Saarbrücken

Keine Maschinenmenschen

Warum die Universität des Saarlandes jetzt einen neuen Studiengang zur Künstlichen Intelligenz anbietet, erklärt Friederike Meyer zu Tittingdorf im Interview mit der Tagespost.

Quanten-Photonik
Im Labor für Quanten-Photonik – auch Physik gehört zum Studium Künstlicher Intelligenz an der Universität des Saarlandes. Foto: Universität des Saarlandes

Frau Meyer zu Tittingdorf, die Universität des Saarlandes bietet einen neuen Studiengang zur Künstlichen Intelligenz an. Wie würden Sie Künstliche Intelligenz definieren?

Künstliche Intelligenz wurde im Laufe der Zeit vielfältig definiert: Hielt man anfangs noch Schachprogramme für künstlich intelligent, locken diese inzwischen niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Heutzutage nutzt zum Beispiel Übersetzungssoftware Algorithmen der Künstlichen Intelligenz. Sie vollbringen in diesem speziellen Bereich erstaunliche Ergebnisse, können aber Katzen und Hunde nicht immer zuverlässig auseinanderhalten.

Künstliche Intelligenz könnte sich demnach heutzutage dadurch auszeichnen, dass sie verschiedene Dinge auf hohem Niveau vollbringt, die einem Menschen leicht und Maschinen klassischerweise schwerfallen, wie zum Beispiel Smalltalk.

Ihr Bachelor-Studiengang „Data Science and Artificial Intelligence“ ist auf sechs Semester angelegt. Was wird unterrichtet und wünschen Sie sich von den Absolventen mehr Konkurrenz zum Silikon Valley?

„Unsere Studierenden arbeiten an konkreten Fragestellungen und Problemen von Anwendungsfächern.“

Im neuen Studiengang lernen Studierende, wie man Probleme so analysiert, dass man sie mit Verfahren aus der Künstlichen Intelligenz, Data Science, Big Data und Machine Learning automatisiert lösen kann. Das Studium ist dabei gleichermaßen forschungs- wie anwendungsorientiert: Unsere Studierenden arbeiten an konkreten Fragestellungen und Problemen von Anwendungsfächern wie der Computerlinguistik, Physik, den Materialwissenschaften, der Chemie, der Psychologie und der Biologie. Durch den Umgang mit sensiblen Daten sind auch Aspekte der IT-Sicherheit, der Rechtswissenschaften, des Datenschutzes, der Philosophie und der Ethik wichtige Inhalte.

Sie werben mit einem Alleinstellungsmerkmal der Qualität Ihrer Forschung, weil sie mit sechs renommierten Forschungseinrichtungen zusammenarbeiten, wie mit dem CISPA-Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit oder den Max-Planck-Instituten für Informatik und Softwaresystemen. Ist das Studium deshalb stark anwendungsorientiert?

Der Saarland Informatics Campus an der Universität des Saarlandes bietet eine einzigartige Konzentration wissenschaftlicher Exzellenz. Neben den drei kooperierenden Fachbereichen „Informatik“, „Mathematik“ und „Sprachwissenschaft und Sprachtechnologie“ der Universität des Saarlandes sind hier weltweit renommierte Partnerinstitute wie das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, die Max-Planck-Institute für Informatik und Softwaresysteme, das Zentrum für Bioinformatik und der Cluster für „Multimodal Computing and Interaction“ angesiedelt.

Der Studiengang zeichnet sich unter anderem durch seine Anwendungsorientierung aus. Im Anwendungsfach im zweiten Semester belegen Studierende von DSAI Veranstaltungen anderer Fächer, beispielsweise aus der Psychologie, Medizin, Jura oder Chemie, und arbeiten dort an Problemen aus der Praxis. Im vierten Semester folgt dann das Projektseminar, in dem die Studierenden anhand der bereits erworbenen theoretischen Kenntnisse über Data Science, Künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen selbstständig in Gruppen praktische Problemstellungen lösen sollen. Unterstützt werden sie dabei von Betreuern. Da der Studiengang im WS 2019/2020 erstmalig begonnen hat, steht dieser Teil des Studiums noch aus. Er beginnt im SS 2021.

Zum Studiengang gehören auch Sprachwissenschaft, Sprachtechnologie oder Bioinformatik. Soll die Künstliche Intelligenz damit stärker Teil der Lebenswelt werden?

