Würzburg

Zeit für Besonnenheit

Warum diese Kardinaltugend im neuen Jahr wieder zu Ehren kommen sollte.

John-Cage-Orgel
Geduld und Besonnenheit lernen: Besucher des John-Cage-Orgelprojektes lauschen in der Kirche Sankt Burchardi in Halberstadt (Landkreis Harz) dem Klang der Orgeltöne. Foto: Jens Wolf/ dpa

Sanftes, leises Säuseln. Weht hier der Heilige Geist? Nun, etwas weniger Sakralität ist schon geboten. Doch dass der Geist der Zeit nicht unbedingt mit dem Zeitgeist kongruent sein muss und sogar dem Heiligen Geist raffiniert Reverenz erweisen kann, ist seit über 18 Jahren in der ehemaligen Kirche des Zisterzienserinnenklosters St. Burchardi in Halberstadt zu erfahren. Dieser ganz spezielle Geist verströmt sich dort zurzeit als Fünfklang aus den Tönen c , des , dis , ais  und e - bis zum 5. September 2020: An diesem Tag kommen gis und e dazu.

Was Zeit bedeutet und verheißt, kann bei einer Einkehr in den vor über 200 Jahren säkularisierten Sakralbau in Sachsen-Anhalt als „Beseelung“ erspürt werden, die dem strapazierten Gemäuer durch Geist und Genius des Jahrhundertkünstlers John Cage (1912-1992) gleichsam als „Odem des Lebens“ (1. Mose 2,7) eingeblasen wurde. Eine durch und durch profane Beseelung, die aber im Erleben der Besucher des seit Herbst 2001 realisierten John-Cage-Orgel-Kunst-Projekts sakrale Saiten zum Schwingen zu bringen vermag. Das liegt vor allem an der metaphysischen Dimension, die das Orgelstück ORGAN2/ASLSP des US-Komponisten durchzieht. „As SLow aS Possible“ (So langsam wie möglich) - die Tempovorschrift, die Cage seinem Werk gab, wird in Halberstadt in einer Extensität von nachgerade numinoser Unbekümmertheit umgesetzt: 639 Jahre lang soll die eigens für dieses Ad-infinitum-Erleben gebaute Orgel (inklusive Notstromaggregat) über Stationen hunderter Klangwechsel hinweg die vier Seiten der Partitur ins Ätherisch-Verflüchtigte entlassen. Ein unablässiges „Summen Gottes“, wie „Die Zeit“ mutig metapherte. Oder eben  je nach Standort des Hörenden „ein sanftes, leises Säuseln“ (1. Kön 19,13), wie es der Prophet Elija in seiner Höhle am Berg Horeb vernahm.

Fülle des Lebens und Memento mori

Wer sich einlässt auf die weit ins Künftige ausgreifenden Töne in der St.-Burchardi-Kirche, den kann leicht ein Schwindelgefühl ankommen angesichts des Unwäg- und Unwissbaren der aufgetürmten Jahrhunderte dieses Projekts. Man blickt von 2000 (der Beginn der Aufführung verzögerte sich dann um ein Jahr) in die Gegenrichtung 639 Jahre zurück bis 1361, dem Bezugsjahr für das Unternehmen, als in Halberstadt die welterste Großorgel, eine Blockwerksorgel, gebaut wurde. Seither: Vernichtungen und Verheerungen, Revolutionen und Restitutionen, Kriege und Katastrophen. Ein Pandämonium der Kontingenz. Allein der Zeit seit dem jüngsten Klangwechsel am 5. Oktober 2013 mangelt es an Wechselfällen ebenso wenig wie deren Folgen an Unberechenbarkeit. Zugleich atmet das Projekt die Verheißung von Fülle, die Hoffnung, angesichts des schieren Reichtums noch ungelebter Tage und Stunden nun, endlich, das Leben „in Fülle“ zu bekommen, wie es das Gleichnis vom guten Hirten im Johannesevangelium benennt.

