York

Zurück nach York

Die 800 Jahre alte Christusfigur "Corpus Christi" ist von Aachen nach Großbritannien zurückgekehrt. Doch nicht in die Abtei, wo die Figur ursprünglich war. Diese existiert nämlich heute nicht mehr.

Die frühere Benediktiner-Abtei Saint Mary`s in York
Was vom Glauben übrig blieb: Die frühere Benediktiner-Abtei Saint Mary's in York. Foto: Foto:

Sechzehn Zentimeter misst die Figur, die am Wochenende die Schlagzeilen der britischen Kunstszene beherrschte: die Kupferlegierung zeigt den gekrönten Heiland im prächtigen Rock mit Edelsteinen. Achthundert Jahre zählt der Christus, der in der berühmten Emaillenwerkstatt Limoges entstand. Limoges war ein Zentrum hochmittelalterlicher Kunstherstellung – und so berühmt, dass sogar Papst Innozenz III. (1198-1216) die französischen Handwerker damit beauftragte, das Petrusgrab mit Emaillen auszuschmücken. Wer im 13. Jahrhundert Kunst aus Limoges besaß, zählte demnach zur Avantgarde der damaligen Zeit. Die Abtei Saint Mary`s in York, der das Stück ursprünglich gehörte, war über Jahrhunderte ein solcher Ort.

Die Geschichte der Figur ist verwinkelt

Die Geschichte der Christusfigur ist verwinkelt: im 16. Jahrhundert verschollen, im 19. Jahrhundert für kurze Zeit wieder aufgetaucht, dann neuerlich verloren, tritt sie 1920 in der Sammlung des Aachener Unternehmers Franz Monheim wieder ans Tageslicht. Unter dem Titel „Corpus Christi“ landete sie bei Van Ham für 8 500 Euro unter den Auktionshammer. Jetzt soll sie zurück nach York. Nicht nach Saint Marys, sondern ins Yorkshire Museum – denn die Abtei existiert heute nicht mehr.

Die Christusfigur ist eine leise Stimme aus der Vergangenheit, die an verblasste Größe erinnert. Die Abtei Saint Mary's war einst die mächtigste und reichste Institution der nördlichen britischen Insel. Ihr legendärer Reichtum war so sprichwörtlich, dass sie sich in Volkserzählungen niederschlug. Die Ballade „A Gest of Robyn Hood“ aus der Mitte des 15. Jahrhunderts macht den dortigen, geldgierigen Abt („My londes both sette to wedde, Robyn/Vntyll a certayn day/To a ryche abbot here besyde/Of Seynt Mari Abbey“) zu einem der Hauptantagonisten des englischen Helden. Der zieht sich in dieser Version nicht in den Sherwood Forest, sondern in den Barnsdale Forest in Yorkshire zurück. Die Geschichte der Abtei beginnt im Jahr 1088: der englische König Wilhelm II. – der zweite Sohn Wilhelms des Eroberers – widmet eine Kirche, die bis dahin dem Heiligen Olaf von Norwegen geweiht war, der Jungfrau Maria und stattet die Mönche mit zusätzlichen Ländereien aus. Nach einem Großbrand, der die Abtei erheblich zerstört, beginnen am Ende des 13. Jahrhunderts die Bauarbeiten an einer der größten Kirchen Englands. In nur 28 Jahren – von 1271 bis 1294 – wird der Bau vollendet. Der Wohlstand der Benediktiner von Saint Mary`s macht es möglich, dass der Projektchef Simon de Warwick und sein Meistersteinmetz die Fertigstellung miterleben. In der Geschichte jahrhundertelangen Kathedralenbaus eine Seltenheit.

Die Christusfigur im Yorkshire Museum
Viel hat sich verändert: Die Christusfigur im Museum. Foto: Foto:

In ihrer Blütezeit beten und arbeiten 40 bis 50 Mönche in Saint Mary`s, zusätzlich leben bis zu 50 weitere Personen in den Gemäuern: Diener, Novizen und Lateinschüler. Die Abtei ist ein bedeutender wirtschaftlicher Faktor des englischen Nordens, an dem sich zusätzlich Handwerker, Händler, Pilger und andere Fernreisende treffen. Ihr Aufbau ist beispielhaft für das Klosterwesen des alten Europas: neben der Kirche und den Funktionsgebäuden mönchischen Lebens besitzt Saint Mary`s Getreidespeicher und Ställe, eine Windmühle, eine Bäckerei, ein Fischerhaus, eine Schneiderei und eine Brauerei. Die Abtei bildet eine Parallelstadt zum benachbarten York und besitzt sogar eine eigene Mauer inklusive Torhaus. 350 Jahre lang stehen die Benediktiner von Saint Mary`s und die Bürger von York in einem spannungsreichen Verhältnis. Ein Komplex wie Saint Mary`s muss gewartet und gepflegt werden: er beschäftigt Glaser, Kunsthandwerker, Steinmetze, Kerzenhersteller, Pergament- und Papierhersteller, Schreiner und Dachdecker.

