Würzburg

Die Antwort

Die Welt ist ungerecht, das Gute launig: Über die vermeintliche Suche nach dem irdischen Glück.

Die Liturgie ist die Antwort
Der Mensch feiert auf der Suche nach Glück heute nur noch öde sich selbst, meint Beile Ratut. Den Ausweg aus dieser innerweltlichen Selbstspirale sieht sie in der Ausrichtung auf Gott, vor allem in der Liturgie. Foto: dpa

Es gibt keinen Grund, von der Welt Gerechtigkeit zu erwarten, denn sie ist nicht gerecht. Manchen Menschen widerfährt Gerechtigkeit, den meisten jedoch nicht. Es gibt in Wahrheit auch keinen Grund, die Welt für gut zu halten, denn das Gute ist launig, das Unheil aber allerorts. Das Unheil ist nicht nur ein Verbrechen, das sich weit entfernt in einem finsteren Winkel zuträgt, die Krankheit, die nur den Nachbarn dahinrafft, oder die Seilschaften, mit denen sich ein Ehrgeiziger an den Talentierteren vorbei in den Ruhm hangelt, das Unheil ist in das Getriebe dieser Welt hineingepresst, es ist ein alles umfassendes System, eine Engführung zum eigenen Glück, eine Direktive zur Vorteilsnahme und der Entschluss des Menschen, sich selbst zu retten, um jeden Preis. Ein Ziel des Lebens wird nirgendwo mehr gebildet, jeder solle für sich selbst herausfinden, was das je sei. So streben die Menschen nach persönlichem Glück und dem Gelingen ihrer Pläne. Damit ist nun auch die Machtfrage gestellt – wer hat die größte?

„Alle aber, die in der Welt ihr Glück suchen
und von der Welt nehmen, was nur geht, unterwerfen
sich damit auch den Gesetzen dieser Welt“

Weil der Mensch die Welt nicht überblicken kann und ihre Verdorbenheit nicht sieht und vor allem nicht sehen will und das Verdorbene höchstens auf revidierbare Fehler hin erforscht, wie einen Pickel, den man ausdrücken kann, weigert er sich, die Welt zu verwerfen, erscheint sie ihm doch „alternativlos“. Die Welt ganz zu verwerfen, das sei nur etwas für die Pessimisten und Schwarzseher. Weil er sie also nicht verwerfen will, muss der Mensch nun sein Glück in ihr suchen. Nur sehr wenige Menschen haben wirklich Glück, sind glücklich. Alle aber, die in der Welt ihr Glück suchen und von der Welt nehmen, was nur geht, unterwerfen sich damit auch den Gesetzen dieser Welt, beuten sie aus, buckeln und liebäugeln, um Karriere zu machen, hofieren, um an Vorteile zu gelangen, steigen nach, wo sie Honigtöpfe wähnen, gehen faule Kompromisse ein, weichen von der Wahrheit ab, glauben der Geschichtsschreibung, der Legendenbildung, den Experten und Ergebnissen des Ringens um Mehrheiten und Macht. Wer das macht, schaut nicht mehr hin, hört nicht mehr hin, sondern sieht nur, wie die Welt zu sehen lehrt, und hört, wie die Welt zu hören lehrt. Da die soziale Welt aber krank ist, bedeutet das, nicht mehr richtig zu sehen und nicht mehr richtig zu hören.

Die Antworten der Welt sind – wie könnte es anders sein? – innerweltlich, und auch eine Kirche, die sich als Teil dieser Welt sehen will, hat sogar dort, wo sie vordergründig von ewigen Wahrheiten spricht, nur noch innerweltliche Antworten zu bieten. Weitestgehend bleibt das Unheil somit undercover, doch die Massen spüren es, empfinden Unbehagen. Regelmäßig meint man dann, einen Antichrist verortet zu haben, mal in der einen Bande, mal in der anderen. Die Abwehr des Unheils richtet sich auf das Einzelne; da spritzt man dann ein paar Tropfen auf den heißen Stein des Unheils in der Welt und kokettiert höchstens abstrakt noch mit christlichen Werten als arbiträre Erweiterung der Wege zum persönlichen Glück – die Existenz Gottes und Sein Handeln erklärt man längst schon aus den Bedürfnissen des Menschen.

Der moderne Mensch labt sich an seiner neuen Stellung im Kosmos, er will sie sich als sein Ur-Eigentum und Menschenrecht nicht mehr nehmen lassen, selbst dann nicht, wenn die täglichen Notwendigkeiten seine Wahrnehmung einpferchen auf materielle Fragen, wenn die Engführung des Lebens ihn niederdrückt und er erkennt, dass die Welt keine Antworten hat. Denn die Welt hält ihm auf allen Kanälen ein Bild persönlichen Glücks entgegen – und der Mensch meint, er sähe sich, und schaut doch nur weiterhin in den Spiegel seiner eigenen inneren Armut und Leere.

