Ratzenried

Tagesposting: Zuversicht schleicht ins Herz

See im Gegenlicht der untergehenden Sonne
Die Schönheit der Natur lässt Probleme kleiner werden. Sie dominieren nicht mehr die Gedanken. Foto: screenshot

Schaut man sich im Moment in den Medien um, so scheinen die Probleme bei weitem zu dominieren. Vom schleichendem Untergang Europas ist da die Rede, von einem „Zeitalter der Angst“, einer totalen geistigen Entleerung, von Kulturkampf und Stockholmsyndrom – und für den Synodalen Weg interessiert sich laut einer repräsentativen Umfrage auch fast keiner. Hinzu kommen all die alltäglichen Sorgen, in meinem Falle die schwer erkrankte, alte Mutter.

Neulich sah ich auf Facebook ein Foto von einem See in der Abenddämmerung. Die untergehende Sonne spiegelte sich auf seiner Oberfläche – ein Bild der Harmonie, der Schönheit und der Ruhe. Darunter stand geschrieben: „Wie soll man sich hier in Ruhe auf seine Probleme konzentrieren?“ Ganz so ging es mir, als ich – für eine längere Zeit in meine Heimat der Kindheit ins Allgäu zurückgekehrt – in die dörfliche Sonntagsmesse ging. Seit dem 11. Jahrhundert gibt es hier eine Kirche. Man spürt schon beim Betreten die Atmosphäre, die jahrhundertelanges Beten und Vertrauen einem Raum zu verleihen vermögen, auch wenn dieser sich über die Zeit im Stil verändert hat. Der wunderbare barocke Hochaltar dominiert den Raum, an den Seitenaltären grüßen die heilige Familie und ein eindrucksvoller heiliger Georg, der mit Verve dem Bösen den Kopf abschlägt.

„Wer nur den lieben Gott lässt walten,
und hoffet auf ihn alle Zeit“

Die heiligen Ärzte Cosmas und Damian signalisieren im Altarraum, dass meine Sorgen nicht ungehört bleiben. „Wie soll man sich hier in Ruhe auf seine Probleme konzentrieren?“ Die Corona-Regeln werden auch in Ratzenried – so heißt das 1 500-Seelen-Örtchen – penibel eingehalten. Nur jede zweite Bank ist besetzt. Aber die Kirche wirkt nicht leer, weil gemeinsame Haushalte ja auch dicht nebeneinander stehen dürfen. Und so füllen erstaunlich viele Familien mit Kindern, Jugendliche und Alte, junge und alte Ehepaare die Reihen. In einer durchschnittlichen Stadtkirche wäre das auch in normalen Zeiten eine gut besetzte Kirche. Immer noch darf nicht gesungen werden – aber der Organist spielt sein Instrument mit Kunst und Hingabe, begleitet von einigen auf der Empore weit verteilten Sängern. Die Texte der Gesänge dringen ganz neu ins Herz, wenn man ihnen konzentriert lauscht, statt sie mitzuschmettern: „Wer nur den lieben Gott lässt walten, und hoffet auf ihn alle Zeit“, das haben die Menschen hier schon zu Pestzeiten gesungen.

Begeisterter Applaus erfüllt die Kirche

Zuversicht schleicht ins Herz. Die Texte des Tages, eine Predigt, die die Herzen öffnet für ihren tiefsten Gehalt. Die Feier der Eucharistie vergegenwärtigt Leid und Tod und Auferstehung Christi und nimmt unser aller Geschichte(n) mit hinein. Die Freude der Gläubigen, endlich wieder die heilige Kommunion empfangen zu können, ist fast mit Händen greifbar. Am Ende ergreift der Pfarrer noch einmal das Wort: Zum ersten Mal habe man wieder mit Messdienern die heilige Messe feiern können. Begeisterter Applaus erfüllt die Kirche. Kurz höre ich im Hinterkopf das Raunen liturgischer Perfektionisten, aber die Dankbarkeit lässt sich nicht wegraunen. „Sie müssten erlöster aussehen, die Christen!“, hätte Friedrich Nietzsche den Ratzenriedern jedenfalls nicht vorwerfen können.


Die Autorin ist eine katholische Publizistin.

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