Wien

„Das Wichtigste ist der Herzzugang“

Weder YouTube noch Covid-19 lassen Johannes Mertl, den Leiter des Kinderchors der Wiener Staatsoper, verzweifeln: Auftritte gibt es genügend und auch Kinder, die jährlich um einen Platz im Chor vorsingen.

Chöre singen bei einer Matinee der Wiener Staatsoper.
Die Chöre singen bei einer Matinee der Wiener Staatsoper. Begleitet werden sie von einem Teil des Bühnenorchesters. Foto: Wiener Staatsoper GmbH/M. Pöhn
Johannes Mertl, Leiter der Kinder- und Jugendchöre der Wiener Staatsoper
Johannes Mertl (rechts), Leiter der Kinder- und Jugendchöre der Wiener Staatsoper, war davor zwei Jahre Kapellmeister de... Foto: Wr. Staatsoper GmbH/M. Pöhn

Herr Mertl, wie begeistern Sie Kinder und Jugendliche im Zeitalter von Popmusik und YouTube für klassische Musik?

In der Opernschule der Wiener Staatsoper haben wir keine Nachwuchsprobleme. Da erscheinen beim jährlichen Vorsingen um die 70 Kinder für zwölf freie Plätze. Das Gute an der Staatsoper ist, dass uns nie langweilig wird, weil wir so viele Auftritte haben. Pop-Nummern bauen wir immer wieder ein.

Aus welchen familiären Hintergründen kommen die Kinder?

Die meisten bringen schon eine musikalische Vorbildung mit. Es gibt einige Kinder von Wiener Philharmonikern. Natürlich sind viele aus Akademikerhaushalten, aber wir haben auch welche aus eher bildungsfernen Schichten. Neuerdings kommen zwei aus syrisch-christlichen Flüchtlingsfamilien. Das eine Kind hat den Weg in den Chor über die Kalasantiner gefunden, bei denen die Familie untergekommen ist. Die andere ist eine Quereinsteigerin im Jugendchor.

Wird Kinderchormusik heute anders vermittelt als noch vor 20, 30 Jahren? Wie hat sich die Musikpädagogik gewandelt?

Mein erster Chorlehrer war Hans Bachl. Der war ein „Lokalheld“ der oberösterreichischen Chorszene damals und hat sehr liebevoll mit Kindern gearbeitet. Später am diözesanen Musikgymnasium in Linz war mein Lehrer Pater Balduin Sulzer, ein Zisterzienser. Der hat eine ganze Generation von Musikern geprägt, etwa Franz Welser-Möst. Wenn man Musiker zwischen 45 und 60 Jahren in Wien auf Balduin Sulzer anspricht, dann sind die alle durch seine Hände gegangen. Der war etwas unsanft in seiner Umgangsform, aber man hat genau gespürt, dass er einen schätzt und nach vorne treiben will.

„Das, was man in der Pädagogik am meisten braucht, ist ein herzlicher Zugang, dieser Herz-Zugang.“

Wir haben gewusst: „Der hat uns gern und von dem kann man alles haben.“ Das, was man in der Pädagogik am meisten braucht, ist ein herzlicher Zugang, dieser Herz-Zugang. Trotzdem – so wie Sulzer es damals gemacht hat, darf man es heute nicht mehr machen. Zum Glück ist Chorarbeit mit Kindern heute im Musikstudium verankert. Es geht um den Respekt den Kindern gegenüber und darum, wie man die Klangvorstellung, die man hat, mit Hilfe verschiedenster Methoden und Positionsänderungen bei den Kindern erreichen kann. Heute geht man mit den Kinderstimmen viel rücksichtsvoller, kindgerechter und professioneller um. Ich erinnere mich, dass wir damals im Chor mitten im Stimmwechsel die zweite Tenorstimme in Beethovens Missa Solemnis und Bruckners e-Moll Messe sangen. Das ist nicht gut für die Stimme. Das macht man heute nicht mehr.

Was macht man denn heute anders?

