Washington, D.C.

Droht den US-Medien eine Saure-Gurken-Zeit ohne Trump?

Der Machtwechsel im Weißen Haus führt in der US-Medienlandschaft zu Veränderungen. So bekommt FoxNews konservative Konkurrenz. Die mediale Polarisierung wird wohl auch unter Biden bleiben.

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Der Nachrichtensender „Foxnews“ galt lange als rechtskonservatives Sprachrohr. Jedoch fiel er bei Präsident Trump in Ungnade, da er als erster US-Sender Bidens Wahlsieg in Arizona verkündete. Foto: Screenshot/foxnews.com

Für die Sozialen Netzwerke ist Donald Trump bereits Geschichte. Denn nachdem tausende Demonstranten am Mittwoch dieser Woche – aufgeputscht durch Tweets des Noch-US-Präsidenten – das Kapitol belagerten und einige von ihnen sich sogar gewaltsam Zugang verschafften, zog als Erstes Twitter die Reißleine: Der Nachrichtendienst, über welchen sich der frühere Geschäftsmann und Reality-TV-Star eine millionenstarke Followerschaft aufbauen konnte, blockierte den Account von US-Präsident Donald Trump und drohte erstmals mit der dauerhaften Sperrung des Twitterkontos eines US-Präsidenten. Der Internetdienst forderte ultimativ, dass Trump Tweets entferne, in denen er Gewalt entschuldige.

Weitere Sperren

Dem Vorgehen von Twitter schlossen sich Facebook und Youtube an - auch sie löschten Beiträge Trumps. Betroffen war unter anderem ein Video, in dem Trump seine Anhänger zwar zum Rückzug aus dem von ihnen gestürmten Kapitol aufrief – aber zugleich abermals seine unbelegten Behauptungen über angeblichen Wahlbetrug wiederholte. Facebook begründete die Löschung mit der Befürchtung, dass Trumps Botschaft zu weiterer Gewalt führen könnte.

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Der konservative Kabel-Sender „Newsmax“ wird von einem Vertrauten Trumps geleitet. „Newsmax“ gilt als der neue aufstrebe... Foto: Secreenshot/newsmax.com

Die wahrscheinlich bald erfolgende Sperrung sämtlicher Trump-Konten bei Twitter und Co. läutet unmissverständlich das selbstgewählte Ende einer großen Trump-Abhängigkeit gerade vieler Trump-kritischer US-Medienoutlets ein. Denn man kann vom baldigen Ex-US-Präsidenten halten, was man will – doch als polarisierende Reizfigur stellte Donald Trump für nicht wenige Medien ein großes Geschenk dar. Mit seinen Tweet-Tiraden, verbalen Ausfällen und erratischen Polit-Manövern dominierte er seit der Bekanntgabe seiner Kandidatur im Juni 2015 für die US-Präsidentschaft nicht nur die weltweiten Schlagzeilen, sondern sorgte auch bei etablierten Printmedien wie der New York Times oder der Washington Post für steigende Abonnentenzahlen sowie beim US-Nachrichtensender CNN für höhere Quoten – ein sogenannter „Trump Bump“.

Seriöse Medien

Der Grund: Sowohl die New York Times als auch die Washington Post oder CNN inszenierten sich – ohne dies freilich lautstark zu kommunizieren - während der Trump-Ära als „Media Resistance Outlets“, die der Trump-Administration äußerst kritisch auf die Finger schauten und somit unzähligen Trump-Gegnern sich als bevorzugte (und betont seriös gebende) Nachrichten- und Informationsquelle anboten. Dass die Abneigung der drei genannten Medien gegenüber Trump auf Gegenseitigkeit beruhte, verstand sich angesichts von massiven „Fake News“-Vorwürfen des bald aus dem Amt scheidenden US-Präsidenten gegenüber etablierten Presseorganen von selbst. Doch wirklich offengelegt wurde umgekehrt diese kaum überraschende Abneigung beispielsweise im Falle CNNs gegenüber dem bisherigen US-Präsidenten durch Telefonkonferenz-Mitschnitte durch die US-Enthüllungsplattform Project Veritas.

