Ungeschminkt

Kinder gehen vor die Hunde

RTL glaubt, dass Babys wie Hunde erzogen werden können. Die Tierliebe hat die Kinderliebe eben längst überholt. Manchem Kind wünscht man, so Birgit Kelle, es würde wenigstens mindestens so gut behandelt wie das geliebte Haustier.

Familie mit Hund
Wenn Kinder mit den gleichen Methoden erzogen werden, wie Haustiere, dann läuft etwas gewaltig schief. Bei RTL wird das jetzt auf die Spitze getrieben und medial ausgeschlachtet: Kinderdressur zur Primetime. Eine fragwürdige Methode in einem fragwürdigen Format Foto: Eva Blanco, imago-images

Wer dachte, mit Sendungen wie „Frauentausch“ oder „Promi-Big-Brother“ sei der Tiefpunkt deutscher Fernsehformate bereits erreicht, hat die Rechnung ohne RTL gemacht. Am Sonntag eroberte sich dort das neue Format „Train your baby like a dog – Die Hund-Kind-Methode“ die niederste Stufe auf der nach unten offenen Fremdschämskala. Das Konzept ist einfach erklärt, eine Hunde-Trainerin darf an die Kinder ran, weil „Säugetierehirne eben gleich funktionieren“. Das renitente Kind kommt auf die (Hunde)-Decke und zur Belohnung für richtiges Verhalten gibt es Leckerlis, dazwischen auch Erziehungsbinsenweisheiten.

„Er fordert von Eltern Muße und Zeit,
nicht Abrichtung wie ein Hund“

Die Hundedame zeigt stolz ihre Söhne, die mit Hilfe des Hunde-Klicker-Trainings gar erfolgreich Vokabeln lernen. Das könnte für die Vorbereitung auf das Corona-Abitur noch wichtig werden. Wir sehen Klein-Pia, sie will weder schlafen noch Zähneputzen. Die Trainerin weiß: „Pia hat Angst vor der Zahnbürste“, das Muttertier in mir sagt, Pia ist eine ganz normale bockige Zweijährige, die sehr schnell und ohne RTL lernen kann, dass es ohne Zähneputzen nie mehr Süßkram gibt. Stattdessen bekommt sie Eis, darf ohne Zähneputzen ins Bett und zur Belohnung legt sich Mutti noch daneben, weil Pia sonst nicht schlafen will.

Alibi-Psychologe für die Pädagogik

Hoffentlich sehen nicht viele Kleinkinder diese Sendung, es wäre eine wunderbare Bedienungsanleitung unter dem Titel: „Wie treibe ich garantiert meine Eltern in den Wahnsinn und bekomme dafür Schokolade“. Für das pädagogische Backup hat man einen Alibi-Psychologen mit eingeschaltet. Er findet dieses Kinder-Hunde-Vergleichsding „spannend“.

Erziehungsformate im TV haben Hochkonjunktur. Zunehmend überforderte Eltern lassen bereitwillig das Fernsehen ins Kinderzimmer, während das Zeitungsfeuilleton einen fast steinigt, wenn man wagt, auch nur ein Foto vom Nachwuchs ins Netz zu stellen. Besser kann das Bildungsungleichgewicht der Nation nicht dokumentiert werden. Kinder sind anstrengend. Das ist normal.

Ein Vierjähriger nervt, weil er geliebt werden will. Er fordert von Eltern Muße und Zeit, nicht Abrichtung wie ein Hund. Wir haben längst eine Kultur der ausgelagerten Kinder geschaffen und nun ist man überfordert, weil man verlernt oder niemals gelernt hat, mit Kindern zu leben. Kinder stören ständig nur noch, bei der Selbstverwirklichung, am Arbeitsmarkt, im Hotel, im Restaurant und ihr Kinderwagen stört natürlich im Treppenhaus. Und so werden sie verhindert, abgetrieben oder später in Krippe, Kita und Ganztagsschule und auf Ritalin verfrachtet, weil sie irgendwie immer stören.

Mindestens gleicher Schutz für Kinder wie für Tiere 

Und dann, wenn die Tierliebe gesellschaftlich die Kinderliebe überholt, wünscht man sich manchmal doch, Kinder würden zumindest wie ein Hund behandelt, wenn man schon viel von Kinderrechten spricht, sie ihnen aber faktisch elementar verweigert. Hundewelpen dürfen die ersten Monate nicht vom Muttertier getrennt werden, man macht sich sonst strafbar, weil die Welpen psychische Schäden davontragen. Wie war das mit den gleich funktionierenden Säugetierhirnen nochmal? Menschenkindern garantiert niemand die Mama, aber neuerdings den „Anspruch“ auf Krippenplatz. Wenn in Schlachthöfen Küken geschreddert werden, nennen es selbst die Grünen barbarisch und verteidigen ihr Lebensrecht. Macht man dasselbe im Mutterbauch mit Kindern, wird das Gemetzel zum Frauenrecht hochstilisiert. Ja es stimmt wohl, manche Kinder gehen wirklich vor die Hunde.

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