Zeitgenössische Rehabilitierung des Naturrechts

Wolfgang Waldstein zeigt, dass es sich hier nicht um eine bloß christliche Marotte handelt, sondern um ein Menschheitsanliegen

„Dumme Überzeugungen besitzen die Härte von Granit.“ Und: „Gegen die ,herrschenden Meinungen‘ einer Epoche gibt es kein anderes Mittel als die Zeit“, heißt es in den weisen Aphorismen des kolumbianischen Philosophen Nicolás Gómez Dávila. So gesehen ist man möglicherweise klug beraten, von dem großartigen Buch, das der in Salzburg lebende Rechtshistoriker Wolfgang Waldstein jetzt über „das Naturrecht als Fundament einer menschlichen Gesellschaft“ vorgelegt hat, nicht auch gleich eine Revolution zu erwarten. Zu unzeitgemäß erscheint heute die Rede von „Rechten“, die der Mensch „von Natur aus“ besitze und die allen anderen, von Staaten oder anderen Gemeinschaften verliehenen Rechten vorausgehen sollen. Andererseits sind die Abnutzungserscheinungen, die der erkenntnistheoretische Positivismus und der ethische Relativismus offenbaren, längst so offenkundig, dass das Anfang des Jahres im Augsburger Sankt Ulrich Verlag erschienene Werk möglicherweise doch genau zur rechten Zeit auf den Markt gekommen ist.

Zu wünschen wäre es jedenfalls. Denn mit dem Buch, das den Titel „Ins Herz geschrieben“ trägt, ist dem Autor, der als ordentlicher Professor jahrzehntelang Römisches Recht an der Universität Salzburg lehrte, als Ordinarius der juristischen Fakultät an der Päpstlichen Lateranuniversität wirkte und als Mitherausgeber des „Dulckeit/Schwarz/Waldstein“, einem Standardwerk zur römischen Rechtsgeschichte, hohes Ansehen unter den Gelehrten seiner Zunft besitzt, gleich aus mehreren Gründen ein großer Wurf gelungen.

Der wichtigste sei gleich zu Anfang genannt. Denn in „Ins Herz geschrieben“ räumt Waldstein endlich mit der zwar recht dummen, gleichwohl aber weit verbreiteten Meinung auf, das „Naturrecht“ sei eine „Erfindung“ des Christentums; eine, um die man sich daher als „Andersgläubiger“ – vorzugsweise als Atheist – nicht zu kümmern brauche. Doch so ist natürlich nicht. Wie Waldstein etwa anhand des „Codex Hammurabi“ (um 1700 v. Chr.), bei Hesiod (um 700 v. Chr.) und vor allem anhand der „Antigone“ des griechischen Tragödiendichters Sophokles (496–406 v. Chr.) zeigt, lässt sich naturrechtliches Denken stattdessen praktisch genauso weit zurückverfolgen, „wie überhaupt Spuren menschlichen Denkens“. Mit Aristoteles (384–322 v. Chr.) zeigt Waldstein, dass sich die Griechen dabei völlig im Klaren darüber waren, dass das Recht der Polis „teils Natur-, teils Gesetzesrecht“ war, wobei Aristoteles Naturrecht definierte als eines, das „überall dieselbe Kraft der Geltung“ hat und das „unabhängig von Zustimmung oder Nicht-Zustimmung“ der Menschen gilt.

Anhand zahlreicher Quellen weist Waldstein nach, dass auch römische Juristen – vor allem ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. – „bei der Entscheidung konkreter Rechtsfälle (...) auch Naturrecht“ anwandten, wodurch die „naturrechtlichen Normen in immer größerem Umfang zu geschriebenem Recht“ wurden und auf diese Weise nicht nur das römische Recht, sondern später auch die gesamte europäische Rechtsentwicklung mitprägten. So veröffentlichte 533 n. Chr. der oströmische Kaiser Justinian als Frucht dieser Arbeit schließlich die Digesten, eine 50 Bände umfassende Zusammenstellung von Werken römischer Rechtsgelehrten. „Die Wiederentdeckung dieses Werkes im Mittelalter und dessen Studium an der ursprünglichen Schule der artes in Bologna“ habe aus dieser nicht nur die „erste Universität Europas“ entstehen lassen. Im 18. und 19. Jahrhundert seien „auf dieser Grundlage“ auch „die ,Naturrechtsgesetzbücher‘ entstanden, das preußische Allgemeine Landrecht von 1794, der französische Code civil von 1804 und das österreichische Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch von 1811“, so Waldstein.

