Würzburg

Tagesposting: Toleranz heißt das Zauberwort

Die Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkriegs führt uns all die Grausamkeit vor Augen, zu der Menschen fähig sind. Auch heute, auch hier. Es wäre ein Irrtum zu glauben, wir wären immun gegen den Hass auf das Fremde. Frieden braucht Toleranz.

Toleranz ist das Zauberwort
Einwohner Berlins inmitten eines zerstörten Straßenzuges nach Kriegsende im Jahr 1945. Durch die Geschichte der Menschheit zieht sich eine blutrote Spur der Gewalt und Grausamkeit. Auch heute sind wir nicht immun. Es braucht immer wieder Toleranz, das Aushalten des Anderen, Fremd... Foto: dpa

In der kommenden Woche jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs für uns Deutsche zum 75. Mal. Vorbei die Bombennächste, vorbei das sinnlose Sterben. Mehr als 50 Millionen Menschen fielen dem Größenwahn der Nationalsozialisten und ihres „Führers“ zum Opfer. Und dabei reden wir „nur“ von den Toten. Die Zahl der Opfer insgesamt übersteigt die 50 Millionen um ein Vielfaches. Die Verletzten, die traumatisierten, die gebrochenen Seelen, die trauernden Hinterbliebenen – ein Wahnsinn, dass so etwas überhaupt jemals passieren konnte. Oder passieren kann? Wäre so etwas auch heute wieder möglich? Auf der Welt sicher. Immer wieder haben wir seit 1945 erlebt, zu was Menschen fähig sind, wie Familienväter zu Bestien wurden im Namen eines vermeintlich höheren Zieles.

Tagesposting: Im Zeitalter der Zerrissenheit
Der Autor ist Philosoph und Medienexperte. Foto: Kathrin Harms

Denken Sie an die vielen Millionen Menschen, die im Namen des Kommunismus gestorben sind. An die „Säuberungen“ unter Stalin und die sibirischen Gulags unter seinen Nachfolgern. Denken Sie an Kambodscha und Pol Pot und seine Roten Khmer, die eine ganze Generation der Intelligenz des Landes auslöschen ließ, begonnen bei den Lehrern, Teilen der Stadtbevölkerung, Staatsbediensteten. Zwei Millionen der acht Millionen Einwohner des Landes wurden damals hingerichtet, viele zu Tode gefoltert. Denken Sie an den Völkermord an den Armeniern, an das sinnlose Abschlachten der Tutsis an den Hutus in Burundi mit 300 000 Toten, den Völkermord in Ruanda mit 800 000 Ermordeten in nur 100 Tagen. Eine Meldung abends in der ARD-Tagesschau für uns, grauenhafter Alltag für die Menschen dort. Oder 1995 im Bosnienkrieg an das Massaker von Srebrenica. Und die widerwärtige Kumpanei niederländischer Soldaten, der Blauhelm-Schutztruppe, mit den Schlächtern des Ratko Mladic.

Jetzt ist alles besser?

Die Schreckensherrschaft der Nazis, der Holocaust, die Morde der Kommunisten in der Sowjetunion und in China, all das scheint uns so weit weg, so lange vergangen, dass wir denken, wir seien immun dagegen und so etwas wird sich nie mehr wiederholen. Doch das ist ein Fehlschluss. Die Ideologien, die uns Menschen umformen wollen, sind das ständige Zündholz an der Lunte eines friedlichen Zusammenlebens. Dabei ist es völlig egal, ob die Transformation im Sinne einer politischen oder religiösen Idee erfolgen soll, aus Rassenhass oder purer Menschenverachtung. Wenn eine Gesellschaft auf Grundrechten und Freiheit basieren soll wie unsere, dann muss sie jedes Warnzeichen sehr ernst nehmen und sich dem Irrsinn konsequent entgegenstellen. Nur Menschenwürde und Freiheit dürfen für uns der Maßstab der Dinge sein. Und übersteigerte Überlegenheitsgefühle gegenüber eine Klasse oder Rasse sind immer der erste Schritt auf einem Weg, der zu nichts Gutem führt, ja führen kann. Toleranz heißt das Zauberwort in unserem Lebensalltag so wie in der großen Politik. Das Aushalten von Menschen, die anders sind, anders denken und anders glauben. Wenn wir das beherzigen und diese Leitlinie energisch durchsetzen, dann kann jeder von uns selbst einen Beitrag dazu leisten, dass sich der Wahnsinn der Vergangenheit nicht wiederholt, der zu Krieg, Völkermord und übrigens auch Terrorismus führt.

Tagesposting: Herausforderer China
Der Autor ist freier Publizist und Sachbuchautor („Bürgerlich, christlich, sucht ...“). Foto: Kerstin Pukall

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