Diese veröffentlichte Anfang Dezember Mitschnitte von Telefonkonferenzen der CNN-Führungsspitze, die den ausdrücklichen Willen zu einer Anti-Trump-Berichterstattung des Senders bestätigen. Aus den Aufnahmen gingen laut Project Veritas unter anderem hervor, dass CNN bewusst entschied, Berichte über mögliche Korruption bei der Tätigkeit von Joe Bidens Sohn für ein ukrainisches Unternehmen zu verschweigen – mittlerweile ermitteln sowohl das FBI als auch US-Steuerbehörden gegen den Sohn des designierten US-Präsidenten. In einem anderen Mitschnitt sprach sich die Führung von CNN untereinander ab, stets von „unbegründeten Vorwürfen“ zu sprechen, wenn über mögliche Fälle von Wahlbetrug bei der Präsidentenwahl berichtet wird. In einem anderen Mitschnitt äußert sich eine Vizepräsidentin von CNN abfällig über kubanischstämmige Wähler in Florida, die Trump gewählt hätten. Und bereits 2017 deckte Project Veritas auf, dass zumindest intern den Russland-Ermittlungen gegen die Trump-Administration geringe Chancen eingeräumt wurden – trotz gegenteiliger Berichterstattung.

Opposition lohnt

Der Übergang vom auf Überparteilichkeit suggerierenden Medienunternehmen hin zu klar bekennender Parteilichkeit zahlte sich in der Trump-Ära für CNN und Co. aus – und deckt sich im Übrigen mit der Vorgehensweise, mit der sich der US-Nachrichtensender Fox News vor allem in der Obama-Ära zum großen medialen Sprachrohr vieler konservativer, libertärer und sich politisch rechts außen verortender Gegner der Politik des 44. US-Präsidenten aufschwang. Der Lohn für acht Jahre medialer Obama-Totalopposition zwischen 2008 und 2016 für das Murdoch-Unternehmen: Es avancierte mit weitem Abstand zum quotentechnisch erfolgreichsten Nachrichtensender in den USA und wurde in den vergangenen vier Jahren so etwas wie der inoffizielle Hofberichterstattungssender für das Weiße Haus in der Ära Trump. Doch nachdem ausgerechnet Fox News in der Wahlnacht 2020 als erster US-Sender Joe Biden zum Wahlsieger in Arizona erklärte und sich nicht am Wahlbetrugsnarrativ des Trump-Kampagnenteams beteiligte, kühlte das Verhältnis von Donald Trump zu seinem einstigen Haus- und Hofsender dramatisch ab.

Ganz im Gegensatz zu „Newsmax“, einem konservativen Kabel-Sender, der von Christopher Ruddy, einem Vertrauten Trumps, geleitet wird und der zuletzt in der Gunst des Noch-Präsidenten gewaltig angestiegen war. „Er sagte mir, dass es unglaublich sei, was für Quoten wir einfahren und dass jeder darüber sprechen würde“ berichtete Ruddy gegenüber der New York Times von einem Telefonanruf Trumps nach der verlorenen US-Wahl. In der Tat: Seit der Wahlnacht 2020 erzielte der Nischensender, der sich im Gegensatz zu Fox News zunächst weigerte, Joe Biden als den Sieger der US-Wahl anzuerkennen, Quoten im einstelligen Millionenbereich – während sich diese vor der Wahl auf unter 60.000 Zuschauern beliefen.

Platzhirsch Fox

Und gleichwohl Fox News auch weiterhin in den US-Medien uneingeschränkter Platzhirsch im Bereich Nachrichten-TV bleibt, sind ihm sowohl CNN als auch der Nachrichten-Underdog aus Florida auf den Fersen. Experten rechnen aufgrund des Bruchs der Nibelungentreue von Fox News gegenüber Trump durchaus mit Verschiebungen innerhalb der Zuschauerschaft zwischen Fox News und Newsmax – aber gleichzeitig gehen sie davon aus, dass genauso wie in den Obama-Jahren die Biden-Präsidentschaft konservativ bis politisch rechts orientierten Nachrichtensendern insgesamt hohen Zuschauerzuspruch bescheren wird.

Biden-Dip droht

Für CNN und Co. wiederum bedeutet der baldige Amtsantritt Joe Bidens einerseits, dass der eigene Wunschkandidat demnächst am Ziel aller Träume ankommen sein wird. Andererseits droht in den kommenden Jahren ausgerechnet mit Trump der „Erfolgsgarant“ für den bisherigen unternehmerischen Aufschwung zunehmend abhandenkommen. Manche Medienexperten sprechen schon von einem drohenden „Biden Dip“ für die etablierten Qualitätsmedien, da der kommende US-Präsident Biden zwar den politischen Vorstellungen selbstverständlich eher entspricht als der frühere Unternehmer und Reality-TV-Star Trump. Gleichzeitig droht jedoch wie bei Fox News in der Ära Trump eine zu enge Nähe gegenüber dem Weißen Haus – und mit Joe Biden ein nicht sonderlich polarisierender und schlagzeilenträchtiger Amtsinhaber. Immerhin dürften die Zuschauer- und Leserzahlen nicht so einfach einbrechen – dennoch müssen die eigenen Leser in der trumplosen Saure-Gurken-Zeit weiterhin bei Laune gehalten werden.

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