Letztendlich geht es darum, die Kinder nicht für das eigene Fortkommen zu benutzen. In diese Falle tappt man schnell. Man möchte sich profilieren, indem man versucht, noch mehr aus den Kindern herauszuholen. Kinderschutz an sich ist ein Thema. Da sind die Standards jetzt einfach klar gegeben. Jede größere Einrichtung braucht ein Kinderschutzteam, das darauf achtet, dass die Kinder nicht überfordert werden und Ausbeutungsszenarien vermieden werden. Es gibt zum Beispiel Inszenierungen, die bedenklich für Kinder sind oder auch Regisseure, bei denen man aufpassen muss, dass sie die Kinder nicht zu hart anpacken oder den zeitlichen Rahmen einhalten. Es ist gut, dass es jetzt ein gewisses Niveau im Kinderschutz gibt und es nicht abhängig ist vom guten Willen einzelner Personen. Es besteht immer die Gefahr, dass ich aus Erfolgsdruck über die Grenzen der Kinder gehe.

Was ist das Repertoire der Kinder- und Jugendchöre der Staatsoper?

Es gibt Opern, die immer wieder gespielt werden und in denen die Chöre auf der Bühne oder hinter einem Vorhang, sodass man nur den Gesang hört, zum Einsatz kommen. Das sind Carmen, La Boheme, Der Rosenkavalier, Tosca und Werther. Dann gibt es Kinderopern wie Patchwork oder Das Städtchen Drumherum, wo die Kinder die Darsteller sind. Also wo Kinder für Kinder spielen.

Außerhalb der Staatsoper singen die Kinder und Jugendlichen regelmäßig im Wiener Konzerthaus zusammen mit den Wiener Symphonikern und Philharmonikern. Auf dem Programm stehen Leonard Bernsteins „Mass“, Carmina Burana mit dem Dirigenten Andrés Orozco-Estrada und Benjamin Brittens „War Requiem“. Mit dem Jugendchor ist ein Konzert im Stephansdom geplant.

Wird auch geistliche Chorliteratur gesungen?

Wir üben jetzt wieder die h-Moll Messe von Bach, das „Stabat Mater“ und „A Ceremony of Carols“ („Ein Kranz von Lobechören“) von Britten. Wenn ich Chorliteratur mache, fällt es meistens in die geistliche. Das kommt aus dem musikalischen, aber natürlich auch aus dem persönlichen Interesse heraus. Ich denke, es tut mir gut und auch den Kindern.

Ist das ein Problem für die muslimischen Chorkinder?

„Die muslimischen Kinder machen mit Begeisterung mit.“

Nein. Ich erkläre ihnen die Texte dann ganz objektiv und auch, was Christen glauben. Die muslimischen Kinder machen mit Begeisterung mit. Auch für deren Eltern war es noch nie ein Problem.

Was hat sich im Chor aufgrund des Corona-Virus geändert?

Wir singen mit Abstand und Gesichtsvisier und in kleinen Gruppen vor Ort. Der Chor wird monatlich getestet, das Team und die Kinder, die an Produktionen beteiligt sind, wöchentlich. Im Herbst waren nur 20 Kinder bei der Aufnahmeprüfung, also ein schwaches Drittel von dem, was wir normalerweise haben. Ich denke, dass lässt sich zurückführen auf Angst und auch auf die Beschäftigung mit anderen Themen. Die Freiheit der Gedanken ist bei den Eltern nicht mehr da. Ich finde das Churchill-Zitat großartig, als er auf die Sparmaßnahmen während des Krieges angesprochen wurde. Er wurde aufgefordert, im Kulturbereich Einsparungen vorzunehmen und gab als Antwort: „Leute, für was kämpfen wir eigentlich? Ist nicht die Kultur das, wofür wir kämpfen? Und das wollen wir streichen?“

Gibt es Einsparungen, die den Chor oder die Staatsoper betreffen?

Die Einrichtungen der Staatsoper werden staatlich sehr gefördert, da haben es andere musikalische Einrichtungen wie kleine Chöre und Theater nicht so gut. Aber generell geht's den Kultureinrichtungen in Österreich besser als in Deutschland. Der Kinderchor der deutschen Staatsoper hat zum Beispiel im April erst wieder die nächste Vorstellung. Kunst hat in Österreich sicher einen höheren Stellenwert als in Deutschland.

Weder YouTube noch Covid-19 lassen Johannes Mertl, den Leiter des Kinderchors der Wiener Staatsoper, verzweifeln: Auftritte gibt es genügend und auch Kinder, die jährlich um einen Platz im Chor vorsingen. hier.