Würzburg

Kein Wir?

Zu Beginn des Corona-Lockdowns konnte man noch den Sinn für das Gemeinwohl spüren. Davon scheint nicht mehr viel übriggeblieben zu sein. Ein Plädoyer für den Mensch hinter der Maske.

Ich oder Wir?
Geht mit der zunehmenden Säkularisierung unserer Gesellschaft der Blick auf den Nächsten immer mehr verloren? Die Diskussion um das Maskentragen macht macht nachdenklich. Wo am Anfang noch eine erstaunliche Solidarität stand, scheint jetzt die Fokussierung auf das eigene Wohl zur... Foto: Adobe Stock

Hätte uns jemand vor einem halben Jahr gesagt, dass demnächst Mund-Nasen-Masken das Bild unserer Innenstädte prägen werden, hätten wir allenfalls ein müdes Lächeln übriggehabt. Ein ähnliches Lächeln, wie es uns früher gelegentlich über die Lippen glitt, wenn wir Touristen aus Asien in unseren Städten sahen, zu deren Grundausstattung ein solcher Schutz zu gehören schien. Heute tragen wir selbst solche Masken. Sie bedecken einen Teil unseres Gesichts. Mit dieser "Vermummung" verschleiern wir nicht unsere Identität, weil wir anderen Schaden zufügen wollen. Wir nehmen die Maskenpflicht auf uns, damit wir andere Menschen vor dem Corona-Virus schützen. Natürlich muss man sich an diese Masken gewöhnen. Es ist nicht angenehm, sie zu tragen. Die Brille verrutscht, sie beschlägt schnell, man muss an den Augen des Gegenübers erkennen, ob es ein Lächeln oder ein böser Blick ist, der einem begegnet. Aber es tut nicht weh, sie zu tragen. Auch hinter der Maske bleiben wir Mensch.

Die Diskussion um die Masken und weitere Corona-Schutzmaßnahmen offenbart derzeit einen tiefen Blick in die Verfasstheit unserer Gesellschaft und auf das, was Eigensinn und Gemeinwohlorientierung unterscheidet. So entbrennt am Beispiel der Masken ein Streit über die Bedeutung von Freiheit und Verantwortung. Dabei geht es schon lange nicht mehr um den sogenannten "R"-Wert, der die Berechnungsgröße beschreibt, wie viele andere Menschen ein Corona-Infizierter ansteckt. Es geht um ganz andere Werte, die zu Beginn der Pandemie hervorzutreten schienen und jetzt offenbar zunehmend wieder dem Untergang geweiht sind. Von Gemeinsinn war damals die Rede, von gegenseitiger Verantwortung, vom Schutz der Schwächeren, der Alten, derer, die mit einem gesundheitlichen Risiko vorbelastet sind.

"Die dem Menschen gegebene
Personenwürdeist immer eingebettet in die
Verantwortung, die er für sich selbst und seinen Nächsten hat"

Ich hatte - wie viele andere - damals das Gefühl: Diese Gesellschaft hat doch noch etwas Verbindendes, etwas, das die Christliche Soziallehre die Orientierung am Gemeinwohl nennt. Etwas, bei dem der Einzelne sich zum Wohle des großen Ganzen, der Gemeinschaft zurücknimmt. Die dem Menschen gegebene Personenwürde ist nämlich immer eingebettet in die Verantwortung, die er für sich selbst und seinen Nächsten hat. Trotz seiner Einzigartigkeit ist der Mensch nämlich kein Wesen, das lediglich auf sich selbst bezogen ist. Das hat bereits der Philosoph Aristoteles erkannt, der den Menschen ein soziales Wesen, den "Zoon politikon" nannte. Diese auf die Gemeinschaft bezogene Individualität unterscheidet das christliche Menschenbild vom Kollektivismus. 

Das "Ich" steht wieder vor dem "Wir"

Doch irgendwie hat sich in den Wochen des Lockdowns dieser Gemeinsinn bei vielen Menschen in ein "Me first" verkehrt. Das "Ich" steht wieder vor dem "Wir". Statt der Einsicht, dass das Tragen einer Maske und das Einhalten von Abständen, der Verzicht auf die Durchführung von größeren Veranstaltungen oder die fehlende Möglichkeit der Teilnahme an Gottesdiensten dem Schutz anderer dient, gab es auf einmal den großen Aufschrei nach Freiheit. Nach der unbegrenzten, der höchstpersönlichen. Aus unterschiedlichsten politischen Ecken wurden auf einmal Debattenbeiträge laut, dass nicht das Virus die Wurzel des Übels sei, sondern der Staat, der den Menschen seinen "diktatorischen Willen" aufzwingen wolle. Man bemühte die krudesten Verschwörungstheorien, um ein Verhalten zu rechtfertigen, das ich mich "egoistisch" zu nennen traue. Ein Verhalten, das keine Abstandsregeln kennt, keine Maskenpflicht akzeptiert und die Rudelbildung dem stillen Kämmerlein vorzieht.

