Zerreißprobe der Literatur

Günther Rüther über das gespannte Verhältnis von Geist und Macht. Von Christoph Böhr

Der Dichter Gottfried Benn analysierte nicht nur unter dem Mikroskop, sondern auch die Kultur. Vom Nationalsozialismus hatte er sich früh und deutlich abgewandt. Foto: dpa
Der Dichter Gottfried Benn analysierte nicht nur unter dem Mikroskop, sondern auch die Kultur. Vom Nationalsozialismus h... Foto: dpa

Dieses Buch von Günther Rüther ist – so viel sei vorab gesagt – die Einladung zu einer eindrucksvollen Wanderung über einen langgestreckten Bergrücken in luftiger Höhe. Eine Höhenwanderung, die auf Schritt und Tritt tiefe Einblicke in die rechts und links sich auftuenden Gründe und Abgründe der deutschen Literatur- und Politikgeschichte des 20. Jahrhunderts gewährt. Was im Titel bescheiden als Frage ausgesprochen wird – nämlich ob das so nachhaltig gestörte Verhältnis von Politik und Literatur als ein deutsches Verhängnis zu beschreiben ist, offenbart sich bei näherem Hinsehen, schon auf den ersten Seiten, als eine spannende Erzählung längst nicht nur der literarischen, sondern gleichermaßen auch der politischen Turbulenzen des 20. Jahrhunderts.

Dass der Verfasser sich entschlossen hat, dieses – wissenschaftlich anspruchsvolle und dennoch leserfreundlich beschwingte – Buch zu schreiben, ist ein Glücksfall: Steht er doch seit Jahrzehnten aufgrund seiner beruflichen Arbeit mit je einem Bein in den beiden Welten, der literarischen und der politischen. Deren spannungsgeladene wechselseitige Hin- und Zuordnung hat er in seiner eigenen Person erlebt und ausgehalten. Rüthers Politik-, Personen- und Problemkenntnis ist schon vor diesem Hintergrund kaum zu übertreffen. Hautnah war er Zeuge – wo nicht Mitgestalter – sowohl politischer Entwicklungen als auch literarischer Ereignisse, beispielsweise in seiner Verantwortung für einen Literaturpreis, der Schriftstellern wie Herta Müller, Uwe Tellkamp oder Durs Grünbein zuerkannt wurde, lange bevor diese Namen zu Ruhm und Anerkennung gelangten.

Bemerkens- und erwähnenswert ist auch die Komposition von Rüthers Buch: Es beginnt mit einer detailreichen Studie über Thomas Mann, entwickelt sodann unter der Überschrift „Überzeugungen und Verführungen“ eine kluge und durchdachte Typologie von fünf möglichen Verhaltensweisen, wie Schriftsteller sich unter den Bedingungen einer Zwangsherrschaft in Stellung bringen können, vereinigt in Folge eine Reihe von Fallstudien über bekannte Autoren der Gegenwart, um sich abschließend der vielfach verknoteten Beziehung zwischen Literatur und Politik im geteilten Deutschland bis zur Wiedervereinigung zu widmen.

Als verhängnisvoll kann man zweifellos die Beziehung zwischen Geist und Macht – Literatur und Politik – hierzulande in den letzten beiden Jahrhunderten bezeichnen. Politisch trittsicher war kaum ein Schriftsteller. Das 20. Jahrhundert der totalitären und ideologischen Verirrungen bot nun allerdings auch wie selten zuvor zahlreiche Anlässe für Verführungen und Entgleisungen. Die meisten Schriftsteller – allen voran Thomas Mann – irrlichterten, viele trauerten rückwärtsgewandt vergangenen Zeiten nach, ihr politischer Blick war – mal mehr, mal weniger – von romantischen Gefühlen und utopischen Erwartungen getrübt. Sachliche Erwägungen waren, wenn es um gesellschaftliche Entwicklungen ging, ihre Sache nur sehr selten. Und geradezu paradox mag es erscheinen, dass ausgerechnet der demokratische Staat nach 1945 vielfältig Widerspruch herausforderte, während so viele – zuvor und währenddessen – den beiden totalitären Systemen offenkundig auf den Leim gingen.