Obwohl einer solchen Verheißung die „Winterreise“ von Franz Schubert entbehrt, wird gerade dieses dunkel-dräuende Werk des Wiener Komponisten zum Text Wilhelm Müllers gern am Ende des alten und Beginn des neuen Jahres in kammermusikalischem Kreis zu Gehör gebracht. Vielleicht, weil der im Gefolge feierlich-festlicher Phasen zum Überschwang neigende Hedonismus mittels dieses meisterlichen Memento mori eine ästhetisch-dämpfende Einhegung erfährt. Auch die Zeit erfährt eine solche Einhegung. So, wenn es heißt: „Ich kann zu meiner Reisen/ Nicht wählen mit der Zeit,/ Muss selbst den Weg mir weisen/ In dieser Dunkelheit.“ Auch wir können nicht wählen mit der Zeit, die zwar - wie beim John-Cage-Projekt erfühlbar - in metaphysischer Offenheit vor uns liegt; aber sie enthält auch, wie der Philosoph Friedrich Schelling es ausdrückte, „Dinge, deren Möglichkeit erst durch ihre Wirklichkeit eingesehen wird“. Ein Gedanke, den Schellings Zeitgenosse Schubert kongenial in der „Winterreise“ musikalisch auslotete: Der immer wieder vollzogene kunstreiche Wechsel, die Ablösung von Dur durch Moll et vice versa, fügt die 24 Stationen des einsamen Wanderers zu einer alle emotionalen Gründe und Abgründe auslotenden Passion.

Dieses poetische Ausgreifen über das in Schuberts Werk verarbeitete individuelle Schicksal des mit nur 31 Jahren qualvoll verstorbenen Genies hinaus führte zu philosophischen, psychologischen, politischen und sonstigen Deutungen. Diesen fügte Hanspeter Padrutt 1984 eine anthropologisch-ökologische Variante hinzu: das „Lied vom epochalen Winter“, wie der Schweizer Schriftsteller und Psychotherapeut seinen Großessay titelte. Dieses Lied erzähle von der Fremde, „in welcher der neuzeitliche Mensch einsam umherirrt. Von der Entfremdung dieses Menschen vom Ding, von der Erde, von einem Gott, der ,tot  ist.“ „Wer Ohren hat“, schrieb Padrutt, „kann das Lied vom epochalen Winter hören, wer Augen hat, kann den Schnee und das Eis auf unseren Wegen sehen, und wer sich nicht zu warm polstert, wird die Kälte des epochalen Winters spüren ...“

„Denn wenn vom Christlich-Religiösen die Rede ist,
gehört dazu die Verkündigung ,Fürchtet euch nicht!', die definitive Absage
des Engels in der Heiligen Nacht an Panik und Angst“

In dieser Deutung der „Winterreise“ klingt sowohl die mittlerweile als ultimative Schicksalssache gehandelte Greta-Frage an (Nun sag, wie hast du s mit dem Klima?) als auch die Gretchenfrage: „Nun sag, wie hast du s mit der Religion?“ (Goethe, Faust I). Während die postmoderne Prophetin aus Schweden dystopische Düsternis unters junge Volk bringt und „will, dass ihr in Panik geratet, dass ihr die Angst spürt“, weist Fausts „Liebchen“ ins genuin Gegenteilige. Denn wenn vom Christlich-Religiösen die Rede ist, gehört dazu die Verkündigung „Fürchtet euch nicht!“, die definitive Absage des Engels in der Heiligen Nacht an Panik und Angst. Diesem Diktum eignet ein Attribut, das der antike griechische Philosoph Platon ( 348/47 v. Chr.) zu den vier Haupttugenden des Menschen zählte: Besonnenheit. Von allen vier (hinzu kommen Weisheit, Mut und Gerechtigkeit) ist diese wohl die wichtigste, um Angst und Panik zu begegnen respektive vorzubeugen. Rund 300 Jahre später war es der Römer Cicero, der in seinem Traktat „De officiis“ (Über die Pflichten) diese Tugenden als ethische Basiselemente politischer Führung beschrieb: Politik als Kunst der Kompromisse, zu denen Mut und Gerechtigkeit, vor allem aber Weisheit und Besonnenheit gehören. Dass schon zu Platons und Ciceros Zeiten zwischen Ideal und Wirklichkeit durch Unfähigkeit, Unnachgiebigkeit, Unberechenbarkeit tiefe Klüfte gerissen wurden, ist kein Grund, es nicht im neuen Jahr aufs Neue zu versuchen. Wir sind Sisyphos, den wir uns Albert Camus folgend „als einen glücklichen Menschen vorstellen“ müssen.

