Würzburg

Sucht überwindet man nicht nur mit Beten 

Eine spirituelle Heimat kann bei der Überwindung von Süchten sehr hilfreich sein. Aber manchmal genügt das nicht, und dafür gibt es einen Grund

Die Alte Mainbrücke in Würzburg ist bekannt für den Brückenschoppen.
Heiliger Geist statt Weingeist: Auch bei den „Anonymen Alkoholikern“ spielt Glaube eine Rolle. Foto: Ralph Peters via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Nach vielen Versuchen, dauerhaft nüchtern zu bleiben, saß ein gewisser Roland H. im Jahr 1932 bei seinem Psychiater und war verzweifelt. Obwohl die Behandlung zwischenzeitlich gute Erfolge erzielt hatte, war er wieder einmal rückfällig geworden. Dieses Mal wusste der Psychiater seinem Patienten nicht mehr anders zu helfen als mit radikaler Ehrlichkeit. Weder Medizin oder Psychiatrie könnten ihn noch retten, sagte er. Die einzige Möglichkeit, die er noch sähe, sei eine religiöse oder spirituelle Erfahrung in Form einer echten Bekehrung. Dies sei allerdings selten und er könne nicht versprechen, dass es funktioniere. Sein Rat lautete, Roland H. solle sich in ein religiöses Umfeld begeben und das Beste hoffen. Damit entließ er ihn in die Ungewissheit.

Die Anonymen Alkoholiker

Der Psychiater war Carl Gustav Jung, und dieses Patientengespräch war das erste von vielen Ereignissen, die zur Gründung der Anonymen Alkoholiker (AA) führten. Die AA sind die größte Selbsthilfeorganisation der Welt mit insgesamt rund zwei Millionen Mitgliedern und etwa 2 000 Gruppen allein in Deutschland. Ihr Erfolg beruht auf drei Säulen. Erstens: Spiritualität. Schon immer boten Gott und seine irdischen Vertreter Zuflucht für die Leidenden, die Kranken, die Ausgestoßenen – was Alkoholiker ja oft sind. Bei den Kirchen und religiösen Gemeinschaften fanden Sünder Schutz vor Verführungen durch den Teufel, der in diesem Weltbild nicht selten in Form von Alkohol oder Drogen erscheint. Zweitens bieten die AA eine Gemeinschaft unter Gleichen: Jeder versteht, wie es dem anderen geht. Drittens, und das ist meiner Meinung nach der Hauptgrund ihres Erfolgs: Hier können die Menschen anonym über ihre Geschichte, ihre Probleme, ihre Situation reden, ohne dass man sie unterbricht oder bewertet. Andere Menschen, denen es genauso geht, hören ihnen zu. Diese drei Prinzipien helfen den Mitgliedern, dauerhaft abstinent zu bleiben, sodass ihre geistige Gesundheit nach und nach wieder hergestellt werden kann. 

Eine häufige Kritik an den AA lautet jedoch, dass die Sucht einfach nur verlagert wird: Statt Alkohol zu konsumieren, sei der Patient nun süchtig nach AA-Meetings. Da ist was dran. Es wäre jedoch immer noch gesünder als eine Suchtverlagerung auf Medikamente, Zucker oder Glücksspiel. Inzwischen ist unstrittig, dass der Besuch einer Selbsthilfegruppe die Erfolgsaussichten für eine stabile, zufriedene Abstinenz deutlich erhöht. Genaue Zahlen gibt es nicht. Manche Schätzungen gehen davon aus, dass die Quoten in etwa umgekehrt sind: Ohne Selbsthilfegruppe halten zwanzig Prozent durch, mit Selbsthilfegruppe achtzig Prozent – so ungefähr. Doch muss diese Selbsthilfegruppe unbedingt spirituell geprägt sein? Was ist mit Menschen, die keinen Zugang zum Glauben, zu Gott oder zu spiritueller Erfahrung gleich welcher Art haben? Sie haben ja oft gerade deshalb ein Problem, einen Widerstand, sich den Anonymen Alkoholikern anzuschließen. Um solchen Menschen den Besuch der AA zu erleichtern, sprechen diese in ihren Veröffentlichungen von „einer höheren Macht, größer als wir selbst“ oder „von Gott, wie wir ihn verstehen“. Sie wollen damit ihre Türen offen halten für jede und jeden. Niemand muss an Gott glauben, um zu den Meetings gehen zu dürfen. Doch manchem ist auch das schon zu viel. 

