Berlin

Theologie ist in Berlin willkommen

Das neue Institut für katholische Theologie in Berlin setzt auf Dialog mit der Gesellschaft und die Unterstützung durch Kirche und Politik.

Christian worship and praise. Happy friends praying and reading the bible together.
Noch ist die Zahl der Studenten am Institut für katholische Theologie in Berlin überschaubar. Mit dem wachsenden Angebot dürfte sich das ändern. Foto: Adobe Stock

Fast so etwas wie eine religiöse Wüste“ – so urteilte vor einigen Jahren der Präsident des Päpstlichen Kulturrates, Kardinal Gianfranco Ravasi, über Berlin. In der deutschen Hauptstadt sei die Säkularisierung unter den europäischen Großstädten am weitesten fortgeschritten, die christliche „Muttersprache“ verblasse immer mehr. Wie immer man zu dieser Einschätzung steht, zumindest für die katholische Theologie sah es in den letzten Jahrzehnten nicht gut aus. An der Freien Universität gab es noch ein kleines Institut, das seit gut 20 Jahren nur noch unzureichend ausgestattet war. Von vier Professuren – ohnehin keine große personelle Ausstattung – war nur noch eine besetzt, Gastdozenten hielten den Lehrbetrieb mehr oder weniger aufrecht. Für das Erzbistum Berlin war diese Situation schon lange nicht mehr tragbar. Beharrlich pochte Erzbischof Heiner Koch immer wieder darauf, die katholische Theologie in angemessener Weise in der Hauptstadt universitär zu verankern – und fand gerade beim rot-rot-grünen Senat dafür Gehör. Im Herbst vergangenen Jahres erfüllte sich der Wunsch: An der Humboldt-Universität (HU) ging das Institut für katholische Theologie an den Start und will sein Angebot in den kommenden Jahren kontinuierlich ausbauen. Derzeit sind dort knapp 50 Studenten eingeschrieben. Wenn aber ab dem kommenden Wintersemester die Masterstudiengänge mit Lehramtsbezug hinzukommen, werden es wohl deutlich mehr sein.

Die religiöse Pluralisierung wirft Glaubensfragen auf

Im Vergleich zu anderen Fakultäten liege man mit rund 35 Einschreibungen für das Wintersemester „gut im Schnitt“, betont Professor Georg Essen. Im letzten Jahr wechselte er von der Ruhr-Uni Bochum an die Spree auf den Lehrstuhl für Systematische Theologie. Mittlerweile ist er stellvertretender Institutsdirektor und für die Beratung der Studenten zuständig. Dass die Einrichtung ausgerechnet in einem ehemaligen Leichenschauhaus, der früheren Rechtsmedizin der Charité, untergebracht ist, soll dabei kein schlechtes Zeichen sein. Gerade die Pluralisierung der Religionslandschaft habe dazu geführt, sich wieder stärker mit Glaubensfragen zu beschäftigen. So zog die Islamische Theologie an der HU ein, aber man wollte „in dem Gesamtpaket auch der katholischen Theologie einen Stand geben“, betont Georg Essen im Gespräch mit der „Tagespost“.

Dabei wird die pluralistische Stadtgesellschaft in Berlin seiner Auffassung nach gerade zum Vorteil: Da es keine Mehrheiten bestimmter Konfessionen mehr gebe, habe selbst eine säkulare Stadt wie Berlin einen religiösen „Deutungsbedarf“, so Essen weiter – man denke nur an die Diskussion über die Restaurierung des Kreuzes auf dem Dach des Humboldt-Forums, des wiederaufgebauten Stadtschlosses. Es gebe durchaus eine große Wissenschaftstradition in der katholischen Theologie, sich mit Transformationsgesellschaften zu befassen. Und Georg Essen weiß, wovon er spricht. Bevor er nach Berlin kam, lehrte er im Ruhrgebiet – ähnlich wie die Hauptstadt eine Region, die starken demografischen Veränderungen unterliegt. Für den Katholizismus sei das Institut eine große Chance, „in den Wissenskulturen der Stadt präsent zu sein“.

Anthropologischer Schwerpunkt

Für die Theologen an der Humboldt-Uni zeigt sich dieser Pluralismus schon auf ganz praktische Weise: In dem Gebäude in der Hannoverschen Straße 6 zwischen Charité und Katholischer Akademie lehren und forschen Katholiken und Muslime Tür an Tür. Professor Essen findet das „fantastisch“, die Kollegen der Islamtheologie – verzögert durch die Corona-Krise – nun langsam kennenzulernen. Vor kurzem habe man sich bereits im kleinen Kreis getroffen und auf ein gemeinsames Forschungsprojekt geeinigt, an dem auch die jüdische Theologie in Potsdam teilnehmen wird. „Das könnte eine spannende Sache werden, wir sind hier mitten am Puls der Zeit.“

Und dieser Anspruch gilt auch für die eigene Forschung und Lehre. Ein großer Schwerpunkt des Instituts ist die Anthropologie – der Bezug zum konkreten Menschen. Für Professor Essen ist das der Schlüssel, um in einem säkularen Umfeld überhaupt durchdringen zu können. Wenn eine heterogene Gesellschaft nach „Sinnressourcen“ suche, nach Traditionen, die für das humane Zusammenleben wichtig seien, dann kann die Theologie hier ihr Verständnis vom christlichen Menschenbild einbringen – der unbedingte Wert des Einzelnen, die Gottesebenbildlichkeit, die Bindung der Wahrheit an das Gewissen und vieles mehr sind die Themen, die Christen in die Gesellschaft einbringen können. Anthropologie ist damit Querschnittsaufgabe des katholischen Instituts, in jedem Semester gibt es explizite Lehrveranstaltungen zu diesen Fragen. In ethischen Diskursen gehe es letztlich um die Frage: „Was ist der Mensch?“ – und hier könne eine religiöse Innensicht der Debatte gut tun, hofft Georg Essen.