Dennoch ist diese Feststellung keinesfalls als ein Verdikt zu lesen: Denn erstens stellt sich die Frage, ob von einem Schriftsteller tatsächlich politische Trittfestigkeit erwartet werden kann. Seine literarische Leistung jedenfalls wird nicht unbedingt besser, wenn seine politischen Äußerungen auch im Nachhinein noch Bestand haben. Nur am Rande sei vermerkt, dass Rüther in der Beurteilung dieser Frage eine geradezu vorbildliche Unvoreingenommenheit zu erkennen gibt: Auch solche Autoren, die politischen Verstrickungen erlegen sind, waren in der Lage, zu literarischer Hochform zu finden. Das verdient Anerkennung, und Rüther verweigert sie nicht. Zweitens finden sich doch immer wieder Beispiele, die den unterschiedslosen Vorwurf opportunistischer ideologischer Parteilichkeit der Literaten, wie er nicht selten gegen die erhoben wird, die sich dem Druck beugten, Lügen strafen. Zwar weist Rüther zu Recht darauf hin, dass beispielsweise dem Kreisauer Kreis kein einziger Schriftsteller angehörte – eine Tatsache, die noch heute überrascht. Dennoch zeigen viele eindrucksvolle Namen, dass dann, wenn ein Wort zur Politik umständehalber besonders gefordert war, dieses Wort nicht ausblieb und – man denke an Thomas Mann nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, aber auch später an Gottfried Benn, als er sich vernehmbar vom Nationalsozialismus abwandte oder an Franz Fühmann, der nach anfänglichen Liebeleien mit zwei Diktaturen brach – im Nachhinein als eine goldrichtige Wegweisung verstanden werden muss: Mann trat – für viele Zeitgenossen völlig überraschend – sofort und beherzt an die Seite der Weimarer Republik; Benn entfernte sich denkbar früh – vernehmlich, und obwohl er seine Ablehnung nicht an die große Glocke hängte, unter erheblichen Gefährdungen – vom Nationalsozialismus; und Fühmann bekannte sich ausdrücklich zur freiheitlichen Gesellschaftsordnung, nachdem er zuvor erst mit dem Nationalsozialismus und dann mit dem DDR-Sozialismus verbandelt war, bis er seinen doppelten Irrweg erkannte.

Rüthers Einfühlsamkeit, die der Literatur wie der Politik beidseitig Gerechtigkeit widerfahren lässt, ist wohl auch das Ergebnis eigener Lebenserfahrung: der Kenntnis der Sachgesetzlichkeiten beider Lebensordnungen, der des Geistes und jener der Macht. Und so, wie viele versucht haben, in dieser Zerreißprobe der Literatur ihrem künstlerischen Schaffen und sich selbst treu zu bleiben, schreibt sich eine kleine Heldengeschichte, die viele Namen umfasst.

Die letztgenannte Bemerkung ist nicht Teil der Würdigung Rüthers, der aus einer gebotenen wissenschaftlichen Entfernung nüchtern unterschiedliche Verhaltensweisen, Stellungnahmen und Sprachlosigkeiten beschreibt. Aber er steht doch einer solchen Würdigung durch den Leser seines Buches nicht im Wege: seine literarischen Porträts zum Beispiel von Christa Wolf, Johannes Bobrowski oder Günther de Bruyn legen eine solche Deutung durchaus nahe. Samt und sonders gelungen sind diese und zahlreiche andere Porträts – und doch ragt nach Meinung des Rezensenten eines heraus: das von Herta Müller. Wenn oben davon die Rede war, dass Rüthers Buch tiefe Einblicke in die Gründe und Abgründe der deutschen Literatur- und Politikgeschichte eröffnet, so muss man hier – wie an manch anderen Stellen auch – zu einem anderen bildlichen Vergleich greifen: Was er über Herta Müller schreibt, eröffnet ein Panorama von Gipfelblicken jenseits aller Niederungen menschlichen Verhaltens. Wie Rüther den Mut, die Geradlinigkeit und die Unerschrockenheit dieser Frau angesichts eines über Jahrzehnte geradezu in aussichtsloser Verzweiflung geführten Lebens beschreibt, ist selbst ein bemerkenswertes Stück Literatur: in einem Buch, das ja doch dem eigenen Selbstverständnis nach allein den Anspruch eines Beitrages zur Sekundärliteratur erheben möchte.

Das Buch ist in jeder Hinsicht zu empfehlen. Dem Rezensenten ist kein vergleichbares Werk bekannt, das mit ähnlicher Sachkenntnis die Verwicklungen und Verknotungen von Literatur und Politik in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts aufarbeitet. Der Gewinn für den Leser ist groß: sein Blick wird sich, wenn er das Buch liest, ändern und weiten.

Rüthers Ausblick ist von Zuversicht getragen: Seit der Wiedervereinigung, so schreibt er, hat sich das „Verhältnis der Schriftsteller zum Staat und zu den Parteien normalisiert. Die in der deutschen Geschichte wurzelnden Vorbehalte und Verhaltensmuster, die über zwei Jahrzehnte nicht nur tradiert, sondern auch kultiviert wurden, sind überwunden worden.“ In der Form der Debatte, in der jede der beiden Seiten ihre Sichtweise einbringt, ohne der jeweils anderen Seite das Recht auf eine eigene Sicht abzusprechen. In der Tat: In der Debatte findet sich die Lebensform der Demokratie mit ihrer Form der wechselseitigen Achtung.

Günther Rüther: Literatur und Politik. Ein deutsches Verhängnis? Wallstein Verlag, Göttingen 2013, 350 Seiten,

EUR 24,90