Aimargues

Tagesposting: Französischer Sommer

Zwischen Ernst des Lebens und den kleinen Freuden des Alltags - eine Urlaubsreise zwischen Kulinarik und Kirche..

Kristina Ballova
Die Autorin, Kristina Ballova, betreibt den Blog „Frau mit Eigenschaften“.

„La douce France“ ist immer eine Reise wert. Von Brüssel aus ist es in wenigen Stunden mit dem TGV erreichbar. Das ermöglicht spontane Reisen, wenn sich der Urlaub in den Zeiten von Corona nicht längerfristig planen lässt. Carpe Diem – das passt gut zu Frankreich. Nein, die Ewigkeit passt nicht zu Paris, die verbinde ich vielmehr mit Rom. Die französische „DNA“ wurde nachhaltig und dauerhaft von den Strömungen des Diesseits geprägt.

Die Ideen von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, die Melancholie des Existenzialismus und die sexuelle Libertinage sind an jeder Ecke spürbar. Vielleicht schaffe ich es deshalb nicht meinen Geist zu sammeln, als wir die Sacré-Coeur-Basilika betreten.

Ich zünde eine Kerze an, spreche ein kleines Gebet, schreite nach vorn zum Altar. Das Gebäude berührt mich nicht, und ich werde mit inneren Vorwürfen konfrontiert, nicht mal für fünf Minuten andächtig werden zu können. In Saint-Sulpice versuche ich es noch einmal – vergeblich. Und in Sainte-Madeleine frage ich mich angesichts der Architektur, ob hier innere Sammlung je beabsichtigt war. In Paris werde ich wohl nicht frommer. Im Gegenteil, ich konzentriere mich besser auf den Tag, den Genuss, die Menschen. Wie alle um mich herum auch. Wie einfach fällt es mir, mich dieser Stimmung anzuschließen!

Angekommen im „Domaine du Grande Malherbes“, einer authentischen Anlage mit Pool, Palmen und paradiesischem Essen im Languedoc, braucht es noch weniger, um mich der Illusion des diesseitigen Glücks hinzugeben. Ganz wie in meinem französischen Ohrwurm gesungen wird: „Das Wetter ist schön, der Himmel ist blau, wir haben nichts anderes zu tun, als glücklich zu sein.“ So trügerisch das vermittelte Gefühl auch sein mag, ich genieße es. Für Franzosen sind Sonne, Wein und Bikini ernstzunehmende Angelegenheiten.

Der Zauber führt verbindet das Göttliche mit dem Irdischen

Als wir Montpellier besuchen, verzaubert uns eine Personifizierung all' jener französischen Leichtigkeit: eine junge, attraktive Kellnerin, die uns in einer charmanten Sprachmelodie auf deutsch anspricht und uns durch ihre reizende Art durch den Abend begleitet. Sie trägt ein knappes Outfit und erzählt viel über ihren Studienaufenthalt in Deutschland, die Schönheit ihrer Stadt und den Wein, den sie für uns auswählt. Das ist der Zauber des französischen Sommers und er führt mich weit weg vom Ernst des Politischen und Religiösen. Ich bin überzeugt, dass man die großen Dinge des Lebens nur verstehen kann, wenn man auch die kleinen Freuden zu schätzen weiß.

Das Göttliche setzt auf dem Irdischen auf, die Welt ist mehr als „sola gratia“. Der Sinn für Körper, Kunst und Kulinarik ist der katholischen Kultur deshalb immer eigen gewesen. Frankreich mag nach der Revolution seinen Sinn für das Übernatürliche verloren haben, dieses Erbe seiner katholischen Vergangenheit ist immer noch präsent und anziehend.


Die Autorin betreibt den Blog „Frau mit Eigenschaften“. 

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