Er versorgt Pilger und Reisende, die wiederum die Wirtschaft im Wallfahrtszentrum York ankurbeln. Er kümmert sich um die Armen und Kranken der Stadt. Gleichzeitig sind Konflikte mit den Stadtautoritäten vorprogrammiert: stolz wehren die Benediktiner alle Ansprüche auf ihre Ländereien ab – und sind es nur die, welche sie dafür halten. Mit 350 Metern Länge forderte die Kirche Saint Mary's auch den Erzbischof von York heraus, dessen Kathedrale ähnlich dimensioniert ist, aber erst 1472 beendet wird. Saint Mary's strahlte bereits über Yorkshire, als Saint Peter noch Gerüste umringen.

Der Norden probte den Aufstand

Die Benediktiner von Saint Mary`s bilden nicht den einzigen Orden in York. Bis zur frühen Neuzeit siedeln sich zusätzlich Zisterzienser, Franziskaner, Dominikaner, Karmeliten und Augustiner in und um York an. Ende des 12. Jahrhunderts existiert mit Saint Clement?s ein Nonnenkloster. Drei große Hospitäler sorgen sich um die Bedürftigen der Stadt, zusätzlich gibt es zwanzig weitere kleinere Häuser, die sich um Kranke, Arme und Reisende kümmern. Zusammen mit der Kathedrale und der Abtei bilden sie einen spirituellen, wirtschaftlichen und sozialen Kosmos, der Yorks Position als eine der wichtigsten Städte des Königreichs begründet.

Die Kirche übernimmt nicht nur soziale Dienste: sie ist Arbeitgeberin, Mäzenin, Ernährerin. Die Identität Yorks ist eine dezidiert katholische, die sich auch in den Fronleichnamsspielen der Yorker Gilden ausdrückt. Dass York oder Yorkshire später im Vereinigten Königreich zu einem Synonym für Armut wird – Monty Python betitelt Yorkshire im Film „Der Sinn des Lebens“ als Dritte Welt – ist dem Niedergang seiner kirchlichen Institutionen geschuldet, namentlich Saint Mary`s. Die Verelendung nimmt mit der Auflösung der Klöster durch Heinrich VIII. (Dissolution of Monasteries, 1536) seinen Lauf. Nachdem Heinrich mit Rom gebrochen und seine eigene Kirche gegründet hat, konnte der englische Staat auf den Reichtum der Abteien und Klöster zugreifen. Der englische Norden, der stark von den Klöstern abhängt, probt daraufhin den Aufstand. Die sog. „Pilgrimage of Grace“ („Pilgerfahrt der Gnade“) umfasst tausende Gläubige und richtet sich friedlich gegen die Politik des Königs. Heinrich sieht seine Position so bedroht, dass er der Rebellion Zugeständnisse macht.

Als sich Heinrich jedoch nicht an seine Versprechen hält, und sich eine neue, dieses Mal gewalttätige Rebellion gegen ihn erhebt, schlägt er diese nieder, und erklärt seine Zusagen für nichtig. Die Konsequenz: sämtliche Klöster Yorks werden aufgelöst, inklusive kleiner und großer Hospitäler. Mönche und Nonnen fliehen oder werden zur Heirat gezwungen. Die Ländereien werden beschlagnahmt und verkauft, Kirchenschätze gestohlen oder eingeschmolzen. Nur wenige Kunststücke – wie etwa die Christusfigur – können entweder versteckt oder außer Landes geschmuggelt werden. Für York bedeutet das Ende seiner Klöster einen Genickschuss. Zehn Jahre später, 1547, sinkt die Zahl der Pfarreien der Stadt von vierzig auf fünfundzwanzig; York hat ein Drittel seiner Einwohner verloren. Über Jahrzehnte bleibt die Bevölkerung trotz Reformation mehrheitlich katholisch. Guy Fawkes, der Hauptattentäter des vereitelten „Gunpowder plots“, der das gesamte englische Parlament im Jahr 1605 in die Luft jagen will, ist ein Katholik aus York.

Saint Mary`s verfällt innerhalb weniger Jahre. Diebe entzünden zuletzt ein Feuer, um an das im Dach verbaute Blei zu gelangen. Pfeiler und Bögen ragen heute als Gerippe aus der nordenglischen Landschaft. Sie sind Mahnmal einer Zerstörung von Kulturgut und menschlicher Existenzen, deren Leben an diesen Gemäuern hing – und staatlicher Willkür zum Opfer fielen. Die Schriftstellerin Jane Austen urteilt 250 Jahre später, dass Heinrichs Verbrechen und Grausamkeiten zu zahlreich seien, um sie alle zu nennen. Die Auflösung der Klöster hatte zuletzt nur einen Vorteil: die Bereicherung der englischen Landschaft um pittoreske Ruinen. Der Christus aus Limoges kehrt heute nicht in ein lebendiges Kloster, sondern in ein totes Museum zurück.