Es gibt einen Grund

Jeder Alkoholiker hat einen guten Grund für seine Erkrankung. Dieser Grund ist ihm oder ihr in der Regel noch nicht einmal bewusst, schon gar nicht, solange der Alkoholkonsum noch andauert. Aber jede Abhängigkeit hat eine tiefer liegende Ursache. Häufig ist sie in der Kindheit zu finden. Das kann ein liebloses Elternhaus gewesen sein oder extremer Leistungsdruck, der Verlust naher Angehöriger oder eine andere traumatische Erfahrung. Bei alkoholabhängigen Frauen ist es auffällig, dass sie meist Gewalt erlebt haben. Sei es in der Kindheit, durch gewalttätige Eltern, durch sexuellen Missbrauch oder auch durch eine Vergewaltigung im Erwachsenenalter. Gewalt führt häufig zu Depressionen, oft auch zu einer Posttraumatischen Belastungsstörung mit Flashbacks und Panikattacken, die dann mit dem Konsum von Alkohol betäubt werden. Lassen diese Frauen nun den Alkohol weg und werden abstinent, kommen die psychischen Probleme wieder. Hier wird Glaube allein nicht helfen, hier braucht es die richtige Therapie. Generell sind psychische Erkrankungen eine häufige Begleiterscheinung von Alkoholabhängigkeit. Werden diese nicht medizinisch und therapeutisch behandelt, sind Rückfälle vorprogrammiert. 

Heiliger Geist statt Weingeist

Für viele reicht der Besuch von Meetings bei den Anonymen Alkoholikern deshalb nicht aus. Obwohl sie diese Selbsthilfegruppe besuchen, werden sie rückfällig. Doch niemand sollte sich schwach fühlen müssen, weil er es allein mit Hilfe seiner Gruppe, ohne zusätzliche medizinische oder psychiatrische Behandlung, nicht schafft, mit dem Trinken aufzuhören. Darin sehe ich die Gefahr eines rein spirituellen Umgangs mit der Sucht. Was ist, wenn etwas Schlimmes passiert? Arbeitslosigkeit, Scheidung, Verlust der Wohnung… Bei manchem reicht schon ein Auffahrunfall, um in die alten Verhaltensweisen zurückzufallen. Plötzlich ist der Suchtdruck da. Der englische Begriff lautet craving – Verlangen, Begehren. Jemand, der nicht an einer Suchterkrankung leidet, kann sich darunter meist nichts vorstellen. Versuchen Sie es so: Lassen Sie an einem der nächsten Tage ihr Smartphone zu Hause und beobachten Sie, wie oft Sie automatisch danach greifen und wie Sie sich in dem Moment fühlen, in dem Sie merken, dass es nicht da ist – und Sie weder Ihre E-Mails noch WhatsApp noch Facebook checken können. So etwa geht es einer Alkoholikerin oder einem Alkoholiker, der vor kurzem aufgehört hat zu trinken. Suchtdruck ist letztlich der Hauptgrund dafür, warum so viele Alkoholiker rückfällig werden. Deshalb ist es für alle, die abstinent werden wollen, von entscheidender Bedeutung, wirkungsvolle Strategien dagegen zu finden. Diese lernt man in einer geeigneten Suchttherapie. Doch auch eine Therapie allein reicht nicht unbedingt aus, um das Leben so zu gestalten, dass es einen Sinn hat. 

Viele Jahre, nachdem er seinen Patienten Roland H. zum letzten Mal gesprochen hatte, erhielt Carl Gustav Jung einen Brief von William Griffith Wilson, dem Gründer der Anonymen Alkoholiker. Griffith schrieb unter anderem, dass es mit Jungs Schützling kein böses Ende genommen hatte, sondern dass dieser sich einer evangelikalen Bewegung angeschlossen hatte und in der Gemeinschaft anderer Genesender aufgefangen worden war. Jung freute sich sehr über diese Nachricht und schloss seinen Antwortbrief mit dem berühmten Satz: „Sehen Sie, Alkohol heißt auf lateinisch ,spiritus‘, und man verwendet das gleiche Wort für die höchste religiöse Erfahrung wie für das verderblichste Gift. Die hilfreiche Formel ist daher: Spiritus contra Spiritum.“ Frei übersetzt: Heiliger Geist statt Weingeist. Beten allein reicht vielleicht nicht aus, um dauerhaft abstinent zu bleiben. Aber für Roland H. war es die Rettung. Er war nicht der Einzige. 

 


Von der Autorin erschien zuletzt das Buch „Die Bestie schläft. Meine Alkoholsucht und wie ich sie überwand“ (München, Blessing 2019). 

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