Geschlechtergleichberechtigung

„Frausein“ ist keine Schlüsselqualifikation

Jung, weiblich und links ist der strategisch nützliche und gleichzeitig moderne Gegenpol zu männlich, weiß und konservativ. Reicht das?

Geschäftsfrauen
Mit nachweisbarer Ausbildung, entsprechender charakterlicher Voraussetzung und dem passenden Willen, können Männer und Frauen heute beinahe jede berufliche Position durch eigene Leistung erreichen. Das jeweilige Geschlecht darf da weder zu Bevorzugung noch zu Benachteiligung führ... Foto: LOUIS CHRISTIAN imago-images

Was braucht es, um ein Land zu regieren? Glaubt man der Berichterstattung dieser Tage, dann ist Weiblichkeit die neue Kernkompetenz. Entsprechend wird die grüne Spitzenkandidatin mit Kanzlerinnenambitionen, Annalena Baerbock, gerade mit einer Sänfte durch die deutsche Medienlandschaft getragen. Der Standortvorteil Frau schlug auch parteiintern bei den Grünen selbst gegen den Medienliebling Robert Habeck, der nun auf männlicher Seite den Kürzeren zog, obwohl er auch seit langer Zeit mit Wuschelkopffrisur und als Instagram-Posterboy mit Ponybildern wie aus dem „Wendy“-Mädchenheft geschnitten, durchaus vorwies, was heute ankommt: Das richtige, weiblich-sanfte Image als Mann.

„Vagina-Voting“-Argumentation

Ein Kampf, den übrigens einst auch Barack Obama und Hillary Clinton im Rennen um die Spitzenkandidatur in ihrer Partei austrugen. Hillary versuchte damals strategisch eine „Vagina-Voting“-Kampagne, verzeihen Sie den Fach-Ausdruck. Ein Wahlkampf der Frauen dazu bewegen sollte, für eine andere Frau zu stimmen, damit das erste Mal eine Frau Präsidentin der USA wird. Die Vorwahlen kürten damals lieber den schwarzen Obama als ersten Schwarzen im Amt, der Mythos der Frauensolidarität erlag dem Obama-Charme. Man könnte sagen, er kam fast weiblicher rüber als Hillary, die bemüht war, möglichst männlich-kompetent zu wirken.

Merkel zeigt: Geschlecht sollte egal sein

Nun könnte man einwenden, Frau haben wir in Deutschland doch bereits seit 16 Jahren, reicht das denn nicht? Tatsächlich fiel die vielzitierte „Mutti“ der Nation auf dem politischen Parkett aber nur einmal wirklich als Frau auf. Nämlich als sie im Jahr 2008 an der Seite ihres selten gesichteten Gatten Joachim Sauer mit auffallend ausfallendem Dekolleté in der Oper von Oslo auftauchte und die Weltpresse samt Öffentlichkeit sich fast verschluckte. Worte wie „weiblich“ und „üppig“ dominierten die Schlagzeilen. Der Fehler sollte der deutschen Kanzlerin nicht noch einmal passieren, seither wird hochgeschlossen und Hose mit Jackett getragen. Sie wollte nicht als Frau, sondern als Kanzlerin, als Politikerin wahrgenommen werden. Man könnte sagen, Angela Merkel hat mit ihrer spröden, unprätentiösen Art und dem völligen Verzicht auf weibliche Inszenierung bereits erreicht, was der Feminismus doch als Ziel vorgibt: Dass das Geschlecht doch bitte egal sein soll.

 

Man ahnt es schon, das wäre zu einfach. Jung, weiblich und links ist der strategisch nützliche und gleichzeitig moderne Gegenpol zu männlich, weiß und konservativ. Übersetzt auf die Kanzlerkandidaten der Parteien ist also CDU-Mann Armin Laschet der „alte weiße Mann“, ein Relikt aus patriarchalen Zeiten und Annalena Baerbock das junge, weibliche Gesicht der Vielfalt. Sie verkörpert zielsicher das Gegenstück zu Politik in Anzug und Krawatte. Der Style kommt an. Darf er auch. Gleichzeitig merkt man, dass die fachliche Substanz nicht so schnell aufzurüsten ist, wie ein telegener Kleidungsstil.

„Gleichberechtigung sei dann eben erreicht,
wenn genauso viele unfähige Frauen
wie Männer ganz oben ankommen“

Und so verwechselt sie den Kobold mit dem Kobalt und erst letzte Woche machte sie im Bundestag bei einer Rede den verstorbenen CDU-Bundeskanzler Ludwig Erhard als Begründer der Sozialen Marktwirtschaft zu einem geschätzten Sozialdemokraten. Wir lernen: Frau sollte nicht nur in Stylisten, sondern auch in Redenschreiber gut investieren. Wir lernen auch: Für Frauen gelten andere Maßstäbe. Jedes Mal, wenn man anmerkt, mit Quotenpolitik kämen nicht die Qualifiziertesten, sondern vor allem jene mit den passenden Geschlechtsorganen voran, bekommt man als Antwort nicht selten zurück, es gäbe schließlich auch viele unfähige Männer in Spitzenpositionen. Gleichberechtigung sei dann eben erreicht, wenn genauso viele unfähige Frauen wie Männer ganz oben ankommen. Ich bin nicht sicher, ob wir diesem feministischen „Ideal“ unbedingt nacheifern sollten.

Und ein bisschen macht mir doch Angst, dass wir im Herbst Ungarn oder Frankreich über Nacht den Krieg erklären könnten, nur weil Orban und Macron ihre Glückwunsch-Telegramme zur ersten grünen Kanzlerschaft nicht richtig gendern.