tod. Schon oft hat man für sie das Grab ausgehoben, weil man den Sterbeprozess als unaufhaltsam erachtete. Allein heute, in Zeiten des schwersten Umbruchs auf dem Printmarkt, scheint deren Gefährdung realer denn je. Um dem Schrecken etwas entgegenzusetzen, reagieren die Rezensenten in den letzten Jahren nahezu einhellig mit derselben Volte: man inszeniert Skandale. Und zwar solche, die bei Weitem mehr Leser adressieren als jene, die sich für intellektuell ambitionierte Exegesen der Gegenwartsliteratur interessieren. Im Fokus stehen immer wieder gern vermeintlich unliebsame Autorengesinnungen: Sibylle Lewitscharoff wegen ihrer Position zu Abtreibungen, Simon Strauß wegen einer angeblich neorechten Haltung, Uwe Tellkamp wegen seiner flüchtlingskritischen Äußerungen. Nicht zu vergessen in der Reihe wäre Christian Kracht, dem man anlässlich seines Romans „Imperium“ totalitäres Gedankengut unterstellte. Was den zumeist aufgebauschten Vorwürfen folgt, sind Rede und Gegenrede. Bis sich jeder Feuilletonist letztlich rechts oder links, gemäßigt oder fundamental geäußert hat, ist in der Regel der Tiefpunkt eines rein selbstzirkulären Nischendiskursraums erreicht.

Dass sich in den letzten Jahren ein derartiges Erhitzungspotenzial konstatieren lässt, mag man allerdings wohl nur zum Teil aus der Marktkrise und dem Buhlen um die schwindenden Abonnenten heraus erklären.

Alles geht, aber nichts mehr gilt richtig

Auch in der Literaturkritik selbst macht sich eine verspätete Trendwende bemerkbar. Nachdem man sich über viele Jahre hinweg selbstgenügsam ausschließlich mit dem Text und seinem ästhetischen Design abgefunden und man allzu beschwingt jede Ironisierung der Welt zum Qualitätsprädikat erhoben hat, stellt sich auch unter den professionellen Rezipienten die Erkenntnis ein: Die Postmoderne mit ihrem Diktum von der Vielfalt an Darstellungs- und Lebensformen, mit ihrem Primus des Nebeneinanders, ist passé. Und weil sich die Gesellschaft als Ganze polarisiert, gilt es nun vielen, die Prosa und noch stärker die persönliche Einstellung eines Autors unter politischen Vorzeichen zu beleuchten. Bücher generieren zu Themenlieferanten, öffentlich gehaltene Reden und Statements überlagern alles, was bisher von SchriftstellerInnen geschrieben wurde. Auf die Elfenbeinliteraturkritik ereignet sich nunmehr die Schubumkehr ins absolute Gegenteil, nämlich die Verzwecklichung des Literarischen.

Wer etwa den Streit um Handke verfolgte, nahm mithin unversöhnliche Oppositionen wahr: da diejenigen, die sich auf seine Äußerung zu Bosnien und Milosovic einschossen, dort jene, die allein sein Werk und dessen stilistische Bandbreite berücksichtigt sehen wollten. Die Postmoderne hat, das darf man wohl festhalten, zur völligen Entleerung des Diskurssystems beigetragen. Keine Kriterien für literarische Qualität sind mehr unbestreitbar. Alles geht, aber nichts mehr gilt richtig.

 „Literaturkritik könnte ein
Musterbeispiel demokratischer Kultur sein“

Dabei wäre es dringend geboten, die Literaturkritik als Denkform wieder aufzuwerten, sie als Forum des Dialogs über zunächst einmal Wertmaßstäbe zu etablieren – gerade in einer Gesellschaft, die zunehmend die Fähigkeit zum vernünftigen Austausch verloren hat. Um es noch etwas klarer zu sagen: Literaturkritik könnte ein Musterbeispiel demokratischer Kultur sein. Solange sie in Teilen jedoch dem Boulevardesken verhaftet bleibt und sich mit Personenkult oder Personenabwertung selbst beschäftigt, kommt sie nicht über das allgemeine Talkshowniveau hinaus.

Wie müsste eine gelingende Debattenkultur aussehen? Iris Radisch, die Literaturredakteurin der Wochenzeitung „Die Zeit“, weist zu Recht auf das von ihr benannte Phänomen des ,Inhaltismus‘ hin. Statt ein Werk in seinem epochalen und ästhetischen Wert einzuordnen, sind mehr und mehr Rezensionen von starken inhaltsbezogenen Aussagen geleitet – in der Art von: Was passiert Wann und wie darf man das beurteilen. Gefragt wird, ob eine Geschichte schön oder spannend wird und nicht, warum sie möglicherweise spannend oder schön ist. Grund für die Verflachung des Diskurses scheint eine Abwertung und letztlich Unterschätzung der Ästhetik zu sein. Wen interessiert schon noch die Architektur eines Werkes? Wen interessieren Metaphern und Rhetorik?, müssen sich manche Redakteure, die den Verlust von Leserzahlen im Genick spüren, zunehmend fragen. Dabei ist das Design mehr als ein Blumenstrauß für Schöngeister. Es ist immer Träger und Ausdruck des Politischen selbst.