Die Forschungsfelder Bioinformatik und Sprachwissenschaft und Sprachtechnologie sind klassische Anwendungsfälle für die Verfahren der Künstlichen Intelligenz wie etwa das Maschinelle Lernen. Sie bieten den Studierenden damit eine hervorragende Möglichkeit, ihre im Studium erworbenen Kenntnisse an praxisnahen Anwendungsfällen zu erproben.

„Bilderkennungs-Algorithmen können mit höherer Treffsicherheit als menschliche Experten Tumore auf MRT-Bildern erkennen.“

KI ist bereits seit langem Teil unserer Lebenswelt, siehe automatische Sprachübersetzung durch Google oder DeepL, Alexa, oder auch die automatische Erkennung von Betrug.

So können Bilderkennungs-Algorithmen beispielsweise mit höherer Treffsicherheit als menschliche Experten Tumore auf MRT-Bildern erkennen. Dabei ist jedoch dringend festzuhalten: Die KI würde nie die abschließende Entscheidung treffen, ob ein Patient Krebs hat oder nicht. Letzte Instanz ist immer noch ein Arzt. Die KI ist bloß ein Werkzeug, um die Arbeit immer höher belasteter Ärzte zu unterstützen.

Auch in der Sprachtechnologie ist Maschinelles Lernen ein verbreitetes Werkzeug. So basieren viele der heutigen Übersetzungsprogramme auf dem Verfahren maschinellen Lernens (ML). Beim Übersetzen versteht der ML-Algorithmus jedoch nicht das Geschriebene und interpretiert es gar, sondern ermittelt rein anhand statistischer Wahrscheinlichkeiten die naheliegendste Übersetzung. Das Internet bietet eine endlose Anzahl an Übersetzungsbeispielen, anhand derer solche ML-Algorithmen trainiert werden können.

Die Automatisierung von Autos ist bisher auch an ethischen und rechtlichen (Versicherung) Fragen gescheitert; sind auch Ethik und Recht Themen bei Ihnen?

Ja, ethische Fragen werden auch im Studium behandelt. Erst Ende 2019 wurde die Veranstaltung „Ethics for Nerds“, die in Zusammenarbeit mit der Fachrichtung Philosophie der Universität des Saarlandes geplant und durchgeführt wurde, mit der „Hochschulperle des Jahres“ des deutschen Stifterverbandes ausgezeichnet. Der Preis soll innovative Konzepte an Hochschulen sichtbarer machen. Zudem verfügt die Universität des Saarlandes über ein Institut für Rechtsinformatik, sodass Studierende sich auch mit rechtlichen Aspekten ihres Faches befassen.

In einer Pressemeldung haben Sie die Arbeit an künstlichen neuronalen Netzen abgebildet. Ist der Hintergrund hierfür das langfristige Projekt des Zusammenwachsens von Mensch und Maschine?

Künstliche Neuronale Netze sind Algorithmen des Maschinellen Lernens und damit Bestandteil des Werkzeugkastens (angehender) Informatiker, weshalb sie im Studium gelehrt werden und im Logo der Illustration des Studiengangs DSAI abgebildet sind.

Die Algorithmen werden von Menschen am Computer geschrieben und durch Computer ausgeführt. Ein langfristiges Projekt des Zusammenwachsens von Mensch und Maschine ist uns nicht bekannt.

Wie ist Ihre Prognose zum „maschinellen Lernen“ – wird Künstliche Intelligenz einmal völlig eigenständig agieren?

Diese Frage ist innerhalb der KI umstritten. Es gibt ganz unterschiedliche Meinungen dazu. Die Digitalisierung der Gesellschaft zeichnet sich seit jeher durch Meilensteine aus. Von der Erfindung des Telefons über die des Computers bis hin zu Internet und Smartphone. Künstliche Intelligenz ist ein weiteres Schlaglicht in dieser Reihe. Schon heute arbeiten an vielen Stellen des alltäglichen Lebens Algorithmen der Künstlichen Intelligenz – in Übersetzungssoftware, in der Medizin oder in Bereichen wie Musik- oder Serienempfehlungen im Internet. Langfristig wird sich dieser Trend fortsetzen und Künstliche Intelligenz den Menschen in seinem Alltag unterstützen und viele Tätigkeiten erleichtern. Eine Prognose, wie weit das führt, ist sehr schwierig.

Friederike Meyer zu Tittingdorf ist Pressesprecherin der Universität des Saarlandes in Saarbrücken.

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