Berlin

Berlin: Eine bunte Mischung gegen die Regierung

Was für eine Demo fand in Berlin statt? Um Corona ging es nur auf den ersten Blick.

Corona-Demo in Berlin
Bilder von der Berliner Demo am Wochenende: Nicht Verschwörungstheoretiker sind auf einer bürgerlichen Veranstaltung mitgelaufen, sondern Bürgerliche auf einer Veranstaltung von Verschwörungstheoretikern. Foto: Patrick Graf via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Sie haben Buntheit gewollt, sie haben Buntheit bekommen. Die Diversität der Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen am 29. August hat linkes Establishment wie die Medienszene zutiefst irritiert. Vor den Kameras marschierte nicht der erwartete rechte Mob – sondern Teile des Milieus, das insbesondere das grüne Spektrum für sich selbst verbucht hätte. Die Lebensreformbewegung, die sich im 20. Jahrhundert in einen völkischen und in einen linksalternativen Zweig aufgespalten hatte, feierte vor dem bundesrepublikanischen Auge ihre Wiedervereinigung. Das unausgesprochene Geheimnis, dass es einen Zusammenhang zwischen Anthroposophie, Impfgegnerschaft, Demonstrationsbereitschaft und grüner Stammklientel in Baden-Württemberg geben könnte, belegten die Stuttgarter Veranstalter. Alexander Kissler diagnostizierte ausführlich in der NZZ, dass die Demonstration vom Samstag mehr mit der 68er Bewegung zu tun habe, als viele wahrhaben wollten. Statt ewiggestriger Reaktionären tummelten sich ewigrevolutionäre Jakobiner in Berlin-Mitte.

Es war mehr ein Karneval der Kulturen

Das Milieu der Veranstalter beherrschte die Szene. Die Atmosphäre erinnerte mehrheitlich an einen Karneval der Kulturen oder ein Straßenfest in den Szenevierteln der Hauptstadt. Die vorbereiteten Schlagzeilen, die einen rechtsextremen Hintergrund suggerierten sollten, ruhten angesichts der ideologisch nahestehenden Verwandten. Auffällig blieb auch die Stille grüner Politiker, sieht man von den späteren Geschehnissen am Reichstag ab. Obwohl doch eher das Milieu rechts der Mitte Hoffnungen mit der Veranstaltung verband, ist und bleibt die deutsche Bürgerlichkeit demonstrationsfaul. Was die Versammelten einte, war der antiautoritäre Gedanke. „Frieden und Freiheit“ mit Picasso-Taube und Regenbogenflaggen – das hätte ebenso auf einer Anti-Atomkraft-Demo, einer Mahnwache für den Frieden oder Stuttgart 21 laufen können. Der Schock saß demnach tief.

Auch die üblichen Schreckgespenster des schönen Grusels im politisch korrekten Lager – so etwa Martin Sellner von der Identitären Bewegung, der Vegan-Koch Attila Hildmann oder Jürgen Elsässer vom „Compact“-Magazin – konnten die angekratzte Seele des linksalternativ Fühlenden nicht beruhigen. Selbst auf den Treppen des Reichstags posierten Demonstranten, deren Männerröcke und Hippsterbärte eher in einem Prenzlauer Café zu verorten gewesen wären, als auf einer NPD-Versammlung. Dazwischen eine Maske aus „V wie Vendetta“, die eigentlich ein Signet der „Occupy“-Bewegung war. Zum Mythos eines „Sturms auf den Reichstag“ haben die großen Medien mehr beigetragen als das Häuflein, das neben Reichsflaggen eine türkische, portugiesische oder amerikanische Fahne schwenkte.

Politik und Medien kommen mit der Vielfalt nicht zurecht

Der Mythos ist Produkt einer Hysterisierung, weil Beobachtung und Vorwurf nicht zusammenpassen wollen. Nicht nur die einfachen Gemüter der Provinz scheitern an einer „komplexer werdenden Welt“, so, wie es Journalisten und Politiker gerne erzählen; es sind die Journalisten und Politiker in dieser Erzählung selbst, die an einer nüchternen Beurteilung scheitern, weil statt Glatzen plötzlich Dreadlocks davongezerrt werden.

Das Narrativ der rechtsextremen Unterwanderung führt seit dem Wochenende Rückzugsgefechte. Der massenmediale Hauptstrom scheiterte an einer korrekten Analyse der Lage, weil dies bedeutet hätte, dass die Hufeisentheorie eine Renaissance feiern müsste. Eine „Corona-Demo“ war die Veranstaltung nämlich nur auf den ersten Blick. Der Rücktritt der Bundesregierung war nicht nur bei Reichsbürgern, sondern auch bei Demonstranten und Veranstaltern das eigentliche Ziel. Der antisystemische Konsens eint neuerlich das Land. Wovon Sahra Wagenknecht träumte, hat sich am Samstag erfüllt: die Verwirklichung einer überparteilichen Querfront, die sich aus den exzentrischsten Quellen speist. Nach ARD-Angaben bezweifeln 17 Prozent der Deutschen die offiziellen Angaben zum Corona-Virus oder sehen darin einen Vorwand. Das Wahlpotenzial einer ins Politische getragenen Bewegung wäre enorm – und würde Grünen wie AfD am meisten zusetzen.

