Wissenschaftler ohne Beweise

Viele Schulen tragen seinen Namen. Die Stadt Pisa hat ihren Flughafen nach ihm benannt und sogar eine Raumsonde ist schon mit seinem Namen in die unendlichen Weiten geschleudert worden. Dabei war der berühmte Forscher Galileo Galilei, der vor 450 Jahren in Pisa zur Welt kam und in Florenz aufwuchs, weder ein Erfinder noch der Entdecker eines neuen Weltbildes. Sein anhaltender Ruhm basiert auf seinem Image, ein „Märtyrer der Wissenschaft“ und ein „Opfer der Inquisition“ zu sein. Doch dieses Image ist im Wissenschaftsbetrieb längst widerlegt. Ausgerechnet zu Gunsten der Kirche. Von Paul Badde

Gläubig, aber wissenschaftlich unsauber: Ein zeitgenössisches Bild des italienischen Mathematikers und Forschers Galileo Galilei. Foto: dpa
Gläubig, aber wissenschaftlich unsauber: Ein zeitgenössisches Bild des italienischen Mathematikers und Forschers Galileo... Foto: dpa

Das Fernglas hat er nicht erfunden, sondern lediglich weiterentwickelt. Und auch die Idee, dass die Erde um die Sonne kreise und nicht andersherum, stammt nicht von ihm, sondern von Nikolaus Kopernikus. Doch trotz dieser Schwächen: Als Sinnbild des modernen Wissenschaftlers, der hingebungsvoll nach der Wahrheit forscht und sich selbst von der Institution des angeblichen Aberglaubens nicht aufhalten lässt, dient Galileo Galilei bis heute.

Vor 450 Jahren, am 15. Februar 1564, kam er als Sohn einer verarmten Patrizierfamilie in Pisa zur Welt. Der Vater war Musiker mit guten Verbindungen zum Hof der Medici in Florenz und stand dem Wunsch des Sohnes, Benediktinermönch zu werden, skeptisch gegenüber. So folgten der Klosterschule nicht die ewigen Gelübde, sondern das Medizinstudium. Doch Galileo Galilei entdeckte schnell seine wahre Leidenschaft – die Mathematik. Alles, was mit Dreiecken, Kreisen und anderen geometrischen Figuren, mit Körpern in Bewegung zu tun hatte, faszinierte den jungen Mann.

Als er erfuhr, dass holländische Brillenmacher ein Vergrößerungsinstrument (Teleskop) erfunden hatten, baute er es mit besseren Linsen nach. Natürlich benutzte er es auch. Mal richtete er es auf die Berge und das Meer, manchmal aber auch auf den Mond, die Sonne und andere Gestirne. So weit, so gut. Problematisch wurde es, als der talentierte Forscher versuchte, die von Nikolaus Kopernikus entwickelte Theorie des heliozentrischen Weltbildes mithilfe der Sonnenflecken (ab 1610) und der Gezeiten zu erklären. Die Entstehung von Ebbe und Flut als empirischer Beweis für die Bewegung der Erde – das war wissenschaftlich ebenso schief wie der berühmte Turm von Galileis Geburtsstadt.

Doch: Es dauerte lange, bis die dahin wissenschaftlich fortschrittlichste Einrichtung Europas, die heilige Inquisition, Galileo Galilei zum Widerruf verurteilte. Erst am 22. Juni 1633, also als fast 70-Jähriger, musste er seiner Irrlehre abschwören, dass die Sonne die stehende Mitte des Universums sei. Dass die Sonne hingegen morgens im Osten auf- und abends im Westen untergeht – also „geht“, wohlgemerkt, und nicht steht! – sieht aber auch heute noch jedes Kind. Damals hielten das deshalb auch viele Geistesgrößen noch für das Wahrscheinlichere, weil es eben so augenscheinlich ist.

