Versailles

Die Mystik des Augenblicks erleben

Vor etwas mehr als einem halben Jahrhundert schien der persönliche Gott kein Thema mehr zu sein. Weder im Osten noch im Westen. So kann man sich täuschen.

Beim Woodstock Festival USA 1960er Jahre at the Woodstock festival USA 1960s Copyright TBM Unit
Das Woodstock-Festival 1969 war das spirituelle Highlight der Hippie-Generation. Die Kirche hatte es schon damals schwer. Foto: Imago Images

Ein guter Titel ist schon die halbe Miete. Der erfahrene Journalist und Autor André Frossard wusste das natürlich. Es gibt sogar Bücher, deren Titel so prägnant sind, dass sie sich verselbstständigen und ein regelrechtes Eigenleben entwickeln. Manchmal werden sie redensartlich, und mitunter ersetzen sie gar die Lektüre des Buches, weil man glaubt, mit dem Titel eigentlich auch schon zu wissen, worum es geht. „Das Prinzip Hoffnung“ wird bis heute allenthalben zitiert, auch wenn immer weniger Menschen den Autor Ernst Bloch kennen und kaum jemand das Buch gelesen haben dürfte. Für die „Entdeckung der Langsamkeit“ von Stan Nadolny gilt dasselbe wie auch für Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ oder Hannah Arendts „Unfähigkeit zu trauern“. Der Titel, den André Frossard für seine Bekehrungsgeschichte wählte, fällt in diese Kategorie und geht doch darüber hinaus. „Gott existiert“ – das ist ein solcher Geniestreich, ja. Aber es ist noch viel mehr als das.

Man kann nur spekulieren, wie Frossard überhaupt auf den Titel gekommen ist. Fest steht nur, dass sein Titel auch im Erscheinungsjahr 1969 schon keine religiöse Selbstverständlichkeit mehr ausdrückte, keine gesellschaftsfähige Frömmigkeit, sondern, ganz im Gegenteil, etwas behauptete, was man seriöserweise auch damals schon längst nicht mehr behaupten durfte.

„Nicht die Kirche hat diese Schriftzeichen
auf die Seelenwand geschrieben, sondern Gott selbst“

Gott? Das ist Ansichtssache, das ist eine Frage des Gefühls, ein Verlegenheitsbegriff, eine Denkfigur, eine Abstraktion, eine heimliche Hoffnung, eine Kulturtradition, ein Ausdruck des Wunschdenkens, eine tröstliche Phantasie, all dies und noch vieles mehr ist Gott, aber doch wohl nicht: eine Tatsache, eine Realität?! Genau das ist die Kerbe, in die André Frossard schlägt, indem er von Gott spricht wie vom Meer, das er mit eigenen Augen gesehen hat, vom Berg, auf dem er steht, von der schweißtreibenden Hitze eines Sommertages, von der liebevollen Mutter, die ihn einst im Arm gehalten hat. Keine Ansichtssache, sondern eine Erfahrung; keine Abstraktion, sondern ein konkretes Ereignis; „Gott existiert, ich bin ihm begegnet.“

Man muss sich wohl noch deutlicher vor Augen halten, in welcher Zeit dieses Buch erstmals erschien und in welchem Milieu der Autor zuhause war. Wenn heute in den kirchlichen Debatten so häufig auf ein „damals“ oder „früher“ Bezug genommen wird, entweder als Erinnerung an angeblich fromme Vorzeiten, in denen die katholische Welt noch in Ordnung war, oder als Verweis auf dunkle Zeitalter religiöser Droh- und Einschüchterungskultur, dann bleibt zumeist offen, was genau mit „damals“ gemeint war und wo dieses „damals“ spielt. Das Paris des Jahres 1969 war jedenfalls gewiss kein Ort blühender Volksfrömmigkeit, und die Zirkel französischer Intellektueller jener Jahre waren es auch nicht. Die ganze Welt stand längst kopf – und die katholische Kirche auch.

Studentenrevolte, Vietnamproteste, Hippie-Kultur und Woodstock-Festival; der erste Mensch auf dem Mond und das erste Flugzeug mit Überschallgeschwindigkeit; sexuelle Revolution überall in der westlichen Welt und der erste „Sexualkunde-Atlas“ in deutschen Schulen; Charles de Gaulle war gerade ab- und Willy Brandt angetreten; der Pillenknick hatte die Geburtenzahl drastisch zurückgehen lassen und Papst Paul VI. wurde für seine Enzyklika „Humanae vitae“ ausgelacht; in Rom erschien das neue Messbuch, und rund um die Welt wurden Hochaltäre mit roher Gewalt und bornierter Selbstgewissheit abgerissen, um völlig neue Liturgien feiern zu können. Das war 1969. Und bei dieser kleinen Skizze ist der „Ostblock“, wie man ihn damals nannte, also die Gruppe von Staaten, in denen unter sowjetischer Vorherrschaft der Atheismus längst Staatsräson geworden war, noch gar nicht mitbedacht worden.

Die Entzauberung der Welt schien vollendet

Gewiss, es gab, wie immer, bedeutende Ungleichzeitigkeiten in dieser von Stürmen heftig durchschüttelten Welt. Bemerkenswert bleibt gleichwohl, dass Frossard sein Buch gerade damals, genauer gesagt: erst damals, veröffentlicht hat. Das Erlebnis, von dem er sprechen wollte, das sein Leben grundlegend verändert und fortan geprägt hat, lag 34 Jahre zurück, als er damit an die Öffentlichkeit trat. Er war 20, als ihm Gott begegnete, aber 54, als er der Welt darüber berichtete. Es mag für Frossard viele, auch sehr persönliche und intime Gründe gegeben haben, so lange zu schweigen und dann dieses Schweigen zu brechen, doch darf man wohl annehmen, dass der allgemeine Dekonstruktivismus der späten 1960er Jahre, der ideelle und praktische Sturm auf jede Tradition und Überlieferung, ebenso eine Rolle gespielt haben wie die naiv-euphorische Wissenschaftsgläubigkeit, die mit Mondlandung und Geburtenkontrolle neuen Rückenwind erhielt und die Entzauberung der Welt zu vollenden schien.