Schon Cicero wusste: Recht ist nicht, was nützlich ist

Waldstein leistet in dem vorliegenden Buch jedoch weit mehr als „nur“ anhand antiker Quellen nachzuweisen, wie dezidiert naturrechtlich schon Griechen und Römer dachten und zu zeigen, welchen Wert sie darauf legten, dass das positive Recht, das sie schufen, sich vor dem naturgegebenen Recht legitimieren konnte. So stellt Waldstein etwa mit Cicero (103–43 v. Chr.) klar: „Wenn aber die Gerechtigkeit Gehorsam gegenüber den geschriebenen Gesetzen und Einrichtungen der Völker bedeutet, und wenn, wie dieselben Leute sagen, alles nach der Brauchbarkeit zu messen ist, wird der die Gesetze nicht achten und sie brechen, wenn möglich, der meint, es werde ihm Gewinn bringen. So kommt es, dass überhaupt keine Gerechtigkeit ist, wenn sie nicht von Natur ist, und die, welche aus Nützlichkeit aufgestellt wird, durch diese Nützlichkeit wieder zerstört wird, und dass, wenn die Natur das Recht nicht festigt, alle Tugenden aufgehoben werden. Wo wird nämlich Großzügigkeit, wo Liebe zum Vaterland, wo frommer Sinn, wo der Wille, sich um den Nächsten wohl verdient zu machen oder ihm zu danken, entstehen können? Denn dies entsteht daraus, dass wir von Natur geneigt sind, die Menschen zu lieben, was die Grundlage des Rechtes ist“ (leg. 1, 42–43). Wo diese Grundlagen verlassen werden, herrschten, so Waldstein alleine weiter, „Gewalt, Mord und alle Arten von ,Akten der Barbarei‘“, wie es in der Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt; Akte, die „bis heute“ nicht verhindert werden konnten.

Damit nicht genug verteidigt Waldstein Existenz und Gültigkeit des Naturrechts auch gegen neuzeitliche Kritiker, allen voran gegen Hans Kelsen (1881–1973), den Begründer der „Reinen Rechtslehre“, der den Rechtspositivismus auf eine neue Grundlage stellte und dessen Kritik am Naturrecht Waldstein hier die Luft herauslässt.

Vor allem aber zeigt der Autor in jeweils eigenen Kapiteln die geradezu existenzielle Bedeutung auf, die das Naturrecht für die rechtliche Ausgestaltung verschiedener Lebensbereiche besitzt. Angefangen beim Menschenrecht auf Leben, für die Ehe sowie die Erziehung der Kinder bis hin zum Recht auf Eigentum sowie für die Achtung der Privatsphäre und die Legitimation des Sozialstaates.

Ethischer Relativismus bedroht unverletzliche Menschenrechte

Dabei wird jeweils deutlich, was der Autor an einer Stelle so formuliert: „Nur auf der Grundlage des Naturrechts kann es die ,unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechte als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt‘ geben, zu denen sich etwa das Deutsche Volk in Art. 1. Abs. 2 Grundgesetz noch 1949 bekannt hat.“

„Wahrheiten“, schreibt Nicolás Gómez Dávila, „sterben nicht, doch sie welken zuweilen.“ Mit „Ins Herz geschrieben“, das im Titel ein Zitat des Apostels Paulus aus dem Römerbrief aufgreift, hat Wolfgang Waldstein dem Naturrechtsdenken wieder auf die Sprünge geholfen. Ob es neue Blüten treibt, wächst und gedeiht oder aber vom Unkraut des erkenntnistheoretischen Positivismus und des ethischen Relativismus weiter niedergehalten wird, muss indes abgewartet werden. Dabei tut sicher gut, wer diesem Buch nicht bloß eine weite Verbreitung wünscht, sondern diesem Wunsch auch Taten folgen lässt.