Doch darum ging es in dem berühmten Prozess gegen Galilei gar nicht. Wie bereits angedeutet: Schon 1507 hatte Nikolaus Kopernikus im Ermland an der Ostsee die Hypothese aufgestellt, dass „die Erde sich nicht um die Sonne dreht, sondern umgekehrt“ und dergleichen mehr. Die Behauptung konnte einiges besser erklären als die alte Hypothese des Ptolomäus, für den die Erde eine Scheibe war (wofür dem Augenschein nach ja auch einiges spricht). Im spanischen Salamanca wurde jedenfalls seit 1561 schon das eine wie das andere Weltbild gelehrt. Doch weder das eine noch das andere ließ sich damals (oder auch 1633) schon wissenschaftlich beweisen. Bis zu einem solchen Beweis aber, hielt die Inquisition Galilei vor, müsse auch er ein wenig selbstkritischer und skeptischer mit seinen Thesen sein. Davon wollte der schillernde Gelehrte jedoch nichts wissen. Es war ihm auch egal, was die Bibel dazu sagte und welche Wirkung seine umstürzende Entdeckung auf die einfachen Leute haben mochte. Luther und Calvin hatten sich schon über die Anmaßung des Kopernikus empört. Immerhin: Papst Urban VIII. in Rom ließ Galilei, den er liebevoll seinen „Bruder“ nannte, immer noch milde gewähren.

Erst am 22. Juni 1633 verpflichtete der Pontifex ihn endlich, seine Irrtümer hinter dem Pantheon in der Aula des Klosters Santa Maria Sopra Minerva öffentlich vor der Inquisition zu widerrufen. Etwas länger als dieser von wohlwollender Toleranz gebremste Prozess hat es allerdings gedauert, bis die katholische Kirche den Fall wieder aufrollte und Galileo Galilei am 2. November 1992 – vor nicht einmal einem Vierteljahrhundert – unter Johannes Paul II. formal rehabilitierte. Galileis Verurteilung durch die Kirche sei, so der Papst aus Polen damals, ein „schmerzliches Missverständnis“ gewesen. Was wohl wahr ist, denn ein Missverständnis ist ein beiderseitiger Kommunikationsfehler. Galileo Galilei solle eine Statue im Vatikan bekommen, hieß es damals sogar in Vatikankreisen. Gesehen wurde eine solche aber bislang noch nicht.

Im November 2008 distanzierte sich der Vatikan dann erneut von der Verurteilung durch die päpstliche Inquisition, indem man eine historisch-kritische Ausgabe der Prozessakten veröffentlichte. Betreut hat das 550 Seiten-starke Werk mit vielen neuen Dokumenten Bischof Sergio Pagano, der Präfekt des Vatikanischen Geheimarchivs. Urban VIII. habe das Urteil gegen Galilei ja gar nicht unterzeichnet, hieß es nun von Seiten des Vatikans, außerdem hätten Papst und Kurie nicht geschlossen hinter der Inquisition gestanden. Kurzum, es hätte „Irrtümer“ gegeben und Papst Benedikt XVI. selbst rühmte nun vor aller Welt den Forscherdrang Galileis. Der damalige Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone interpretierte Galilei – mit Blick auf die früh gespürte Ordensberufung sowie den regelmäßigen Sakramenten-Empfang in durchaus angemessener Weise – als einen „Mann des Glaubens“, der „die Natur als ein Buch ansah, dessen Autor Gott ist“, und dessen Geist uns lehre, „wie man in den Himmel kommt, nicht wie der Himmel sich bewegt“.

Sogar eine Totenmesse wurde danach von Erzbischof Gianfranco Ravasi für den armen Sünder Galilei gelesen, um die Bewegung in den Himmel zu beschleunigen. Ganz vom Tisch bekam und bekommt der Vatikan den Fall so leicht aber wohl dennoch nicht. Aus zwei Gründen: Erstens ist Galilei längst ein Mythos geworden, ein „Märtyrer der Wissenschaft“, wie es bei aktuellen Feierstunden kirchenkritischer Kreise gerne heißt, was mit den historischen Fakten kaum etwas zu tun hat. Und zweitens, weil die Inquisition mit ihrem so harsch anmutenden Urteil gegen Galilei recht hatte.