Es war die Zeit, in der die Wahrheit abgeschafft und durch Ansichten ersetzt wurde, es war die Zeit, in der der Gottesbegriff intellektualisiert und der Gottesglaube pathologisiert wurde. Frossards Gottesbegriff ist dagegen ein ganz anderer. Er behauptet Gott nicht aus einer vagen Hoffnung heraus und auch nicht aus einem abstrakten Philosophieren, sondern aus der unmittelbaren eigenen Erfahrung. Ein mystisches Erlebnis? Eine Erscheinung Gottes, an die man glauben oder eben nicht glauben kann wie an Gott selbst? Ja und nein. Es wäre anmaßend, Frossards Erlebnis zu bagatellisieren oder gar ins Reich der Empfindung abzuschieben. Nein, man soll ihn ganz ernst nehmen in dem, was er beschreibt. Andererseits geht es eben nicht um eine private Offenbarung, die kein normaler Mensch je erleben wird, um ein Wunder, das zwar nicht in Abrede gestellt werden kann, den Leser aber doch außen vor lässt. Nein, die Offenbarung, die Frossard beschreibt, ist ebenso einzigartig wie universell, sie galt an diesem Ort und in diesem Augenblick ihm allein und ist doch dieselbe Gotteserfahrung, die jeder Mensch zu jeder Zeit machen kann, ja gewiss macht– selbst wenn sie unbemerkt bleibt oder anders gedeutet wird.

Man muss sich das richtige Sensorium bewahren

Karl Rahners Wort, der Christ der Zukunft müsse ein Mystiker sein, einer, der „Gott erfahren hat“, ist vielfach missverstanden worden. Gemeint ist gerade nicht die frömmelnde Sehnsucht nach einer Erscheinung, die private Offenbarung und die dogmatische Selbstermächtigung. Es geht vielmehr darum, sich einer Gotteserfahrung bewusst zu werden, die in jedem Menschen ist, die auch ganz unabhängig ist von der katechetischen Unterweisung und theologischen Deutung, die dagegen erkannt und verstanden werden kann, indem der Mensch sich zu Gott hin öffnet. Diese Gotteserfahrung ist „in jedem Menschen gegeben“, wie Rahner sagt, auch wenn sie ein jeder anders erleben wird, sei es im Licht der Eucharistie, sei es in der Begegnung mit einem anderen Menschen, sei es in der tiefsten Einsamkeit der eigenen Existenz oder dem Erlebnis der eigenen Verwundbarkeit. Verloren gegangen ist nicht diese Gotteserfahrung, sondern das Sensorium, sie zu erspüren und wenigstens ansatzweise als das zu begreifen, was sie ist.

Man könnte auch sagen: Die Welt hat die Lautstärke soweit aufgedreht, dass jede Gotteserfahrung übertönt wird. Und sie hat den modernen Menschen indoktriniert, dass es sich bei dem, was er als Gotteserfahrung erspüren könnte, tatsächlich um irgend etwas anderes handeln muss, eine Stimmung vielleicht, einen sentimentalen Augenblick, einen Tick oder Trick der eigenen Psyche. Transzendenz, verstanden als das intuitive, aber auch instruierte Bewusstsein dafür, dass es viel mehr gibt als das, was man sehen und messen kann, ist der Diktatur eines modernen Materialismus gewichen, der nicht nur Gott verkennt, sondern auch den Menschen. Die Gotteserfahrung ist ihm nämlich in die Seele eingeschrieben. An diesen Schriftzeichen kann niemand ein Leben lang vorbeisehen, auch nicht derjenige, der wie Frossard jenseits der christlichen Tradition in einem aufgeklärten Atheismus aufwächst.

Innerkirchliche Auseinandersetzungen ermüden die Gläubigen

Die Kirche, die verfasste Religion also, hilft dem Menschen, diese Schriftzeichen zu deuten und die Gotteserfahrung so besser und tiefer zu verstehen. Doch nicht die Kirche hat diese Schriftzeichen auf die Seelenwand geschrieben, sondern Gott selbst. Die Mystik des Augenblicks, daran hat sich, seit es Menschen gibt, nichts geändert, findet auch heute in jedem Leben statt, sie wird nur anders erlebt und anders gedeutet und, ja, sie wird, wo es an religiöser Bildung und Erziehung zur Transzendenz fehlt, wohl auch häufig unzureichend oder gar falsch verstanden. Trotzig, unbeirrt und provozierend rief André Frossard das ungeheure Wort in seine Zeit hinein: „Gott existiert.“ Ein halbes Jahrhundert später braucht es dieses Wort mehr denn je. Lernen wir neu, von Gott zu sprechen. Denn die Debatten unserer Tage, zumal die ermüdenden innerkirchlichen Auseinandersetzungen, verkennen vollkommen, was es mit dem großen, bösen, pandemischen Vergessen auf sich hat: Die Gottesfrage selbst droht zu verstummen. Sie lebendig zu halten, sie neu zu stellen, von Gott zu berichten, was wir erfahren haben – das ist die Berufung dieses geschichtlichen Moments.


Leicht gekürzte Fassung des Vorworts zu André Frossards Klassiker „Gott existiert“, der in dieser Woche neu bei fe-Medien erscheint.

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