Wenn Ästhetik in Ethik umschlägt

Ein Blick zurück auf Klassiker der Literatur kann manchmal helfen. Man vergegenwärtige sich dazu nur einmal Rainer Maria Rilkes so komplexes wie weises Gedicht „Archaischer Torso Apollos“. Nachdem der Blick des lyrischen Ich die besagte Skulptur im Louvre vom fehlenden Haupt über die „Mitte, die Zeugung trägt“ wandert, kommt es zu einem Perspektivwechsel. Die Statue scheint aus sich auszubrechen und zum Subjekt zu avancieren: „Denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht“, heißt es unversehens, worauf die unglaubliche Pointe folgt: „Du musst dein Leben ändern“. Dieser letzte Satz basiert auf einem Gedankenfunken, nämlich dass die Anschauung eines Objekts immer im Inneren etwas auslöst und zu neuen Einsichten führen kann. Es geht um den Punkt, an dem Ästhetik in Ethik umschlägt, Kunst uns zum Nachdenken über das eigene Leben anregt. Um diese oftmals schwer fassbare, aber ungemein wichtige Volte muss es der Literaturkritik gehen. Ihre gesellschaftsrelevante Rolle erlangt sie nicht durch wohlfeile Begleitkommentierung des politischen Tagesgeschäfts auf Basis eines dazu vergewaltigten Buchs. Sie hebt das Politische stattdessen aus der Form heraus, sie analysiert dessen Machart und Präsentation und erfasst dadurch erst recht die innere Strukturierung zentraler sozialer Diskurse.

Die Schärfung des Bewusstseins für die Architektur eines Textes basiert dabei auf keinem apolitischen Prinzip. Vielmehr durchbricht sie erst die Oberflächen und Phrasenhülle, um die eigentlichen häufig ideologischen Funktionsmuster darunter offen zu legen. Wer etwa in Till Lindemanns Lyrik, dem jüngsten Literaturskandälchen, einzig den Ausweis für eine affirmative Vergewaltigungspoesie sah, der verkannte gleich mehrere strukturelle Besonderheiten der Gedichte: Zum einen den durchweg ironischen Impetus, der mithin auf eine spezifische Trennung zwischen dem Ich des Autors und des Textes hinweist, zum anderen die den gesamten Band durchdringende Auseinandersetzung mit einer von Gleichgültigkeit und innerer Leere bestimmten Gesellschaft. Mehrfach trifft man auf Stellen wie „Dir tut einfach nichts mehr weh“ oder „Bist du schon tot/ Oder lebst du nur nicht mehr“.

Literaturkritik als kulturarchäologische Praxis

Die Empathielosigkeit zeigt sich übrigens nicht geschlossen auf der Ebene eines traurigen Geschlechterkampfes. Dieser wird vielmehr ständig mit der Unterwerfung von Tieren assoziiert: Ein Hase wird geschlachtet, „den Kopf kriegt der Hund/ Den Rest auf den Tisch/ Das kenn ich/ Ich kenne den Vater […] Er körpert die Mutter/ Schlägt Rücken und Bauch/ Das kenn ich“. In einem anderen Text wird haltlos mit einem „Fleischklopper“ auf eine Kreatur eingeschlagen, während die Kinder heulen. Bestialisch zeigt Lindemann, wie die Gewalt die soziale DNA in sämtlichen Bereichen des Zusammenlebens bestimmt.

Dass die Texte jedoch nicht nur Worte aus dem Feld der Verrohung nutzen, sondern auf eigenartige Weise mit Motiven wie Herz, Seele und Tränen spielen, gibt Auskunft über das ästhetische Verfahren. Indem der Autor Anleihen der romantischen Sprache mit seinen brutalistischen Schilderungen kollidieren lässt, offenbart er die vermeintliche Leere unserer hehren Liebesideale. Es geht bei diesen Dissonanzen schlichtweg um Dekonstruktion, um Infragestellung, um die schmerzvolle und skrupellose Anklage des Status quo.

Fördert eine literaturkritische Reflexion diese Machart zum Vorschein oder traut sich eine eben am geschriebenen Wort orientierte Debatte zu, vermag sie für den Leser ein Analyseregister zur Verfügung zu stellen. Sie schult den Blick, hält dazu an, Schichten freizulegen und tiefer ins Wurzelwerk vorzustoßen. Literaturkritik erweist sich dann als eine kulturarchäologische Praxis. Sie deckt auf, ordnet ein, bewertet und erfüllt damit eine erkenntnisstiftende Funktion.

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