Zu universal

Ein Weggenosse von Jürgen Habermas: Zum Tod des Philosophen Karl-Otto Apel. Von Alexander Riebel

Als kürzlich der amerikanische Philosoph Richard Bernstein in der Katholischen Akademie in München über „Das Wiederaufleben des Pragmatismus“ sprach, hat er Karl-Otto Apel als einen gewürdigt, der dieses amerikanische Denken nach Deutschland gebracht hat. Jetzt ist Apel am Montagabend im Alter von 95 Jahren in Niedernhausen im Taunus gestorben.

Apel war einer der ersten, die wie Jürgen Habermas den Begründungen der klassischen deutschen Philosophie von Kant bis Hegel den Boden entziehen wollten und die neue Grundlage in der angelsächsischen Kommunikations- und Sprachphilosophie fanden. Für Apel war das sogenannte Argument des methodischen Solipsismus wichtig, das auch Wittgenstein behauptet hatte. Es besagt, dass die älteren Philosophien ihre Begründungen sozusagen im einsamen Gelehrtenstübchen gefunden hatten, ohne zu berücksichtigen, dass diese Erkenntnisse nur in einer Sprachgemeinschaft und Kommunikationsgemeinschaft möglich sind. Konkreter Angriffspunkt war etwa der Begriff des „Ich“ bei Kant, auf das alle Argumentationslinien bei ihm zusammenlaufen – immerhin ist bei Kant das „Ich“ das die Menschen Verbindende. Aber als Apel einmal die Frage gestellt wurde, was er denn von Kants Geschichtsphilosophie halte, in der es ja um die Sprachgemeinschaft aller Menschen im Unterschied zum Abstraktionsprodukt des reinen Ich in der „Kritik der einen Vernunft“ gehe, hatte Apel geantwortet, die Geschichtsphilosophie von Kant habe er nie gelesen. So ist also die Einführung der angloamerikanischen Philosophie nach Deutschland mit dem Ziel, die eigenen Grundlagen zu verdrängen, unter irrwitzigen Voraussetzungen geschehen. Denn der Vorwurf an den Deutschen Idealismus, dass „im Prinzip ,einer allein‘ etwas als etwas erkennen und dergestalt Wissenschaft treiben könnte“, ist schlicht falsch und damals nicht behauptet worden.

Das der menschliche Sprachgebrauch eine unhintergehbare Norm der kommunikativen Rationalität und des gegenseitigen Respekts ist, wie die Goethe-Universität jetzt in Erinnerung an Apel erklärt, ist selbstverständlich. Wenn das jedoch alles ist, hat diese Theorie erhebliche Folgen für die Lebenswelt. In seinem programmatisch klingenden Werk „Transformation der Philosophie“ (1976) stellte Apel ausdrücklich das klassische Denken wie die aristotelisch-thomistische Ontologie in Frage, die das Sein mit dem Gutsein gleichsetze. Solche Ontologie oder Metaphysik ist nach Apel aber überflüssig, weil das Gutsein ja aus dem Befolgen der angeblich unhintergehbaren Regeln der Sprachgemeinschaft folgen soll. Das am Marxismus orientierte Projekt Apels versucht also eine universalistische Ethik als Sprachgemeinschaft, die den unendlichen Diskurs fordert, zu etablieren. Apel, der an der Universität Frankfurt gelehrt hat, hielt es auch für sinnvoll, diese Ethik erst anzuwenden, wenn sich die Gesellschaft selbst diskursiv entwickelt hat. Es geht also auch um eine Transformation der Gesellschaft, um das Ziel dieser Philosophie zu erreichen. Diese Philosophie funktioniert nicht, wenn man sich nicht nach der Diskursregel richten will, wie „Jeder Sprecher darf nur das behaupten, was er selbst glaubt“ oder „Jeder darf jede Behauptung in den Diskurs einführen“. Dabei ist anzumerken, dass bereits bei Hegel trotz universaler Prinzipien seine Rechtsphilosophie auch ganz konkreten historischen Situationen gerecht werden konnte. Diese Einheit von Universalität und Konkretheit gestaltet sich bei Apel schwierig, weil der Diskurs immer weitergeführt werden muss und sich die Frage nach dem Entscheidungszeitpunkt für Handlungen stellt. Der Konsens selbst steht also gerade in Frage. Wenn der höchste Punkt der philosophischen Theorie nur noch die menschliche Sprachgemeinschaft ist, kann diese beschließen, was sie will. Sie kann sich gegen Religion aussprechen, wenn sie sie nicht mehr für sinnvoll hält. Die Diskustheorie kennt nur noch Regeln statt Begriffe; Regeln sind aber nicht mehr Kategorien oder Prinzipien wie im klassischen Denken, sondern nur noch realweltliche Normen, die aber weder die gefühlsmäßige Seite im Urteil der Menschen berücksichtigen, noch können solche Diskursregeln Gerechtigkeitsfragen lösen.