Und auf einmal musste ich es erleben, dass dort, wo vor zwei Wochen in der Schlange vor der Eisdiele noch alle brav ihre Maske trugen, ich plötzlich der einzige "Depp" war, der sich an diese Regel zu halten schien. Als ich jemanden, der mir, zudem etikettenfrei hustend, zu arg auf die Pelle rückte, darauf ansprach, reagierte der mit den Argumenten, die man in der jüngsten Zeit immer wieder präsentiert erhält: "Das Virus gibt es doch gar nicht. Das ist doch allenfalls so etwas wie eine Männergrippe. Die Merkel steckt dahinter, weil sie eine weltweite Währungsreform großen Ausmaßes plant. Und Bill Gates, der die Menschheit durch Zwangsimpfungen dezimieren will." Eine Argumentationskette, die sich noch beliebig fortsetzen ließe. Dabei hat eine aktuelle Studie zur Benutzung einfacher Mund-Nasen-Masken gerade belegt, dass diese den Luftstrom beim Sprechen hemmen und dadurch die Übertragung infektiöser Partikel dämmen. Untersucht haben die Forscher das im Vergleich der Stadt Jena, die als erste einen Maskenzwang einführte, mit anderen Kommunen.

"Das Tragen einer Maske ist solidarisch. (...)
Dennoch wird man, wenn man die Maskenpflicht öffentlich
verteidigt, von den Maskengegnern als Spießer gegeißelt"

Anstatt sich des Glückes bewusst zu sein, dass es uns in Deutschland nicht so hart getroffen hat wie viele andere Länder, auch weil wir schnell und besonnen agiert haben, verdrängen viele unserer Mitbürger die Bedrohung. Wir verabschieden uns, sekundiert von einigen übereifrigen Ministerpräsidenten, von der Realität des Virus, von der immer noch virulenten Bedrohung.

Das gemeinsame Handeln und die Bereitschaft der Menschen, die Maßnahmen mitzutragen, waren im Sinne der Christlichen Soziallehre solidarisch. Davon spricht man dann, wenn man bei dem, was man tut, die Bedürfnisse der Schwächeren in den Blick nimmt. Und das sind in Zeiten von Corona nun einmal die sogenannten Risikopatienten, vorwiegend ältere Menschen oder solche mit Vorerkrankungen am Herzen oder an der Lunge. Solidarität beschreibt, auch nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahre 1954, die Verpflichtung des Einzelnen gegenüber seinem einzelnen Gegenüber, aber auch gegenüber der Gemeinschaft und umgekehrt. Das Tragen einer Maske ist solidarisch. Es dient nicht vorrangig dem Schutz der eigenen Person, sondern vielmehr dem Schutz der Menschen, mit denen ich in Kontakt komme. Dennoch wird man, wenn man die Maskenpflicht öffentlich verteidigt, von den Maskengegnern als Spießer gegeißelt, als jemand, der anderen ihren Spaß, ihre Freiheit nicht gönnt. 

Den Blick für die Gefahren des Virus verloren

Mit zunehmender Dauer der Corona-Pandemie scheint sich der Graben zwischen den aufrichtig Besorgten und den fröhlich Unbesorgten zu vertiefen. Generationenkonflikte werden deutlich. Man liest Sätze wie: "Warum sollen wir Jungen die Alten schützen, die sterben doch eh bald". Irgendwie habe ich das Gefühl, dass der Blick für den Nächsten mit der zunehmenden Säkularisierung unserer Gesellschaft immer mehr verloren geht, dass wir in der Fokussierung auf unser eigenes Wohl blind werden für das, was um uns herum passiert. Dabei zeigt sich diese Gesellschaft ja durchaus immer wieder solidarisch. Das konnte man jüngst bei den Demonstrationen gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA sehen, die in Deutschland Zehntausende auf die Straßen gebracht haben. Selbstverständlich ist es angezeigt, dagegen die Stimme zu erheben, gegen Unmenschlichkeit zu demonstrieren, mit dem Opfer und den vielen anderen von Rassismus betroffenen Menschen solidarisch zu sein. Es verstört allerdings, dass die Solidarität mit dem Gegenüber, dem Nachbarn, den eigenen risikobehafteten Verwandten dabei auf der Strecke bleibt. Menschenmassen trotz gebotener Einschränkung von Großveranstaltungen, gedrängte Nähe trotz Abstandsgebot und lautes maskenfreies Singen und Skandieren zeigen, dass man dort, vorsätzlich oder einfach nur achtlos, den Blick für die Gefahren des Virus verloren hat. 

Ich werde weiter eine Maske tragen, um andere zu schützen. Wenn es sein muss, bis zur Entwicklung eines Impfstoffes, der dann den Schutz der Menschen übernimmt. Sobald wir den haben, wird die nächste Debatte hochkochen: die bekannte Diskussion rund um das Thema Impfen. 

Kurz gefasst

Die Diskussion um die Masken und weitere Corona-Schutzmaßnahmen offenbart einen tiefen Blick in die Verfasstheit unserer Gesellschaft und auf das, was Eigensinn und Gemeinwohlorientierung unterscheidet. Am Anfang des Lockdowns konnte man noch denken, dass diese Gesellschaft etwas Verbindendes besitzt, etwas, das die Christliche Soziallehre die Orientierung am Gemeinwohl nennt.  Dieser Gemeinsinn hat sich bei vielen Menschen inzwischen in ein "Me first" verkehrt. Von gegenseitiger Verantwortung, vom Schutz der Schwächeren, der Alten, derer, die mit einem gesundheitlichen Risiko vorbelastet sind, ist kaum noch die Rede.

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