Der neue Mensch feiert nur noch öde sich selbst

Die alternative Welt Gottes, sein Königtum, wurde einst mit hohem Mut abgeschafft. Der neue Mensch feiert heute nur noch öde sich selbst, der Gottesdienst ist auf ihn hin angepasst, Gott, Gottesdienst und die gesellschaftliche Ordnung sollen nur bloß nicht seine „Freiheit“ behindern, sein individuelles „Menschenrecht“, und er – ganz ohne Gott – sich selber würdigen. Diese Verkrümmung in sich selbst wird weder durch Wissenschaften noch die Fülle tausender Einzelheiten besser oder heilsamer. Niemand wird erlöst oder erlöst sich selbst; dabei hat das Elend in der Welt nicht abgenommen, sondern kulminiert im Drängeln des vereinzelten Menschen um einen Platz im Schlaraffenland. Drückt einmal der Schuh, führt ein Psychotherapeut, der neue Münchhausen, wieder nur hin zu einem Selbst, das affirmiert gehört, schon den Kindern bringt man bei, dass mit ihnen alles in Ordnung sei, selbst wenn das nicht so ist; damit ist Sünde abgeschafft, und wenn überhaupt, zur schätzenswerten individuellen Besonderheit geworden; der Mensch wird als im Prinzip gut angesehen, auch wenn es kein Prinzip des Guten mehr gibt und dies mit dem Streben nach Selbstermächtigung zusammenfließt.

„... in einer Welt ohne Gott gibt es kein anderes
ordnendes Prinzip, das alle würdigen könnte, als das Einplanieren
der Unterschiede der Menschen und deren Vermassung“

Jeder soll nun nach eigener Façon glücklich werden. Fragt man aber den Therapeuten, den Pfarrer, den Guru, worin wirkliches Glück denn bestehe, so hat der keine Antwort. „Der Weg ist das Ziel“ der Spiegelungen, heißt es hier, „Carpe diem!“ sinnlos dort, wieder andere rufen: „Dein Seelenkern ist göttlich!“ oder „Ziel des Lebens ist die Erhaltung deiner selbst“ oder „Ich ist alles“, und alle sind sich einig: „Das musst du ganz allein für dich selbst herausfinden!“ So entbrennt ein Wettkampf der Verdrängung der anderen und des anderen um Erfüllung und Erfolg. Da kein Oben und Unten mehr auf diesem Weg anerkannt wird, keine Bindung an Tradition, und diese nur noch als etwas Totes angesehen wird, ist der Mensch wie eine hungrige Ziege, die man von der Herde getrennt hat – von Raubtieren eingekreist. Vom Dröhnen medialer Bilder umgeben wird dieses menschliche Tier nun mal in die eine, mal in die andere Richtung gelockt, wo immer money, sex and crime und die drei B von Bestätigung, Befriedigung und Betäubung gerade erscheinen; längst sind mediale Darstellungen dabei nicht mehr von der guten alten bürgerlichen Vernunft bestimmt, wohl zehren sie aber noch von Zeiten, als sie es manchmal vielleicht noch waren. Dabei ist die Frage, welche Idee einen am meisten lockt, längst zu einer Frage der Macht des Geldes verkommen, das in die medialen Bilderwelten geblasen wird.

Die Betonung der gleichen Rechte aller Menschen führt dazu, die Verschiedenheit der Menschen aufzuheben, denn in einer Welt ohne Gott gibt es kein anderes ordnendes Prinzip, das alle würdigen könnte, als das Einplanieren der Unterschiede der Menschen und deren Vermassung auf ein leicht kontrollierbares, auswertbares, computergesteuertes Mittelmaß an Verhalten, Geschmack, Ausdruck und Absicht. Vergessen ist: nur im Tod sind alle gleich. Diese Welt zerstört sich selbst, wird fad und öde.

In der Liturgie überwinden wir das Unheil in Gott

Ein Christ aber hat keine Ausrede mehr, zu dieser Welt zu gehören; da er sein Ziel nicht in sich selber hat, hat er keinen Grund mehr, sich etwas vorzumachen. Dann sieht er unter bitteren Tränen die eigene Verdorbenheit und mit flammendem Entsetzen die Verdorbenheit der Welt. Dann schaut er wieder hin und hört wieder hin, er lernt zu sehen, wie die Kirche zu sehen lehrt, und hört, wie die Kirche zu hören lehrt. Da die Kirche die Tür zum Reich Gottes in Christus öffnet, bedeutet das, in ihr, dem lebendigen Leib Christi, richtig zu sehen und richtig zu hören.

Die Antworten der Kirche sind – wie könnte es anders sein? – nicht die Antworten dieser Welt. Gott sei Dank! Ziel ist es, Gott zu lieben, Ihn zu schauen, daher kann der Mensch nicht anders, als diese Welt zu verwerfen und in die andere Welt Gottes einzutreten. So unterstellt er sich der Tradition der Kirche, die ihn in ihren anfangs sperrigen Ordnungen in die Verehrung Gottes hineinführt, weg von sich selbst. Die Göttliche Liturgie ist die Antwort. In diesen Stunden überwinden wir inneres und äußeres Unheil in Gott, im Sprechen und Beten, Singen und Riechen und Schmecken der großen Einheit außerhalb und über unserer Welt. In Gebet und Liturgie befreien wir uns mit jedem einzelnen Gebet von uns selbst, von einer Welt, die so ist, wie sie ist, von dem Bösen in ihr und uns. Denn in der Welt haben wir nur Angst, aber in Gott ist die Angst überwunden.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.