Kardinal Robert Bellarmin, der höchst barmherzige Gegenspieler Galileis in der Inquisition, erfüllte nämlich schon im 17. Jahrhundert das moderne Ideal der Wissenschaft des 21. Jahrhunderts, dass jede wissenschaftliche Behauptung nur Hypothese sein darf. Karl Popper hat die Erkenntnis dann 1934 in seiner „Logik der Forschung“ klassisch ausformuliert. Davon wollte Galileo Galilei hingegen zu seiner Zeit überhaupt nichts wissen. Er sah in jedem Gedanken, der ihm durchs Hirn schoss, nichts als die pure Wahrheit für alle Zeiten, auch wenn sie noch so abstrus war. Wie verworren und unsystematisch seine Argumente zuweilen waren, zeigt besonders deutlich sein Hauptwerk, die 1638 erschienenen „Discorsi“ (Dialoge), die Lichtjahre entfernt zu sein scheinen von den geordneten Methoden und Gesetzen der modernen Physik. Mag es in diesem Werk auch über die Bewegung und ihre Gesetze gehen, die Ansprüche der heutigen Lehrstandards zur Mechanik konnte Galileo Galilei bei weitem nicht erfüllen.

Deshalb hielt aber auch schon 1908 der französische Physiker Pierre Duhem fest, dass im Prozess gegen Galileo Galilei „die wissenschaftliche Logik“ auf der Seite der Inquisition und nicht auf der Seite Galileis gestanden habe: „Angenommen, die Hypothesen des Kopernikus könnten alle bekannten Erscheinungen erklären, dann könnte man daraus schließen, dass sie möglicherweise wahr sind, keineswegs aber, dass sie notwendig stimmen. Um diesen letzten Schluss zu ziehen, müsste man ja beweisen, dass kein anderes System denkbar ist, das die Erscheinungen genauso gut (oder besser) erklärt. Dieser letzte Beweis ist nie geführt worden.“ Bis Einstein die Relativitätstheorie entdeckte, wie man heute hinzufügen kann. Kurioserweise sind in unserem Zeitalter aber auch atheistische oder agnostische Wissenschaftler der Kirche in ihrem damaligen Disput mit Galilei solidarisch beigesprungen, von dem marxistischen Philosophen Ernst Bloch bis zu dem agnostisch skeptischen Paul Feyerabend, der 1976 in seiner Streitschrift „Wider den Methodenzwang“ festhielt: „Die Kirche zur Zeit Galileis hielt sich viel enger an die Vernunft als Galilei selber, und sie zog auch die ethischen und sozialen Folgen der Galileischen Lehren in Betracht. Ihr Urteil gegen Galilei war rational und gerecht, und seine Revision lässt sich nur politisch-opportunistisch rechtfertigen.“ Carl Friedrich von Weizsäcker ging noch weiter, als er als konkrete Konsequenz der Haltung Galileo Galileis, der sein erstes Teleskop den Regierenden von Venedig 1609 mit der Absicht überreichte, es möge militärischen Zwecken dienen, einen direkten Weg zur Entwicklung der Atombombe erkannte. Ähnlich urteilte auch Bertolt Brecht: „Galileis Verbrechen kann als Erbsünde der modernen Naturwissenschaften bezeichnet werden. Die Atombombe ist sowohl als technisches als auch soziales Phänomen das klassische Endprodukt seiner wissenschaftlichen Leistung und seines sozialen Versagens.“

Doch es hilft alles nichts. Kritik an Galilei scheint vergebliche Liebesmüh. Er ist die heilige Kuh der Moderne geworden, auch wenn die Inquisition auf die Bitte Papst Benedikts XIV. im Jahr 1741 den Druck der Gesamtausgabe seiner Werke ohne Abstriche gestattete. Trotz des Einräumens von wissenschaftlichen Missverständnissen durch Johannes Paul II. Trotz Totenmesse mit Kardinalssegen und vatikanischer Archiv-Transparenz. Und es braucht schon einen so frechen Hundling wie den Kisch-Preisträger Hans Conrad Zander aus der Schweiz, der es wagen darf, Galileo Galilei als „rücksichtslos, überheblich, größenwahnsinnig“ zu bezeichnen, mit dem eher zweifelhaften Zugeständnis, ein „Marketing-Genie (mit Verfolgungswahn)“ gewesen zu sein. Bei diesem „epochalen Januskopf“ redet sich der ebenso witzige wie bedächtige Schweizer Zander auch 450 Jahre nach Galileis Geburt noch gern in Fahrt. Der „Champion der Emanzipation der Wissenschaft aus kirchlicher Knechtschaft und Märtyrer moderner Geistesfreiheit“, sei, von vorn betrachtet, „das schöne Gesicht der Kultfigur Galilei“. Von hinten betrachtet hingegen habe er „die hässlichste aller akademischen Fratzen: ein Naturwissenschaftler, der übereifrig, skrupellos, sein Wissen und seine Technik in den Dienst politischer Tyrannen stellt. Der Archetyp des verwilderten Naturwissenschaftlers heißt Galileo Galilei.“

