Tagesposting: Warum ich Gott nicht gefallen muss

Bernhard Meuser macht sich frei von allen Erwartungen, die von "außen" an ihn gestellt werden könnten. Er will nicht länger "liebenswert" sein und seine Skrupel los werden, denn er fühlt sich von Gott bedingungslos geliebt.

Kämpfer der syrischen Rebellen mit Waffe
Radikal: Gottes Liebe zu uns Menschen ist so bedingungslos, dass er uns selbst dann liebt, wenn wir "mit der Kalaschnikow durch die Fußgängerzone" marschieren. Das heißt nicht, dass ihm das auch gefallen muss. Foto: Cesare Quinto (EPA)

Gerade habe ich ein Buch fertiggestellt, bei dem mir mindestens fünf Menschen im Vorfeld einen Satz sagten, der mich nachdenklich machen sollte: „Sie werden dich hassen!“ Ich habe es trotzdem geschrieben, weil ich es schreiben musste. Vor zehn Jahren wäre mir das noch nicht möglich gewesen. Ich hätte wahrscheinlich schlaflose Nächte gehabt bei der Vorstellung, wem ich alles begegnen könnte. Ich hätte mir vorgestellt, was im Kopfkino dieses oder jenes Zeitgenossen abgehen würde: Er wird dir seine Zuneigung entziehen, dich zur Rede stellen, dich anfeinden, dir die Pest an den Hals wünschen.

Bewunderung für die Journalistin Christiane Florin

Inzwischen bewundere ich eine Frau wie Christiane Florin, so viel mich sonst auch von ihrem Kirchenbild trennt. Als der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, die desaströse MHG-Studie zum Missbrauch der Öffentlichkeit vorstellte, war sie nämlich die einzige anwesende Journalistin, die eine bestimmte Auskunft einforderte: „Eine Frage noch zur persönlichen Verantwortung. Hier sind jetzt über 60 Bischöfe versammelt, gibt es einen oder zwei, die im Zuge ihrer Beratungen gesagt hätten: Ich habe so viel persönliche Schuld auf mich geladen, ich kann eigentlich diese Verantwortung des Amtes nicht mehr tragen?“

„Nein.“

Und irgendwie muss ich auch Kardinal Marx bewundern, der nicht herumstotterte, sondern eine klare Antwort gab, die aus einem einzigen Wort bestand: „Nein.“ Eine Sternstunde der Authentizität! Wir müssen nämlich niemandem gefallen. Nicht der Mama, nicht dem Papa, nicht der Gesellschaft, nicht der Mehrheit, nicht unserem schärfsten Kritiker. Und auch die Anderen müssen uns nicht gefallen. Sie dürfen sein, wie sie von innen heraus sind. Wäre es anders, wäre jede Ehe die Hölle, die Familie eine Besserungsanstalt und die Kirche ein Zucht-Haus. Menschen, die ihre Identität aus dem Ansehen anderer beziehen, sind nicht bei sich selbst.

Sie degenerieren zu Erfüllungsgehilfen fremder (oder eigener) Erwartungen. Es hat lange gedauert, bis ich verstand: Ja, – nicht einmal Gott müssen wir gefallen. Gott stellt keine Bedingungen für seine Liebe. Gott liebt uns bedingungslos, grundlos, ohne jede Vorleistung. Seine Liebe hört auch dann nicht auf, wenn es mir einfallen sollte, mit der Kalaschnikow durch die Fußgängerzone zu marschieren. Das würde an seiner maßlosen, notorischen, verrückten Liebe zu mir nicht das Geringste ändern. Okay, ich bekenne: Auch ich war ein religiöser Leistungssportler, fühlte mich übel und klein, wenn ich mein selbstgestecktes religiöses Programm nicht erfüllte.

Das Ziel: Skrupel los werden

Wie – den Rosenkranz nicht geschafft? Vielleicht solltest Du wieder einmal zur Beichte gehen!? Am nächsten Tag würde man dann ganz sicher fehlerlos weitermachen. Mein Leben mit Gott war ein bisschen wie Tennisspielen gegen Rafael Nadal. Es machte keinen besonderen Spaß. Ich war immer der Verlierer, so viel ich auch trainierte. Wie wird man seine Skrupel los – ohne darüber zum skrupellosen Menschen werden? Das Codewort heißt Liebe und nicht Leistung. Einmal mehr danke ich dem guten C.S. Lewis für Nachhilfe in wichtiger Sache; er hat nämlich einmal gesagt: „Gott liebt uns nicht, weil wir liebenswert sind, sondern weil er die Liebe ist.“

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