Mainz

Muss jeder Sterbewunsch ein Einzelfall betrachtet werden? 

Der Sterbewunsch soll nicht ignoriert werden. Der Regisseur Lars Kraume spricht im Interview über seinen Film „GOTT von Ferdinand von Schirach“. Ein ethisches Dilemma ohne wirkliche Lösung.

Lars Kraume
Der Gewinner des Deutschen Fernsehpreises und zweifacher Gewinner des Grimmepreises: der Drehbuchautor und Regisseur Lars Kraume. Foto: Badlands

Herr Kraume: Können Sie die Kernfrage in „GOTT von Ferdinand von Schirach“ zusammenfassen? 

Es geht um eine Frage, die so alt ist wie die Menschheitsgeschichte selbst: Wie mit dem Sterbewunsch eines Menschen umzugehen ist. Nachdem das Bundesverfassungsgericht im Februar den § 217 Strafgesetzbuch gekippt hat, muss das Parlament eine neue Regelung finden. Neben der alles dominierenden Corona-Diskussion wird die Debatte um die Sterbehilfe die spannendste gesellschaftliche Diskussion in den nächsten Monaten und Jahren bleiben. 

Was sind die besonderen Herausforderungen bei der Verfilmung eines Theaterstücks?

„GOTT von Ferdinand von Schirach“ ist eigentlich eine konzentrierte Diskussion über den komplexen Sachverhalt der Sterbehilfe. Schirach bietet dem Zuschauer die Möglichkeit an, mit abzustimmen, als wäre er ein Mitglied des Ethikrates. Deshalb funktioniert es ganz anders als klassische Bühnen- oder Fernsehdramen. Er baut ein Dilemma auf, das der Zuschauer lösen muss, indem er sich die verschiedenen Aspekte vor Augen führt, die es zu beachten gilt. Deswegen fordert die von Barbara Auer dargestellte Vorsitzende des Ethikrates den Zuschauer auf, mitzumachen und am Ende abzustimmen. Für Schirach ist das die große dramaturgische Klammer, um diese Inhalte – die man in einem Essay behandeln könnte – zu einem unterhaltsamen, spannenden und informativen abendfüllenden Programm zu machen. 

Sie haben sich an das Drehbuch von Schirach genau gehalten. Was ist Ihr Beitrag zum Film? 

Mein Beitrag ist gering. Während der Dreharbeiten und auch danach, eigentlich bis heute, hatte ich keine abschließende Meinung über das Thema. Aber ich glaube, es ist auch nicht so wichtig, was ich finde. Meine Aufgabe als Regisseur ist, die Stücke von Schirach möglichst unbewertet und neutral zu präsentieren. Denn der Zuschauer braucht dringend die Freiheit, sich ohne die Manipulation eines Regisseurs zu entscheiden.

Können Sie das Verhältnis vom Einzelfall Herrn Gärtner und der Position, für die er steht, näher erläutern? 

Hier wird ein Einzelfall betrachtet: Der eines Mannes Ende siebzig, der nach dem schmerzhaften Siechtum und dem Tod seiner Frau nicht mehr leben und mit Hilfe seiner Hausärztin sein Leben beenden möchte. Jeder Sterbewunsch muss als Einzelfall betrachtet werden. Denn es ändert alles, ob ein Mann wie Herr Gärtner oder ein junger Mensch sterben möchte, weil er gerade Liebeskummer hat. Dazu sind die biografischen Eckdaten und die Gründe für den Sterbewunsch die entscheidende Größe. Nur um diesen Einzelfall wird abgestimmt. Er hat jedoch auch eine Bedeutung über den Einzelfall hinaus, weil man nicht eine Einzelfall-Regelung treffen kann. „GOTT von Ferdinand von Schirach“ ist gerade interessant, weil er beides ist: der Einzelfall eines Mannes und eine große gesellschaftliche Diskussion, die uns alle beschäftigen wird. 

In dem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, warum ausgerechnet der Arzt und nicht irgendeine andere Instanz dem Sterbewunsch eines Patienten nachkommen soll?

Es ist eine komplizierte Frage, die aber im Stück auch lange diskutiert wird. Der Sterbewunsch kommt häufig von Menschen, die sich in intensiver ärztlicher Behandlung befinden, und der Arzt hat die Aufgabe, das Leiden des Patienten zu lindern. Ich kann die Frage, warum gerade der Arzt dem Sterbewunsch nachkommen soll, nur so beantworten: Wer sonst? Selbst bei gesunden Menschen muss das todbringende Pentobarbital vom Arzt verschrieben werden. 

Wird in „GOTT von Ferdinand von Schirach“ die Frage ausreichend diskutiert, ob der Druck nicht nur auf alte Menschen, sondern auch auf Ärzte zunehmen würde, wenn sich die aktive Sterbehilfe ausbreitet? 

In einer Passage spricht das, wie ich finde richtig, der von Ulrich Matthes gespielte Bischof Thiel an. Er fragt, ob sich nicht ältere Menschen in einer auf Leistungsdruck und auf Jugendlichkeit aufgebauten Gesellschaft sowieso überflüssig fühlen, ob sie sich durch eine solche Debatte aufgefordert fühlen, sich das Leben zu nehmen. Das darf natürlich nicht sein. Auf der anderen Seite darf auch nicht sein, dass ein Sterbewunsch tabuisiert wird. Auch das wird in Schirachs Buch hervorragend und spannend diskutiert und analysiert, dass Menschen zu gefährlichen Manövern getrieben werden, um sich das Leben zu nehmen, und sich dabei nur auf schlimme Weisen verstümmeln, oder aber ins Ausland gehen. Ich bin absolut der Meinung, dass es eine berechtigte Diskussion und berechtigte Situationen gibt, in denen man sich seinen Tod wünscht. In unserer Gesellschaft wird so wenig überhaupt über den Tod geredet, dass der Sterbewunsch tabuisiert wird. Vielleicht bekommen die Ärzte dadurch einen gewissen Druck, aber sie haben einen Beruf, in dem sie ohnehin viel Druck spüren. 


„GOTT von Ferdinand von Schirach“, Fernsehfilm. Regie: Lars Kraume. Montag, 23. November, 20.15 Uhr, 85 Min., ARD. Abschließend sind die Zuschauer aufgerufen, multimedial abzustimmen. Nach Verkündung des Ergebnisses wird die Zuschauerentscheidung in der Sendung „hart aber fair“ mit Experten erörtert. 

 

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