Gnädiger urteilt über ihn, auch in unserer Zeit, die römische Kirche, etwa Kardinal Walter Brandmüller, der Chefhistoriker des Vatikans, der den „gläubigen Katholiken“ zwar für einen „eitlen, von seiner Bedeutung zutiefst überzeugten Gelehrten hält, der sein Konto manchmal überzogen hat und im Umgang mit Kollegen und Konkurrenten gewiss keine Bisshemmungen kannte“. Seine Verurteilung, so Brandmüller, sei dennoch „wohl begründet“ gewesen. Denn erstens habe er die Druckerlaubnis für seinen „Dialogo“ auf unlautere Weise erschlichen. Zweitens habe er nicht auf die Forderung des Heiligen Offiziums eingehen wollen, seine Theorie über den Heliozentrismus als astronomische, physikalische Hypothese zu vertreten und eben nicht als exakte Beschreibung der kosmischen Realität. „Genau damit hat die Heilige Inquisition damals aber schon den wissenschaftstheoretischen Standpunkt vorweggenommen, den die modernste theoretische Physik heute einnimmt – und nicht Galilei. Das war der Kern des Streits. In naturwissenschaftlicher Hinsicht war die Inquisition im Recht – und Galilei mit seiner Bibelerklärung!“

Die eigentliche wissenschaftliche Bedeutung Galileis habe, so folgert der Kardinal weiter, weniger mit seinen astronomischen Beobachtungen zu tun gehabt, sondern vielmehr mit seinem Spätwerk über die Mechanik, das er in seinem angeblichen „Kerker“ im Palast des Heiligen Uffiziums bei der besten Küche Roms begonnen und nach seiner Verurteilung durch die Inquisition vollendet hat. Dass sich die Erde dennoch bewege – seinen angeblich berühmtesten Satz („Eppur si muove“) – hat ihn dabei keiner murmeln gehört. Wie auch? In einem derart exklusiven Forschungs-Ambiente, gestiftet vom Vatikan, auf das mancher heutige Wissenschafts-Stipendiat nur neidisch sein kann, dürfte eine derartige Trotzreaktion deplatziert sein. Mit Sicherheit weiterdrehen wird sich aber der Wirbel um Galileo. Zahlreiche Symposien und Lehrprogramme aus Anlass des 450. Geburtstages stehen im Jubiläumsjahr 2014 an. Penibel achtet man darauf, dass auch die junge Generation die Stereotype und Vorteile im Zusammenhang mit seiner Person aufnimmt und in die Zukunft weiterträgt. Wobei der Umstand, dass viele Schulen nach Galileo Galilei benannt sind, hilfreich ist. Das ist längst nicht alles: Die Stadt Pisa hat ihren Flughafen nach ihm benannt und sogar eine Raumforschungssonde ist schon mit Galileis Namen in die unendlichen Weiten des Weltalls geschleudert worden. Die NASA machte dies im Jahr 1989. 2003 wurde die Raumsonde „Galilei“ dann allerdings im Schwerefeld des Jupiters gezielt zum Absturz gebracht und verglühte. Was eigentlich ein schönes Gleichnis für die wissenschaftliche Laufbahn des vermeintlichen Himmelsstürmers Galilei ist, der aufgrund seiner schlechten Methodik auf die schiefe Bahn geriet. Doch sei's drum. Als Treppenwitz der Geistesgeschichte des blauen Planeten hat sein Fall unsere Erinnerung verdient. Als Mahnmal für Wissenschaftler, die alles erklären wollen, ohne Beweise liefern zu können.