Eine der treffendsten Antworten auf die Gretchenfrage hat übrigens ein Mann gegeben, der Jahrzehnte gegen den Ruf ankämpfen musste, gerade in dieser Angelegenheit besonders starr und unnachgiebig zu sein: Joseph Ratzinger. Der spätere Papst Benedikt XVI. hatte 1968 als 41-jähriger Dogmatikprofessor den aus einer Vorlesungsreihe entstandenen Band „Einführung in das Christentum“ veröffentlicht. Das heute zu den katholischen Klassikern zählende Werk räumt seinerzeit durchaus überraschend   gerade dem Zweifel und dem Ringen mit diesem um Glaube und Einsicht reichlich Raum ein. Für Ratzinger ist der Zweifel konstitutiver Bestandteil des Glaubens und er forderte folgerichtig „Aufrichtigkeit gegenüber den Fragen des Nichtchristen, dessen ,Vielleicht nicht  uns doch so ernst bedrängen muss, wie wir wünschen, dass ihn das christliche ,Vielleicht  bedränge“. Dass ein „Vielleicht nicht“ gegenüber missionsdurchglühten Klimaaktivisten kaum auf solche intellektuelle Redlichkeit trifft, sollte zu denken geben. „Der kritische Geist macht Unterscheidungen“, äußerte vor 25 Jahren der italienische Schriftsteller und Philosoph Umberto Eco. „In der modernen Kultur lobt die Wissenschaft mangelnde Übereinstimmung als nützlich für die Bereicherung des Wissens. Für den Urfaschismus ist fehlende Übereinstimmung Verrat.“ Es liegt jedenfalls kein kultureller Fortschritt darin, Menschen, die die Greta-Frage oder andere Haltungs-Fragen „falsch" beantworten, zu stigmatisieren wie einst Menschen, die das bei der Gretchenfrage taten.

Greta, Gretchen und der „tote“ Gott

Der Schweizer Padrutt konstatiert in seinem „Winterreise“-Essay mit radikaler Emphase: „Das animal rationale schlägt sich den Kopf ein, wenn es um Brennstoff geht. Eher erschießt es den Tankwart, als dass es einmal zu Fuß geht.“ Und er verweist zugleich auf die Entfremdung des Menschen „von einem Gott, der ,tot  ist“. Man assoziiert Dostojewski und dessen Warnung: „Wenn es keinen Gott gibt, dann ist alles erlaubt.“ Die Fragen der beiden Greten scheinen hier in ihrer ganzen existenziellen Verkettung auf. Besonnenheit ist das oberste Gebot, wenn das Werk der Vorgenerationen verteufelt und ernsthaft erwogen wird, aus Klimaschutzgründen auf Fortpflanzung zu verzichten. Vor knapp drei Jahren erschien ein SPIEGEL-Buch mit dem Titel „Früher war alles schlechter. Warum es uns trotz Kriegen, Krankheiten und Katastrophen immer besser geht“. Ein nachgerade ketzerischer Band, der indes strikt faktenbasiert argumentiert. Mit der unausgesprochenen, gleichwohl apokalyptischen Botschaft: Es gibt noch viel zu tun.

Der große katholische Theologe Klaus Berger sagte mir einmal, „das Faszinierende an Apokalypsen besteht für mich darin, dass sie eine neue Welt entwerfen“. Denn das griechische Wort Apokalypse steht für Enthüllung, Entschleierung, Offenbarung eines qualitativ Anderen. So, wie sich beim Orgelprojekt in Halberstadt Stunde um Stunde, Tag um Tag, Jahr um Jahr, Jahrhundert um Jahrhundert die Töne offenbaren, vereinigen, verströmen und schließlich als ganz Neues, als neues Ganzes in der Welt sind. Das ist zumindest die Hoffnung, die durch den akustischen „Blick“ ins Ausgreifende kommender Menschenalter mit der eigenen Endlichkeit versöhnen kann.

Für John Cage umfasste Musik alle Klänge, Töne, Geräusche. Egal, ob harmonisch, dissonant, isoliert oder komponiert. Das Leben eine einzige Musik. Im Zen-Buddhismus, mit dem sich der Multikünstler Cage zeitlebens intensiv beschäftigte, gibt es den zentralen Begriff der Erleuchtung, jener spirituell-glückhaften Erfahrung der Einswerdung mit dem Universum. Auf das Christliche bezogen ist das, wie Thomas von Aquin ( 1274) schrieb, der Moment, da der Mensch durch Gott den Heiligen Geist und damit die Erlösung empfängt. Es ist auch hier die dem Menschen immanente Hoffnung auf die „Fülle der Zeit“, die mitgewirkt hat, das ebenso zeitlose wie jahrhundertpralle John-Cage-Projekt in einem ostdeutschen Refugium ins musikalisch-philosophische Werk zu setzen. Denn dessen hörbare Botschaft ist: Man braucht Geduld, Besinnung und Besonnenheit. Man muss hinhören und zuhören. Und vor allem: Ein Wechsel des Tons kann alles verändern.

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