„Nicht Verschwörungstheoretiker sind auf einer
bürgerlichen Veranstaltung mitgelaufen,
sondern Bürgerliche auf einer Veranstaltung
von Verschwörungstheoretikern“

Die andere Seite, die Konservativen und Liberalen, die der Grundrechterhalt umtreibt, sind allerdings ähnlich wie einige linke Kollegen vom Virus der selektiven Wahrnehmung infiziert. Reichsbürger, Impfgegner, Esoteriker und andere Verschwörungstheoretiker waren keine Randerscheinung, sondern elementarer Bestandteil der Eventkultur. Hundert Reichsfahnen lügen ebenso wenig wie trommelnde Hopi-Indianer. Dass man nicht kontrollieren könne, wer „sonst noch“ auf der Demo mitläuft, ist ein häufiger Satz. Das mag für einen Holocaustleugner wie Gerd Walther und Neonazis gelten. Es bleibt jedoch ein problematisches Argument. Denn nicht Verschwörungstheoretiker sind auf einer bürgerlichen Veranstaltung mitgelaufen, sondern Bürgerliche auf einer Veranstaltung von Verschwörungstheoretikern. Kaum einer der Demonstranten aus dem gemäßigten Lager hat es offenbar für nötig befunden, sich über den Veranstalter „Querdenken 711“ zu informieren.

Obskure Esoterikstunde vom Initiator

Wenn der Initiator Michael Ballweg bei der Demo vom 1. August davon sprach, dass „Herzenergie“ das wichtigste im Leben sei, und eine „Herzensminute“ einlegte, um mit der Hand auf der Brust Liebe in die Welt zu senden, kann man das noch als obskure Esoterikstunde abtun. Wenn der Pressesprecher Stephan Bergmann davon spricht, dass Viren gar nicht existierten, es sich nur um Photoshop handelte, um einen „unsichtbaren Feind“ zu konstruieren, sollte es für den durchschnittlichen Familienvater schon schwieriger werden. Wenn dann allerdings auch noch Robert F. Kennedy, der Neffe des ermordeten US-Präsidenten, als Gastredner eingeladen wird, sollten die Alarmglocken schellen. Kennedy jr. ist nicht nur einer der bekanntesten Impfgegner Amerikas, der die Polio-Impfung für Autismus verantwortlich macht. Kennedy behauptet, der Mobilfunk-Standard 5G übertrage die Corona-Krankheit und zerstöre das menschliche Erbgut; Bill Gates plane zudem die Implementierung eines Chips für jeden.

Teilnehmer ließen sich nicht abschrecken

Medienpartner der Querdenker ist der ehemalige RBB-Journalist Ken Jebsen, dessen Videos die Webpräsenz auf skurile Weise schmücken. Jebsen fiel in der Vergangenheit immer wieder wegen seiner Thesen auf: Israel rotte systematisch die Palästinenser aus, die Anschläge vom 11. September seien eine „Terrorlüge“ und die im Frühjahr verabschiedeten Corona-Maßnahmen mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten zu vergleichen. Die Gastgeber und ihre offiziellen Partner mochten aber die Teilnehmer ebenso wenig abschrecken wie die Demonstranten von Freitagabend, die vor den Botschaften Russlands und der USA nach einem Friedensvertrag riefen, weil sie die Bundesrepublik für eine GmbH halten.

Stattdessen schwappt die Einzelfall-Argumentation vom linken auf das rechte Lager über. Strohmänner, Details und Ausnahmen, die von den Medien ins Rampenlicht gesetzt werden würden, um vom friedlichen Miteinander abzulenken. Doch solche frommen Wünsche haben auch bei „Fridays for Future“ wenig Bestand: Auch diese Proteste erscheinen immer im Licht ihrer Exzesse. Die einen lassen sich von der Anführerin eines Kinderkreuzzuges leiten, die anderen von den Erben Rudolf Steiners. Ideologisch sind die Organisatoren beider Veranstaltungen apokalyptisch aufgeladen. Dass die FFF-Proteste mehrheitlich friedlich bleiben, befreit sie nicht automatisch von Kritik. Der Auslöser für den „Reichstagssturm“ war eine Heilpraktikerin mit Rastalocken, die verkündet hatte, Donald Trump sei in der Stadt, um endlich den erhofften Friedensvertrag zu schließen. Ein magischer, ein ersehnter Moment im Leben von Aktivisten, deren Demonstration wie ein virtuelles Computerspiel abläuft: Ich bin hier, es wird schon etwas Historisches passieren.

Zauberlehrlinge aus dem bürgerlichen Lager

Muss man also auch den Veranstalter einer Demonstration „aushalten“? War es nicht möglich, eine eigene, bürgerliche Demonstration zu organisieren? Dann wäre es nicht das große Ereignis gewesen, wie es am Samstag stattfand. Darin liegt der neue Querfront-Gedanke: Impfgegner, Esoteriker, Chemtrail-Experten, QAnon-Gläubige, Reichsbürger, Anthroposophen und links- wie rechtsalternative Endzeitjünger gehören nun zum übergreifenden konservativen Lager und der ehemaligen bürgerlichen Mitte.

Einige Strategen mögen glauben, dieses Sammelsurium für ihre Zwecke instrumentalisieren zu können. Das bedeutet blanke Hybris angesichts von hunderttausenden YouTube-Abonnenten, deren Corona-Kultur zwischen Grundrechtsfanatiker und Reichsbürger schwankt und damit Ideologie wie Netzwerk bereits besitzen. Der Querfront-Sturm hat Sellner wie Elsässer marginalisiert. Stattdessen wurden die obskursten Ideologien, die bislang in der gesellschaftlichen Abstellkammer ihr Schicksal fristeten, mitten ins Wohnzimmer des politischen Diskurses eingeladen. Zauberlehrlinge sind nicht nur auf der linken Seite am Werk.

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