Nicht in innerkirchliche Debatten einkapseln

In diesem Sinn legt das Berliner Institut Wert darauf, sich nicht in innerkirchliche Debatten einzukapseln, sondern stets den Dialog mit der Stadtgesellschaft in den Vordergrund zu stellen. „Religion und Gesellschaft“ wird ein Bachelor-Studiengang heißen, der nach jetziger Planung zum Wintersemester 2021/22 an den Start gehen soll. Er wird sich dezidiert nicht an Theologiestudenten richten, betont Professor Essen. Stattdessen soll er Studierende ansprechen, die an Religion interessiert und orientiert sind – und zwar im Blick auf urbane Gesellschaften und Fragen der Globalisierung. Innerkirchliche Debatten wie der „Synodale Weg“, bei dem deutsche Bischöfe und Laien auch über das Verhältnis zwischen Kirche und moderner Gesellschaft diskutieren, sollen nicht im Vordergrund stehen, wenngleich das Thema „Identität und Relevanz“, also die Frage, wie die Kirche in der heutigen Gesellschaft präsent sein kann, ohne ihren Markenkern zu verwässern, in diesem Zusammenhang durchaus eine Rolle spielt. Dennoch gilt: Keine innerkirchliche Nabelschau, sondern der Dialog mit anderen Religionen und Kulturen steht im Vordergrund.

Hinzu kommt, dass das Institut insbesondere Lehramtsstudenten ausbilden wird. Im aktuellen Sommersemester gab es zunächst einen Bachelor-Studiengang „Theologie“ mit oder ohne Lehramtsoption, im Wintersemester kommt der Master hinzu, der sich ausschließlich an angehende Lehrer wendet. Auch die müssen ausgerüstet sein für ihren Einsatz in den Schulen der Hauptstadt, in denen sie auf eine große religiöse Vielfalt treffen. Getragen wird dieses Studienangebot derzeit von fünf Lehrstühlen, hinzu kommt die Guardini-Professur für Religionsphilosophie und Theologische Ideengeschichte, die bisher an der Freien Universität untergebracht war und von dem italienischen Philosophen Professor Ugo Perone besetzt ist. Daneben existieren zwei W3-Professuren in Systematischer Theologie (Professor Georg Essen) und Historischer Theologie (Professor Günter Wassilowsky).

Corona führt zu Verzögerungen

Drei Juniorprofessuren ergänzen das Angebot: Katharina Pyschny lehrt Biblische Theologie, Benedikt Schmidt Theologische Ethik und Teresa Schweighofer hat den Lehrstuhl für Praktische Theologie inne. Erst im Frühjahr dieses Jahres wurden alle Lehrstuhlinhaber offiziell ernannt, doch das Kennenlernen verzögerte sich etwas. Der Corona-Lockdown kam dazwischen, zu 100 Prozent wurde auf digitales Lernen umgestellt. Alle Veranstaltungen konnten zwar stattfinden, aber mit „ambivalentem Ergebnis“, wie Professor Essen bemerkt. „Alle Studierenden haben gut mitgemacht, aber dass ich keinen Studenten in echt gesehen habe, das ist schon sehr bitter.“ Ein dauerhaftes Modell soll daraus nicht werden. Gerade dieses eher kleine Institut, das von außen stark wahrgenommen wird, ist auf öffentliche Präsenz angewiesen. Und das soll weiterhin für die Lehrveranstaltungen gelten.

Aufgrund der Corona-Beschränkungen musste auch die offizielle Eröffnungsfeier verschoben werden. Sie soll nun in kleinerem Rahmen am 10. November stattfinden – und viele haben bereits ihr Kommen zugesagt, unter anderem Erzbischof Heiner Koch, die HU-Präsidentin Sabine Kunst und Vertreter des Berliner Senats. Großer Bahnhof also für ein eher kleines Institut. Doch Georg Essen hat in den wenigen Monaten, in denen er in der Hauptstadt arbeitet, gespürt: „Diese Stadt will etwas von uns, fragt uns an.“ In der kurzen Zeit habe er mehr Presseanfragen erhalten als während seiner gesamten Wirkungszeit in Bochum. Für den Schwerpunkt auf theologische Forschung und den interkulturellen Ansatz gab es zahlreiche Vorschusslorbeeren von Seiten der Kirche – dem Erzbistum, aber auch der römischen Bildungskongregation – und der Politik. Der Ausbau der Theologien an den Hochschulen schaffte es 2020 sogar in den Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und Linken. Auch Georg Essen ist vom Ansatz des Institutes überzeugt: „Gerade in dieser kleinen, smarten Form kann Berlin viel daraus machen.“

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